troublebreathing ♥

Kapitel 22 - Die Realität ruiniert mir mal wieder mein Leben

"Wissen Sie warum Frauen lange Haare haben? Erst neulich habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass sie lange Haare haben, damit sie im Genick nicht nass werden wenn es regnet." Der ältere Herr, der einige Sitze vor mir saß, erntete lautes Gelächter von zwei anderen Herren, die ihm gegenüber saßen.
Oh mein Gott!, dachte ich nur. Wo bin ich denn hier gelandet?
Schon als ich diesen Mann mit seinen Christenfreunden an der Bushaltestelle erblickte, hätte ich wieder nach Hause gehen und den nächsten Bus nehmen sollen. Dieses ständige Gerede über Gott, der ja jeden liebt und überall ist, macht mich krank. Aber nein, ich wollte ja unbedingt Punkt zwölf Uhr vor der Halle stehn.
Noch vier Stationen, dann war ich diesen alten Knacker los. Doch drei Stationen vorher stiegen die anderen zwei Herren aus und der alte Knacker war alleine. Er sah sich suchend um, entdeckte mich, schien kurz zu überlegen und setzte sich dann auf den Sitz vor mir.
"Hallo", begrüßte mich der Alte.
"Ähm… Hallo…"
"Sie sind doch mit mir in den Bus eingestiegen, oder?"
Ich schluckte. "Äh… Ja…"
"Dort in der Nähe findet morgen Abend eine Versammlung statt."
"Aha."
"Ja, in dieser kleinen Halle, in der Nähe von diesem Supermarkt. Wissen Sie was ich meine?"
Nein. "Ja, klar."
"Gut. Da reden wir dann über Gott. Und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie ebenfalls kommen würden."
Hilflos sah ich mich um. Der Bus war zu mehr als die Hälfte gefüllt, aber nein, dieser Typ suchte sich ausgerechnet den am meisten überzeugten Atheisten aus.
"Naja, ich denke eher nicht, dass ich kommen werde", sagte ich schließlich.
"Oh, schade. Warum denn nicht?"
"Ähm… Ich glaub' nicht wirklich an Gott."
"Sehr schade… Wissen Sie, Gott liebt Sie mehr, als Ihre Eltern es tun. Er ist immer für Sie da. Mir selbst hat er schon viel Kraft gegeben."
"Das ist echt schön für Sie, aber ich glaub' trotzdem nicht daran."
"Versprechen Sie mir aber, dass Sie zumindest zu der Versammlung kommen und über das Alles, was dort gesagt wird, nachdenken."
Ich seufzte. "Ja, schon okay. Ich werd' da sein."
Der Alte freute sich so sehr darüber, als hätte er eben mit mir das beste Geschäft seines Lebens gemacht. "Wissen Sie, Gott ist überall…" Meine Station! "Und er…" - "Ich muss hier raus. Tschüss."
Hilfe! Sowas konnte auch nur mir passieren. Aber jetzt war ich endlich in Sicherheit. Als ich dem Bus hinterher sah, konnte ich noch erkennen, dass der Alte sich nun ein neues Opfer gesucht hatte. Zum Glück gab es nur noch vier Stationen, bis zur Endstation. Aber egal. Jetzt konnte ich mich endlich voll und ganz auf das Konzert freuen.

Ich saß schon seit fast zwei Stunden mit wenigen anderen FURT-Fans vor der Halle, als Jan mir eine SMS schrieb. Auf diese SMS konnte ich scheißen. Schon am Morgen hatten wir uns wieder gestritten. Er hatte sich mal wieder nicht an sein Versprechen gehalten. Vor einem halben Jahr, als klar war, dass ich auf dieses Konzert gehen würde meinte Jan er würde vielleicht mitkommen. Ich mein', mir war natürlich klar, dass er nicht mitkommen würde und ich fand das auch gar nicht schlimm, aber wenn er es von sich aus schon vorschlägt… Wer weiß? Eine Woche vorher meinte er dann, dass er zwar nicht mitkommt, aber diese sechs Stunden mit mir vor der Halle warten würde. Einen Tag vorher wurden aus diesen sechs Stunden zwei Stunden und am Konzert-Morgen rief er mich schließlich an und meinte, er müsse Fenster putzen und kann deshalb nicht kommen. Er musste zwar tatsächlich Fenster putzen, da er in einer Woche aus seiner Wohnung auszog, aber das hätte er auch am Tag vorher, wo er lieber mit seinen Freunden wegging, machen können.
Mir ging es damals nicht darum, dass er nicht mit mir gewartet hat. Es war ja nicht mein erstes Konzert und bisher hatte ich immer alleine vor der Halle gewartet. Natürlich wäre es schöner gewesen zu zweit zu warten, aber ich hatte auch kein Problem damit, wenn ich alleine warten musste. Jedoch war ich sauer, weil Jan es versprochen hatte und sein Versprechen - wie so oft - nicht einhielt. Und, weil er keine Stunde für mich opfern konnte. Immer war ich diejenige, die alles stehn und liegen ließ, die mehrmals am Tag hin- und herfuhr nur damit wir uns wenigstens kurz sahen und, die einfach alles für die Beziehung tat. Und Jan? Ihm schien das Alles egal zu sein. Ich schien ihm egal zu sein. Er nahm und nahm und gab nie zurück. Er schien mich damals immer nur mit Gegenständen zufrieden zu stellen. Er kaufte mir irgendwelche Dinge, in der Hoffnung, sie ersetzten die nötige Arbeit, die eine Beziehung braucht. Als ich ihm mal sagte, dass ich mir nur Zeit von ihm wünschte, schnauzte er mich an: "Zeit ist Geld! Und heutzutage hat niemand mehr Zeit!" Statt, dass er mir also zehn Minuten seiner kostbaren Zeit schenkte, kaufte er mir, als er seinen Handyvertrag verlängerte, ein Handy für fünf Euro.

Jan 14:26
Hi mein Schatz! Wie geht’s dir? Ist bei dir kalt? Ild Jan


Franzi 14:30

Wenn du wissen willst, wies mir geht, dann hättest halt kommen sollen. Und nein, mir ist nicht kalt.


Er tat schon so, als wären wir Stunden voneinander entfernt. Aber die 10 Minuten Entfernung… Ohne schlechtes Gewissen konnte ich behaupten, dass wir dasselbe Wetter plus die dazugehörenden Temperaturen hatten. Und das Wetter war nicht wirklich schlecht. Obwohl die eine Seite des Himmels stockdüster war, hatten wir noch die andere, blaue Seite, Dank der es in der Sonne richtig heiß war.
Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Da es eine Unwetterwarnung gab, ließ man uns schon gegen vier in den Eingangsbereich der Halle und gerade als ich auf den Ruchsack eines anderen Fans auspasste, bekam ich eine SMS von Jan.

Jan 16:19
Wo bist du? Ich steh gerade vor der Halle.


Schade, dass ich wegen des Rucksacks nicht weg konnte. Aber ich hielt mich nun mal an Versprechen. Selbst Fremden gegenüber. Und so musste mein guter Freund warten, bis die Rucksackbesitzerin wieder auftauchte, was leider keine zehn Minuten dauerte.
Vor der Halle drückte mir Jan eine Burger King-Tüte in die Hand und meinte: "Mein Kumpel hat mich schnell hergefahren, damit ich dir das hier geben kann. Und gleich fährt er mich ins Geschäft, weils 'ne Unwetterwarnung gibt und wir dann bereit sein müssen."
"Ich hab' keinen Hunger."
"Dann lass es stehn. Habs nur gut gemeint.'
"Hast du deine Fenster geputzt?", fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort schon kannte.
Jan seufzte. "Nein, hab' ich nicht."
"War so klar."
"Was soll das denn jetzt wieder heißen?"
"Dass es mal wieder nur 'ne Ausrede war, damit du nicht herkommen musstest."
"Das stimmt doch gar nicht!", Jan wurde nun richtig sauer. "Ich hab' dir sogar extra 'nen Fischburger gebracht!"
"Ja, mit dem Wissen, dass ich vor Konzerten nichts esse, weil ich sonst kotze."
Jan schüttelte stumm den Kopf, als ich fortfuhr: "Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass ich immer alles für dich, für uns, tue? Wenn ich so wie du wäre, würden wir uns wahrscheinlich höchstens einmal im Monat sehen."
"Das stimmt doch gar nicht!"
"Natürlich! Und es kotzt mich an, dass dir immer alles so scheißegal ist und du keine fünf Minuten für mich opfern kannst."
"Das wird mir jetzt echt zu blöd", sagte er, bevor er - wie immer wenn es ums Reden ging - einfach abhaute.
So war Jan. Sobald ich über unsere Probleme reden wollte, haute er einfach ab. Niemals durfte ich ihm von meinen Gefühlen und Gedanken erzählen. Niemals durfte ich eine andere Meinung als er haben, da er alles sofort persönlich nahm. Jan war gefühlskalt. Ein Eisblock.
Ich hatte schon gar keine Lust mehr auf das Konzert. Er hatte es mir gründlich versaut. Ständig musste ich an den Streit denken. Dass er mich einfach nicht verstand. Und Felix immer mehr. Wie konnte ich mich nur für Jan entscheiden? Felix wäre sofort gekommen.
Aber nach einiger Zeit dachte ich mir nur: Was solls?
Hallo? In weniger als vier Stunden würde ich Farin endlich wieder sehen! Wenn das mal kein vernünftiger Grund war, alle negativen Gedanken über Board zu werfen.

Jan 17:03
Hallo mein Schatz. Wollt mich für vorhin entschuldigen. Hoffe du hast trotzdem nen schönen Abend. Ich liebe dich. Dein Jan


Aus Prinzip antwortete ich ihm nicht, sondern widmete meine Gedanken dem bevorstehenden Konzert und hoffte wieder mal auf die erste Reihe. Doch so langsam füllte sich der Eingangsbereich immer mehr, weshalb ich mich von meinem Platz trennte und mich weiter nach vorne setzte. Ich hatte kaum auf dem Boden Platz genommen, als ich ständig von einem blonden Typen, der keinen Meter von mir entfernt saß, angeglotzt wurde. Gerade als ich anmerken wollte, dass ich kein Kino sei, fragte er mich: "Bist du alleine hier?"
Äh? "Ja."
Sofort rückte er zur Seite, um für mich Platz zu machen. "Na dann setz dich doch zu uns."
Etwas verwirrt von soviel Freundlichkeit, aber auch froh darüber, setzte ich mich zu ihm und einem brünetten Mädchen mit Brille. "Ähm, danke."
Die Beiden stellten sich als Jule und David vor und wir kannten uns noch keine fünf Minuten, da waren wir schon in einer Unterhaltung, in der es natürlich um die Ärzte ging, vertieft. Es war seltsam. Bei meinen ganzen Konzerten, wurde ich noch nie so freundlich empfangen wie an diesem Tag. Ich mein', ab und zu hab' ich schon mit dem einen oder anderen Fan geredet aber, dass sich wirklich jemand darüber Gedanken macht, ob ich nun alleine war? Das kannte ich nicht.
"Warum bist du eigentlich alleine da? Das ist doch bestimmt voll langweilig, oder?", fragte mich David irgendwann.
"Naja, irgendwie schon, aber in meinem Freundeskreis gibts leider keine Ärzte- oder Farinfans", antwortete ich.
"Wow Respekt", meinte Jule. "Ich würde mich nie trauen, alleine auf ein Konzert zu gehn."
Ich eigentlich auch nicht. Aber lieber ging ich alleine auf ein Konzert, als es zu verpassen. Und es lohnte sich wirklich. Das Konzert war, wie immer der Hammer. Einzig die Tatsache, dass ich in Gedanken weniger bei Farin und vielmehr bei Felix war, störte mich. Farin sang Unsichtbar - ich dachte an Felix. Farin sang OK - ich dachte an Felix. Farin sang Niemals - ich dachte an Felix. Und sogar bei Insel musste ich an Felix denken - nur weil er einmal im ICQ erwähnte, dass ihm das Lied gefiel. Aber lieber dachte ich an Felix, als an Jan. Und was das betraf, so konnte man meinen, Jan existierte gar nicht mehr für mich. Während dem ganzen Konzert dachte ich kein einziges Mal an Jan. Meine Sorgen und Wut wegen ihm waren für zwei Stunden wie weggeblasen. Es war toll.

*****

Ich sah auf mein Handy. Die Ziffern der Uhr zeigten mir halb zwei an. Ich seufzte. Als ich neben mich sah, erblickte ich meinen schnarchenden Freund. Ich will nach Hause, dachte ich nur. Warum bin ich nur hergekommen? Mein ursprünglicher Plan war der, Zuhause zu bleiben. Aber nein, die Mutter nervte mal wieder und schwupp - landete ich in dieser bescheuerten Situation.
Diese Schlaflosigkeit hatte angefangen, als Jan in seine neue Wohnung gezogen war. Es gab nur eine einzige Nacht, in der ich richtig schlafen konnte und das lag einzig und allein an meiner Erschöpfung. Erschöpfung, weil ich die Wohnung den ganzen Tag alleine geputzt hatte, da Jan, nachdem er mit seinem Umzug fertig war, auch noch notgedrungen bei zwei anderen Umzügen half. Das Putzen war schrecklich. Überall Haare. An den Wänden, am Boden, in der Dusche, in den Schränken und ja sogar im Kühlschrank! Ich war so froh an diesem Abend endlich ins Bett zu kommen. Und ich war auch froh, dass Jan nun endlich alleine - ohne seinen Bruder - wohnte. Ich hatte gehofft, die neue Wohnung würde uns mehr Glück bringen. Doch mit der neuen Wohnung fing es erst richtig an.
Mittlerweile war es zwei Uhr. Ich glaubte nicht mehr daran, in dieser Nacht ein Auge zu zubekommen, aber irgendwer schien es gut mit mir zu meinen, denn irgendwann schaffte ich es dann doch noch. Und wäre Jan nicht gewesen, dann hätte ich auch durchgeschlafen. Aber irgendwann gegen drei Uhr nuschelte er - im Schlaf versteht sich - etwas was sich anhörte wie: "Schatz, komm' her wenn du nicht schlafen kannst." Was für ein Glück, dass ich sofort wieder einschlief. Doch diese Nacht war mehr als beschissen. Normalerweise weckte mich Jan nachts einmal mit irgendwelchen unlogischen Sätzen, aber diese Nacht war… Schrecklich. Jede halbe Stunde kam was von ihm. Gegen halb fünf gab ich das Schlafen dann unfreiwillig auf. Jan meinte dann irgendwann: "Ich mach gleich mal das Fenster auf." Selbst nach fünf Minuten passierte nichts, also tat ich ihm eben den Gefallen. Als ich wieder im Bett lag bemerkte ich, dass mit dem offenen Fenster auch ziemlich viel Lärm verbunden war, also schloss ich es wieder. Jan schnauzte mich daraufhin an: "Warum hast du das Fenster wieder zugemacht?!"
"Weils kalt wurde und laut war", antwortete ich gereizt. "Und wenn dus offen haben willst, musst dus  selbst aufmachen, aber du kriegst deinen Arsch ja sowieso nicht hoch!"
Jan schrie dann im Halbschlaf: "Zick mich nicht an, nur weil du nicht schlafen kannst!"
Ich war den Tränen schon nahe, als ich daraufhin meinte: "Ja warum kann ich wohl nicht schlafen? Du laberst mich die ganze Nacht doch schon mit irgendeinem Scheiß voll!"
Er nuschelte noch ein "Stimmt gar nicht", doch als ich erwiderte, ob er mich verarschen wolle, war er bereits wieder eingeschlafen.
Ich war so sauer, traurig, enttäuscht. Ich hasste ihn. Obwohl es damals oft solch ähnliche Situationen gab, übertraf diese alle anderen bei Weitem. Wie konnte er nur behaupten, ich sei selbst Schuld an meiner Schlaflosigkeit? Er wusste ganz genau von seinem nächtlichen Gerede, aber ich war Schuld. Immer. Egal was ich tat, ich war die Böse. Er niemals. Er war so lieb zu mir. Kaufte mir sogar ein Handy und eine Kette mit einem Kreuz dran. Mir - einem Atheisten. Er hätte eigentlich viel Geld sparen können, wenn er seinen Kopf bei der Geschenksuche eingeschaltet hätte. Aber alles war zuviel verlangt.
Um ihm zu zeigen wie scheiße es ist nachts ständig von jemandem geweckt zu werden, fing ich an ihn vollzuquatschen und anzustupsen. Schon nach fünf Minuten fand er das gar nicht toll und schnauzte mich an, was ich denn eigentlich will. Diesen aggressiven Tonfall kannte ich noch nicht von ihm. "Du kannst mich mal! Glaub' demnächst bist du mich echt los!"
"Sag mal!", schrie Jan mich an. "Was drohst du mir eigentlich dauernd?"
"Ich droh' dir nicht, ich hab' nur keine Lust mehr, mich so von dir behandeln zu lassen!", waren noch meine Worte, bevor er wieder einschlief. Falls er jemals überhaupt wirklich wach gewesen war.
Daraufhin konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich heulte und heulte… Und Jan? Schlief weiter. Währenddessen kam er mir immer näher, schnarchte immer lauter und ich hätte ihn am liebsten… Doch stattdessen schnappte ich mir eine Tagesdecke, meine Bettdecke und mein Kissen und machte es mir auf dem Boden gemütlich - ein Sofa gab es nicht. Zwar war das nicht unbedingt schlaffördernd, aber immerhin war ich von Jan weg.
Ich war sogar so verzweifelt, dass ich Felix eine SMS schrieb.

Franzi 6:17
Oh Mann, tut mir so Leid, dass ich dir so früh schreibe, aber mir gehts richtig beschissen. Meine Nacht war scheiße und mein Freund ist ein Arschloch. Ich kann grad echt nicht mehr. Würd am Liebsten nach Hause, aber das kann ich ja nicht um diese Zeit.


Franzi: 6:31

Oh Gott! Sorry. Was denk ich mir nur? Noch mal SORRY für die SMS. Ich hoffe, ich hab dich nicht geweckt.

Eine Antwort bekam ich aber nicht. Natürlich nicht. Felix schlief ja schließlich um diese Zeit! Ich war echt schon sehr verzweifelt. Was tat ich da nur? Ich kam mir so blöd vor. Und mein Hass auf Jan wuchs immer mehr. Vor allem als ich hörte, dass er immer mal wieder wach war, sich aber einen Scheiß darum scherte wo ich war. Erst als ich mich gegen acht Uhr richtete und mein Bettzeug ins Bett warf, wachte Jan auf. Doch noch immer machte er keine Anstalten aufzustehen oder zu fragen, wohin ich gehe. "Was soll das?", fragte ich ihn schließlich. Keine Antwort. "Willst du mich jetzt ewig ignorieren?"
Er murmelte nur was Unverständliches vor sich hin, was wahrscheinlich soviel hieß wie: "Lass mich weiterpennen, hab' keine Lust jetzt mit dir zu reden."
"Ich denke wir sollten jetzt langsam mal darüber reden", meinte ich schließlich wieder. Die Antwort war die Übliche - schweigen.
Da von ihm nichts zu kommen schien, ging ich in die "Küche" - einer kleinen Nische mit Herd und Kühlschrank. Und es war kaum zu glauben, doch Jan kam mir hinterher! Er setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem "Kücheneingang" stand und schwieg weiter.
"Wie solls jetzt weitergehen?", fragte ich ihn.
"Keine Ahnung", antwortete er nur.
Nachdem wir uns dann wieder ewig lang anschwiegen, stand er auf und ging wieder Richtung Bett. Man muss sich vorstellen, das fand alles in einem Raum statt, da es eine Einzimmerwohnung war, wo das Bett nur durch einen Schrank vom restlichen Raum abgetrennt war.
"Hallo? Was rennst jetzt einfach weg?", fragte ich wieder.
"Jaa, du kannst ja auch herkommen!"
Wäre ich nicht total innerlich blond gewesen, wäre mir aufgefallen, dass das der perfekte Moment war, um einfach zu gehen. Aber nein. Ich ließ jeglicher Dummheit den Vorrang und kam ihm hinterher, bis ich vor dem Bett, wo er nun wieder lag, stehen blieb.
"Und?", fragte ich. "Wie solls jetzt weitergehen?"
Jan stöhnte. "Dir kann mans nie Recht machen! Wegen dir hab' ich extra mit Rauchen aufgehört! Aber du bist mit nix zufrieden! Du erinnerst mich voll an meine Mutter."
Autsch. Kein schöner Vergleich. Er hasste seine Mutter.
"Willkommen im Club, du erinnerst mich an meinen Opa und Vater." Ebenfalls zwei nicht allzu beliebte Menschen in meinem Leben. "Außerdem hast du mir von dir aus versprochen damit aufzuhören! Ich hab' dich nie darum gebeten!"
Jan tat so, als würde er schlafen und ignorierte mich weiter.
"Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass wir nie über Gedanken und Gefühle und so reden können?", fragte ich wieder. "Ich weiß mittlerweile alles von deinen Kollegen, aber nicht wirklich, was in dir vorgeht."
Wieder keine Antwort.
"Ja, hallo? Sag' mir doch mal, was du denkst."
"Keine Angaben", waren Jans Worte, die mich in den Wahnsinn trieben. Keine Angaben - hallo? Ich fühlte mich in diesem Moment verarscht und hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Oder zwei. Oder drei. Wahrscheinlich hätte ich gar nicht mehr aufhören können und damit angefangen, wie wild auf ihn einzuprügeln.
Danach war ich so sauer, dass ich immer lauter wurde und ihn anschrie. Und er? Klärt mich auf, dass  die Wörter, die ich gerade benutzt hatte, gar nicht existieren. Zur Krönung meinte er noch: "Sei mal nicht so laut! Hier wohnen auch noch andere!"
Ich konnte nicht mehr. Ich war kurz davor zusammen zuklappen. Es tat mir so weh, wie Jan mit mir umging. Dass ihm alles egal war. Dass ich ihm - wie immer - egal war.
Noch ein letztes Mal fragte ich, wie es jetzt weitergehen solle. Seine Antwort war: "Ich will nicht immer entscheiden. Entscheid' mal du."
"Ähm hallo?", langsam hatte ich das Gefühl, ich sei im falschen Film. Das konnte doch unmöglich real sein. "Du entscheidest immer? Du fragst mich sogar, was für Hosen du anziehn sollst!"
Okay, ganz ruhig, sagte ich mir in Gedanken, während ich tief ein- und ausatmete.
Fast verzweifelt fragte ich ihn: "Was fühlst du denn gerade?"
"Nix", war Jans Antwort.
"Für mich auch?"
"Ich fühl gerade allgemein nix."
Ich murmelte noch ein leises "Na dann" und wollte gerade gehen, als Jan tatsächlich meinte: "Ich will dich nicht verlieren."
Das sieht man, dachte ich und ging weiter Richtung Haustür. Jan kam mir hinterher, hielt mich am Arm fest und sagte: "Tut mir Leid."
Ich war zwar noch immer sauer, konnte mich aber langsam etwas beruhigen. Jan nahm mich nun in den Arm und flüsterte mir ins Ohr: "Ich würde mich freuen, wenn du bleibst."
Was sollte denn die Verarsche? Erst behandelte er mich so scheiße und dann glaubte er tatsächlich, dass ich freiwillig dableiben würde? Mein einziger Gedanken war nur: Arschloch!
Gerade als ich die Haustür öffnen wollte, schloss er sie ab und nahm den Schlüssel an sich. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte ein Mensch erst der totale Arsch sein und keine fünf Minuten später, bin ich ihm wieder suuuper wichtig? Das passte nicht zusammen.
"Lass mich bitte gehn", bat ich ihn, noch immer perplex.
"Nein, bleib' bitte."
Ich lachte gespielt. "Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass ich nach der Aktion von gerade noch freiwillig hierbleibe?"
"Es tut mir Leid. Ich werds wieder gut machen. Und ich will dich deswegen echt nicht verlieren." Er sah mich so süß an, als er das sagte. Aber nun war ich stärker.
"Lass mich gehn!"
Widerwillig schloss mir Jan die Haustür auf und fragte noch: "Soll ich dich heute noch anrufen?"
"Meld dich erst wieder, wenn du endlich mal weißt was du denkst und fühlst und überhaupt willst." Und weg war ich. Bei mir dabei: Der Gedanke gleich hoffentlich mit Felix schreiben zu können.

 

 

Kapitel 23 - Du bist schwerer zu lösen als ein 1000er Puzzle, das ausschließlich aus schwarzen Teile

Franzi: Manchmal wärs nicht schlecht, wenn man bisschen vergisst... So wie bei 50 erste Dates. Das wär was für mich.
Franzi: Wobei... dann könnt ich mich sicher auch an keine Träume mehr erinnern. -.- Doofig.
Felix: Eben. Und mich zu vergessen wäre doch auch doof. ^^
Franzi: Ähm... Naja... Wenn du meinst...
Felix: Nicht?
Franzi: Manchmal wärs schon toll paar Menschen zu vergessen. Oder paar Erinnerungen.
Felix: Auch von mir? ^^
Franzi: Schade wärs natürlich, aber würde einiges leichter machen.
Felix: Eig. hast das nett gesagt.
Franzi: Aber?
Felix: Es klang komisch. Aber es ist nett gesagt. ^^
Franzi: lol… Okay. ^^

Franzi: Mir ist grad irgendwie kalt.
Felix: Willst kuscheln kommen?
Franzi: Du wohnst leider nicht grad neben an.
Felix: Mhm…
Franzi: Ich komm mir vor wie betrunken.
Felix: Warum das?
Franzi: Weil ich mich nachts so fühle. Weiß auch nicht warum.
Ist bestimmt krankhaft.
Felix: Schwindelig?
Franzi: Joa, so bisschen.
Felix: Auje… Dann musst mehr essen.
Franzi: Es ist mitten in der Nacht, ich bin hundemüde, in mir ist alles umgedreht und mir ist schwindelig. Und du sagst, ich soll essen... Warum denken alle nur ans essen? Ich esse genug.
Felix: Sicher? Blutdruck OK?
Franzi: Ja. Nur die Raupen im Arsch sindn bisschen scheiße.
Felix: What?
Felix: Bei mir sinds Ameisen.
Franzi: Ja die breiten sich da total aus.
Felix: Also eig. schon OK dass die da sind.
Franzi: Wegen? Ich find die Raupen scheiße... Weil die werden ja bekanntlich zu Schmetterlingen... Und es gibt Schmetterlinge, die sind um die 20 cm groß... Die will ich dann weniger in mir haben.
Felix: Och komm, Schmetterlinge im Bauch. ^^

Franzi: LaLeLu…
Felix: Nur der man im Mond schaut zu… Könnte man eig. auch missverstehen.
Franzi: An was du schon wieder denkst. :D Und das um die Zeit. ^^
Felix: Immer. ^^ Du etwa nicht?
Franzi: Im Moment? Nein. Da denke ich schon wieder an die Kälte, die mich umschließt... Ich zieh mir mal was Dickeres an. ^^
Felix: Ich biete dir jedes Mal an zum "Schnuckeln" zu kommen. ^^
Franzi: Aber davor muss ich ja in die Kälte raus.
Franzi: Boah, heute Nacht wars sooo schlimm. Ich war ja glaub alleine und dann hab ich ständig irgendwelche Geräusche gehört... >.< Boah, ich hasse das Haus. :'(
Felix: Jetzt aber. ^^
Franzi: Ich hab sogar mein Zimmer abgeschlossen! O.o Hallo?! Wie krank ist das denn?!
Felix: Vllt. war das ja nur ich.
Franzi: Ohjaaa... Bestimmt.
Felix: Ja wer weiß? ^^
Franzi: Dann würde ich dich jetzt aber umbringen. ^^
Felix: Echt? Wegen?
Franzi: Weil du mir dann fürchterliche Angst eingejagt hättest. ^^
Felix: Ich hätte mich schon gewehrt^^
Franzi: Wie denn? Hättest du mich dann umgebracht?
Felix: Nö. Ich hätte dich zur Vernunft gebracht.
Franzi: ... sagte er und versteckte das Messer hinter seinem Rücken, aus Angst, sie könnte es übers ICQ sehen...
Felix: Aber ich hätte kein Messer dabeigehabt. ^^
Franzi: Sondern?
Felix: Ich hätte nix dabeigehabt. ^^
Franzi: Nix? Nicht mal Handy, Buka und ... Kleider??? Dann hättest ruhig klingeln können. ^^
Felix: Achja? ^^ Und dann?
Franzi: Dann hätte ich dir meinen Bademantel ausgeliehen... Nicht, dass du noch erfrierst oder dich jemand so sieht.
Felix: Naya, wenn ich nix angehabt hätte, hätte mich jeder wahrscheinlich schon gesehen.
Franzi: Mhm... dann halt nur wegen dem 1. Punkt. ^^
Felix: Ohhh danke. Und dann?
Franzi: Den Rest darfst du dir denken. :P
Felix: Och nöö. Ich will ne Geschichte. ^^
Franzi: Diese Geschichte kann man nicht erzählen... Die muss man erleben. :P
Felix: Achso, wenn man die erlebt haben MUSS… Dann MUSS sie ja mal passieren^^
Franzi: Joa, schon.
Felix: Eben. ^^

Felix: Jemand da?
Franzi: Nein. Bin weg.
Felix: Aso. Wo bist den?
Franzi: Ich bin durch meinen Schrank gegangen und jetzt bin ich in der Zauberwelt.
Felix: Achso. ^^ Und wer ist da so alles?
Franzi: Joa... Die, die halt in der Zauberwelt so sind... Hexen... Zauberer... Feen... Digimon... Pokemon... Felix ist auch dabei. Werd höchstwahrscheinlich über Nacht dort bleiben.
Felix: Was macht denn der Felix da?
Franzi: Laut deinen Angaben auf mich aufpassen... Aber der hat grad geile Häsinnen gefunden. :P
Felix: Was für ein Player. ^^ Aber er hat mir geschworen auf dich aufzupassen. Also hat er immer ein Auge auf dich.
Franzi: Hast du ihn auch gut bestochen? Für unter ne Millionen macht der so was sicher nicht. ^^
Felix: Er hat es für mich freiwillig gemacht. ^^
Franzi: Für dich? Ohaaa... Seid ihr beste Kumpels oder was? Pff... Den schlag ich nachher erstmal. Am Ende wird der noch so wie du...
Felix: Boa! Warum das denn?
Felix: Und deshalb muss man geschlagen werden? ^^
Franzi: Ehm... Ja?
Felix: Warum das?
Franzi: Tja… ^^
Felix: Jetzt sag warum jemand der so ist wie ich, geschlagen wird.
Franzi: Weil er dann pervers ist und mir mitten in der Nacht an die Wäsche geht... Und dann heißts nur wieder ich wär ne Tier-Vöglerin oder sowas. ^^
Felix: Dir würde es ja gefallen. ^^
Franzi: Doch nicht mit dem Hasenmäßigen Felix:! Also bitte... ^^
Felix: Aber ohne dem Hasenmäßigen? ^^
Franzi: Dazu sag ich nix ohne meine Anwältin.
Felix: Na dann. ^^

Franzi: Mein Handy ist doofig. Das hat keine Taschenlampe.
Felix: Meines auch nicht.
Franzi: Mein Altes hatte noch eine... Das ist sehr praktisch... Wenns mal dunkel ist... Und man doch was sehen will...
Felix: Ach? Dafür sind also Taschenlampen?
Franzi: Ja, aber bin mit nicht sicher. Paar Modelle... Die eine besonders... Schöne... Form haben... Und... Gleitfähig sind... Die könnte man sicher gut verwechseln... Mit... Seltsamaussehende... Tieren oder so...
Felix: Hab schon verstanden. ^^
Franzi: Ja, ich mag Tiere.
Felix: Also gibst du solchen Geräten Tiernamen?
Franzi: Klar. Ich gebe allen Dingen, irgendwelche Namen. ^^
Felix: Gut wieder rausgedreht. ^^
Franzi: Tja, ich bin halt echt gut... ^^
Franzi: Wuah! Wusstest du, dass man jemanden zu Tode streicheln kann? o.O
Felix: OK fang an?
Franzi: Ich soll mich streicheln, damit ich sterbe? Danke.
Felix: Nein. Du mich.
Franzi: Ich streichle dich aber nicht tot. Außer wir streicheln uns gegenseitig tot. ^^
Felix: Und wenn du mich so streichelst?
Franzi: Ohne sterben und so? Joa, würde Bestattungs- und Grabkosten sparen. =)
Felix: Eben
Franzi: Mhm, gut dann halt so.
Felix: Aber sonst natürlich aus keinem Grund.
Franzi: Nööö, gar nicht...

Felix: Wasn heut los mit dir?
Franzi: Nix.
Felix: Doch. Du bist so… Anders.
Franzi: Sorry, ich kotz mich grad nur einfach selbst an.
Felix: Warum denn?
Franzi: Weil ich so scheiß Zeugs fühle und mich über Sachen aufrege, die mich gar nix angehen.
Felix: Über was den genau?
Franzi: Ich will dich nicht dauernd damit belästigen.
Felix: Frag ich oder erzählst du von alleine?
Franzi: Oh Mann. Naja ich benehm mich halt wie ne blöde Kuh und mir gehts wegen was scheiße obwohl ich nicht sollte. Das ist so dämlich.
Felix: Wegen?
Franzi: Nee das passt schon. Ich versuchs ja unter Kontrolle zu kriegen und demnach hat sich das schon erledigt.
Felix: Wenn du jemand zum reden brauchst, ich bin da.
Franzi: Wenn du deinen Feind umbringen willst... Würdest du dann mit ihm über deinen Mordplan reden?
Felix: Du willst mich umbringen? Hilfe!
Franzi: Leider nicht, ne.
Felix: Aber?
Franzi: Oh Mann, ich kann nicht mit dir darüber reden. -.- Du weißt sowieso schon zuviel.
Felix: Aber wenn ich schon so viel weiß, schadet der Rest ja nix.
Franzi: Ich habe noch nie mit jemandem so offen über meine Gefühle geredet - und das schon gar nicht mit dem der dafür verantwortlich ist.
Felix: Mir kommen langsam Schuldgefühle hoch.
Franzi: Mhm, sorry.
Franzi: Ich hoffe das sagst nur so, weil das wollte ich wirklich nicht.
Felix: Naya, man sieht ja das es dir nicht gut geht. Und wenn ich dann zu hören bekomme, dass ich der hauptsächliche Grund bin, dann ist das natürlich nicht zum Feiern.
Franzi: Oh Mann, warum kann ich nicht einfach Farin weiterlieben? Da wäre wenigstens alles klar. -.-
Felix: Mhm geht wohl kaum.
Franzi: Du bist schwerer zu lösen als ein 1000er Puzzle, das ausschließlich aus schwarzen Teilen besteht.
Felix: Ich? Wow!
Franzi: Ja der Satz ist gut. Gefällt mir.
Felix: Ja, der sagt viel.
Franzi: Kann sein.
Felix: Wenn du keine Lust hast mit mir zu schreiben, einfach sagen.
Franzi: Ich könnte mit dir nächtelang durchschreiben und die Lust wäre noch immer da.
Felix: Das war jetzt ein netter Satz.
Franzi: Nee der ist mal wieder zweideutig. In meinem Kopf ist außerdem alles voll mit solch netten Sätzen.
Felix: Lass mal raus.
Franzi: Nee lieber nicht.
Felix: Schade.
Franzi: Naja, muss los. Bis dann. Ciao
Felix: Bis dann.

Felix: Kannst du mir ne Antwort geben? Wieso übt mein Vater um diese Uhrzeit Klavier?
Franzi: Vill. ist er so wie ich und ist gegen Nacht am kreativsten... Oder er hat grad voll die Krise und baut mit dem Klavierspielen alles ab... >_>
Felix: Wird zeit das ich zu ihm geh. Bin gleich wieder da.
Franzi: Okay.
Felix: Seine Antwort: "Ich hatte gerade Lust". Könnte man auch falsch verstehen.
Franzi: Oder so... Ich hab auch oft zu den unmöglichsten Zeiten, auf die bescheuertsten Sachen Lust. ^^
Felix: Am Morgen auf Sex? ^^
Franzi: Mhm da eig. weniger. Das ist seltsamerweise meistens Mittags. :P
Felix: Auch ok. ^^ Jetzt weiß ich das auch.
Felix: Und ich weiß du magst es in der Küche. Mhm. ^^
Franzi: Ich mag es gar nicht in der Küche. Außer der Tisch ist geputzt. >_> Ich glaub ich hör auf mit träumen. -.-
Felix: lol
Felix: Von mir aus aber nicht. ^^
Felix: Joa Tisch fänd ich auch cool.
Franzi: :P Sau. ^^
Felix: Wasn? ^^
Franzi: Mich freuts nur, dass ich nicht die einzige Perverse hier bin. ^^
Felix: Joa hat was gell? ^^
Franzi: Mhm joa.
Felix: Ja ich muss zugeben du bist das einzige Mädchen mit der man so reden kann. Find ich cool.
Franzi: Äh… Danke… Aber mal nen Themawechsel: Kann man eig. im Bauch Muskelkater haben?
Felix: Jap.
Franzi: Auch nur in der linken Seite?
Felix: Jap geht auch.
Franzi: Mhm... Fühlt sich aber nicht wie Muskelkater an… Und ist zu weit oben, sonst würde ich denken, da nistet sich was in meiner Gebärmutter ein.
Felix: Brustkrebs?
Franzi: In der linken Bauchseite? Hast du was am Auge? Hängen meine Titten am Bauch unten oder was?
Felix: Ich schau mal morgen nach.
Franzi: o_O Okaay...
Felix: Guut. Wäre des auch geklärt. ^^ Aber jetzt wissen wir immer noch nicht was wir heute machen. Entweder bleiben wir beide Zuhause und machen was im Internet oder du kommst zu mir. ^^ Oder ich zu dir. Oder wir gehen zusammen wohin. Mhm.
Franzi: Und so machst dus auch nicht besser.
Franzi: Ich muss doch irgendwie von dem Trip der Hoffnung runterkommen.
Felix: Achso.
Franzi: Ja, weil es so wies grad ist nicht weitergehen kann und ich mich unnötig verrückt mache, weil du das Eine sagst und dann wieder das andere und ich dich nicht verstehe. Ich sollte mich eig. endlich mal entschieden haben, was ich jetzt genau will und eig. hab ich das auch gemacht, aber so unglückliche Umstände haben alles wieder zunichte gemacht und ich hänge in der Luft fest. Und ich habe keine Lust mehr dir hinter her zu trotten und, dass mein Arm taub wird, wenn ich an dich denke und die ganze Scheiße. Vielleicht dauert es noch total ewig bis ich von dieser Droge wegkomme, egal, wie sehr ich mich anstrenge, aber irgendwann muss es doch mal vorbei sein. Oder vill. bleibt das für immer so. Was natürlich voll scheiße wäre, aber Gott was mach ich nur? Ich versuch mir schon dauernd einzureden, dass es sogar mit meiner Katze besser wäre, weil uns ja das freundschaftliche viel besser steht, aber nein, mein Verstand setzt da völlig aus und ist das Arschloch schlecht hin.
Franzi: Ich hab Hunger. Bis gleich.
Felix: Nen Guten.
Etwas später.
Franzi: Und das ist grad so sinnlos was wir schreiben. Und irgendwie ist alles wieder sinnlos. Und dumm.
Felix: Dein Vorschlag?
Franzi: Sorry, ich hab grad keinen. Mein Zug ist getan.
Felix: Gut, wenn alles was wir schreiben sinnlos ist… Macht es dann noch Sinn weiter zu reden?
Franzi: Ich weiß nicht. Das ist grad voll verkrampft.
Felix: Eben
Franzi: Sorry. Ich bin blöd.
Felix: Nö.
Franzi: Blöderweise schon. Ich behalte jetzt am besten alles für mich. Oder schreibs ins Tagebuch. Für was hab ich sonst das Teil?
Felix: Ich zwing dich zu nichts.
Franzi: Wenn mich was abgrundtief ankotzt, dann muss es einfach raus.
Felix: Man merkts.
Franzi: Ich mach echt alles kaputt. Und in diesem Fall reicht wahrsch. nicht mal mehr ne dämliche Lampe.
Felix: Ja gerade ist irgendwie wirklich komisch.
Franzi: Ich geh lieber. Bis dann.
Felix: Bis dann.

Offlinenachricht erhalten.
Felix: Reden wir eig. noch miteinander? Oder ist da jetzt so ne Spannung zwischen uns?
Einige Minuten später.
Felix: Beantworte mal bitte meine Frage
Franzi: Hallo? Wie siehst du mich? o_O Ich bin unsichtbar!
Felix: Ich wusste, dass du on bist.
Franzi: Ja klar. Ich war jetzt schon seit ner Stunde nicht mehr on und grad dann wenn ich on bin, hast du die Eingebung, dass ich on bin.
Felix: Naya ich hab halt mal geschätzt und es hat ja funktioniert. Bekomm ich jetzt trotzdem ne Antwort?
Felix: Achja und du kannst online kommen.
Franzi: Nö.
Franzi: Und zu deiner Frage: Wenn du das nicht mal weißt, wie soll ich es dir dann sagen? o_O Aber nein. Ich weiß ja nicht wie es bei dir aussieht. Aber ich brauch mal paar Bedenktage und wenn ich Glück habe, werde ich von nem Stein am Kopf getroffen und verlier meine Erinnerung und sämtliche Probleme lösen sich von selbst.
Felix: Des heißt du willst nen paar Tage keinen ich nenne es mal "Kontakt"?
Franzi: Keine Ahnung. Eig. voll dumm, weil ich das ja - sobald die Schule zu Ende ist - für immer, somit könnte ich mir das auch für dann aufsparen.
Felix: Du entscheidest.
Franzi: Schon klar. -.-
Felix: Lass dir Zeit.
Franzi: Man, ich weiß aber nicht was ich will. Einerseits denk ich, wäre es besser, wenn der Kontakt erstmal flöten geht und andererseits ist das auch total scheiße.
Felix: Kann ich dir bei der Entscheidung helfen?
Franzi: Weiß nicht. Was ist denn deiner Meinung nach besser?
Felix: Besser ist das was für dich besser erscheint. Ich will dich nicht verletzen. Wenn ich jetzt sag ja vllt. ist es besser dass wir noch miteinander reden, das dann aber für dich schwer fällt, dann erziele ich ja das Gegenteil. Und das will ich nicht.
Franzi: Mir würde es schon helfen, wenn du nicht dauernd Dinge sagst, die du gar nicht so meinst.
Felix: Hä? Welche z. B.?
Franzi: Dinge, die meine Hoffnungen wachsen lassen. Mehr sag ich dazu aber nicht.
Felix: Ach du meinst die Dinge wie gestern?
Franzi: Ja.
Felix: Gut wenn du wüscht, dass ich solche Kommentare nicht schreiben oder sagen soll, kann ich das machen.
Franzi: Ja, weil sowas ist nicht ernst gemeint, und wenn man dann in so ner scheiß Situation ist, wie ich es bin, dann ist das doppelt scheiße.
Felix: Versteh. Tut mir Leid.

Felix: Hallo
Franzi: Hallo
Felix: Wie geht es Ihnen?
Franzi: Ähhm... Meiner Wenigkeit gehts leider nicht so gut, da meine bescheidene Persönlichkeit heute einen schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Und selbst?
Felix: Was für einen Schicksalsschlag denn?
Franzi: Nächstes Jahr...
Franzi: KEIN ärzte-Konzert...
Felix: Ohhh shit!
Franzi: Und wahrscheinlich auch kein FURT-Konzert...
Franzi: Ich sterbe!
Felix: Du brauchst ne Band.
Franzi: The Subways.
Felix: Ne Deutsche.
Franzi: Die Ärzte.
Felix: Neeeein. ^^ Haben ja keinen Auftritt.
Franzi: Dann weiß ich auch nicht.
Felix: lol

Felix: Mhm… Mann, ist das heiß.
Franzi: Ventilator hilft. Ich mach den auch schon die ganze Zeit an und aus und an und aus und an und aus und an und aus und an...
Felix: Was hilft immer? Das an und aus? Also meiner bleibt immer an.
Franzi: Nee, dann wirds mir irgendwann zu kalt... Dann mach ich ihn aus... Dann wirds wieder heiß... Dann mach ich ihn an… Und so weiter… Der hats nicht leicht mit mir... Meine Gegenstände habens allgemein nicht leicht mit mir... Ich bin ne böse Besitzerin...
Felix: Du musst sie halt immer wieder streicheln. ^^
Franzi: Ich streichel die doch nicht... Wenn die so blöd sind und sich von mir kaufen lassen... Tzz...
Felix: Die sind in diesem Moment wehrlos und erkennen den Charakter des Käufers noch nicht.
Franzi: Also... Ich hab mal mit meinem Bett darüber gesprochen... Nicht jetzt... Ist schon etwas länger her... Weil gerade mein Bett hat es ja am Schwersten... Und ich habe es mal gefragt, was so in einem zum Beispiel Bett vor sich geht, wenn ein Käufer vor ihm steht und daran denkt es zu kaufen. Und mein Bett hat mir erklärt, dass Gegenstände im Laden ja einen Sinn haben. Zum Beispiel Betten müssen ja da sein, damit wir Menschen uns irgendwo ausruhen können und so... Und das ist ihr Sinn des Lebens (apropos ich muss mir endlich die Zeit nehmen und über meinen Sinn nachdenken...) und den wollen sie so schnell wie möglich erfüllen. Und dann freuen die sich über jeden Käufer in der Hoffnung er ist nett und kümmert sich gut um die Gegenstände. Und mein Bett hat mir erzählt, dass sich Gegenstände einfach mal drauf verlassen, dass der Besitzer nett ist und wenns nicht so ist, dann ist das das Schicksal. Und ein Gegenstände-Kondex besagt, dass sich gekaufte Gegenstände bei ihren Besitzern nach dem Kauf nicht beschweren dürfen und keine körperliche Gewalt an ihnen vornehmen dürfen. Eigentlich richtig traurig. :'(
Felix: Alter Schwede? Woher hast du die Drogen?
Franzi: Mit einer schreib ich und die andre steht in Form von Cola neben mir. Aber findest das nicht auch traurig? Da will ein Bett für einen Menschen da sein... Und freut sich sooo sehr auf ihn... Und dann isser ein Arschloch...
Felix: Ja doch sehr traurig…
Franzi: Mhm… Ich will normal werden.
Felix: Normal und du?
Franzi: Fett.
Felix: Fett?
Franzi: Du hast gesagt, ich bin fett!
Franzi: Fällt mir grad ein.
Franzi: Boahh!
Felix: :-D Ja gestern. ^^
Franzi: Ey... Ich hasse dich ja!
Felix: Nö am Schluss hast mich mögen.
Franzi: Nö. Wann hab ich dich wieder gemocht?
Felix: Ganz am Schluss als du gegangen bist.
Franzi: Glaub ich nicht.
Felix: Doch. Sicher.
Franzi: Nein. Kann mich nicht daran erinnern.
Felix: Ich aber.
Franzi: Achja? Beweise?
Felix: Nein.
Franzi: Es gibt keine Beweise? Wie kommen Sie dann auf diesen hirnlosen Gedanken, meine Mandantin, könnte Sie noch in irgendeiner Weise mögen? Ist es nicht viel mehr die Tatsache, dass Sie sie der Fettleibigkeit beschuldigten, worauf meine Mandantin, Ihnen ewigen Hass schwörte?
Felix: Einspruch
Franzi: Einspruch abgelehnt!
Felix: :D


Kapitel 24 - So wie du mir den Kopf verdrehst, hab' ich danach ein Schleudertrauma

Meine Beine fühlten sich an wie Gummi, meine Arme waren taub, mein Herz fuhr mal wieder Achterbahn, meine Gedanken flogen sinnlos in meinem Kopf rum und ich bekam keine Luft mehr. Klare Anzeichen dafür, dass Felix in der Nähe war.
Ich war noch eine Station von seiner entfernt und hatte Angst, dass ich es bis dahin nicht mehr überleben würde. Ich fragte mich, ob ein normaler Mensch so ein Chaos in seinem Körper, wie ich ihn hatte, überhaupt überleben könnte. Wo war wohl die Grenze? Ich hatte Angst davor die Grenze zu überschreiten.
Als ich Felix schon an seiner Haltestelle stehen sah, raste mein Herz noch schneller, was eigentlich unmöglich war, da ich angenommen hatte, es hätte seine Höchstgeschwindigkeit längst erreicht. Also ich bin der festen Überzeugung, dass mein Herz eindeutig den anstrengendsten Job in meinem Körper hat. Was das arme Ding schon mitmachen musste… Unglaublich!
Felix stieg schließlich in den Bus ein, entdeckte mich sofort, setzte sich mit einem Lächeln neben mich und begrüßte mich mit seiner gewohnt lässigen Art. Und wie immer roch er so gut. Es war derselbe Geruch, den ich schon seit beinahe zwei Jahren kannte und abgöttisch liebte. Ich hätte am liebsten gekotzt vor lauter Gefühle.
An diesem Tag fuhren wir zusammen in die Schule, um auf dem Plan zu gucken, wer wann zur mündlichen Prüfung muss. Und danach wollten wir noch in die Stadt und etwas einkaufen gehn. Das war das erste Mal, dass Felix und ich so was vorhatten. Bis zu diesem Tag waren wir einmal alleine weg. Und das war schon über ein Jahr her. Ich hatte mal wieder tierisch Angst, dass ich ihn langweilte. 
Unterwegs quatschten wir das übliche Zeug, was auch im ICQ zur Aussprache kam. Mehr oder weniger sinnlose Gespräche also. Und ich war überrascht, wie entspannt ich das nach einiger Zeit anging. Ich zitterte und stotterte nicht mehr ständig. Auch meine Beine hatten irgendwann wieder ihre normale Konsistenz. Alles war einfach nur… Perfekt. Bis auf eines. Und das waren meine Gedanken. Denn leider empfand ich für Felix noch immer nicht nur Freundschaft. Ich hasste mich dafür. Und es kotzte mich an. Ich hatte keine Lust mehr, neben ihm zu sitzen und mich ständig zu fragen, was wohl in seinem Kopf, in seinem Herzen vor sich ging. Ich hatte keine Lust mehr, ihn zu beeindrucken, wie ich es ständig mit blöden Kommentaren versuchte. Ich hatte keine Lust mehr auf diese Gefühlsscheiße. Freundschaft war das, was ich mir sehnlichst wünschte. Eine ganz normale Freundschaft.
Mittlerweile war es kurz vor zehn, als wir in der Stadt ankamen und uns auf den Weg zum Friseur machten. Felix brauchte mal wieder einen neuen Haarschnitt und hatte mich tatsächlich gefragt, ob ich ihn begleiten würde. Natürlich würde ich. Aber vor allem nur deshalb, dass ihm den Friseurtermin ausreden konnte.
"Willst du denn wirklich zum Friseur?", fragte ich verzweifelt. "Deine Haare sind im Moment echt perfekt."
"Danke, aber ich will sie trotzdem schneiden lassen."
"Aber wieso? Mit kurzen Haaren siehst du echt scheiße aus."
"Woow!", lachte er. "Danke für deine Offenheit. Aber ich lass' sie ja nicht total kurz schneiden. Nur paar Zentimeter."
"Hmm… Vielleicht könnte man aus den Zentimetern, Millimeter machen?"
"Wenn du so weiter machst, lass ich mir 'ne Glatze schneiden", drohte mir Felix.
Nach dem Friseur brauchte Felix noch unbedingt ein neues T-Shirt, weshalb wir zuerst in so 'nem Omaladen und danach im New Yorker waren. Zusammen suchten wir nach etwas Passendem und er probierte diverse T-Shirts an. Im New Yorker würde ich mich niemals trauen in den Umkleidekabinen umzuziehen. Die haben an der Seite einen Spalt von mindestens fünf Millimeter, weshalb man andere locker beim anprobieren beobachten kann. Außerdem haben große Menschen die Arschkarte gezogen, da der Kopf oben immer rausguckt und das sieht mehr als total dämlich aus. Selbst bei Felix, der ja auch nicht unbedingt klein war.
"Und?", fragte er mich, als er aus der Kabine kam.
"Mhm… Naja…"
"Ja, ich finds auch nicht so super", meinte er und betrachtete sich im Spiegel. "Das fühlt sich auch voll seltsam an. Fass mal an."
Und plötzlich stand er vor mir und strich sich mit der Hand über den Bauch. An der Stelle hatte das T-Shirt irgendein Tier oder so drauf, was der Grund für das seltsame Gefühl war.
"Ähm... Okay…", sagte ich und strich ihm ebenfalls über den Bauch. Und schon kribbelte alles wieder in mir. Scheiße!, dachte ich und nahm die Hand wieder weg. Felix sah mich fragend an. "Äh… Ja, echt… Irgendwie… Nicht schön. Nimm was anderes", sagte ich und tat so, als würde ich nach einem anderen T-Shirt suchen.
Nach über 'ner Stunde hatten wir endlich ein T-Shirt gefunden, das Felix gefiel und konnten weiterziehen. "Also ich brauch' dringend noch neue Chucks. Vorzugsweise in schwarz", teilte ich ihm mit, als wir den New Yorker verließen.
"Wieso schwarz?"
"Ich hab' noch keine schwarzen Chucks, aber ich brauch welche für mein Abschlussballoutfit."
"Für den Abschlussball brauchst du schwarze Chucks?", fragte mich Felix erstaunt. "Was ziehstn du da an?"
"Naja, ich hab' doch kein Abschlusskleid gefunden und da meinte Elena ich solle mich halt… Franzilike anziehn", erklärte ich ihm. "Und das bedeutet ein schwarzer Mini, schwarzes Oberteil, schwarze Strumpfhose und natürlich schwarze Chucks."
"So gehst du zum Abschlussball? Wow!"
"Ja, mir fehlt allerdings noch der Rock, aber da geh' ich mit Elena einkaufen."
"Wieso? Ich kann dir doch auch helfen."
Ich sah ihn unsicher an. Niemals würde ich mit Felix einen Rock kaufen gehen. Ich mit meinen total hässlichen Beinen ohne Strumpfhose in einem Minirock sollte mich von Felix begaffen lassen? Niemals!
"Du, das ist schon okay", versuchte ich mich rauszureden. "Ich mach das mit Elena. Weißt du, wir haben dieselbe Vision, was mein Abschlussoutfit angeht und das macht das Ganze einfach leichter…"
"Ja, aber vielleicht finden wir ja doch was zusammen."
Ich seufzte. "Ja, vielleicht. Aber jetzt sind erstmal die Schuhe dran."
Also waren wir Schuhe kaufen ("Die sind scheiße!" - "Warum?" - "Die sind so komisch gebunden." - "Bind sie halt neu und anders." - "Kann ich aber nicht." - "Dann mach ichs dir halt." - "Kann man jetzt auch falsch verstehen…" - "…" ) , und danach im Media Markt. Felix wollte unbedingt an der PS3 Fußball spielen. Natürlich hat er ständig gewonnen. Wir standen bestimmt eine Stunde vor der Konsole, als wir uns auf den Weg zum C&A machten. Ich brauchte ja noch immer einen Rock, was Felix leider nicht vergas. Während wir also gemütlich durch die Gänge schlenderten, lief im Hintergrund Ein Kompliment von den Sportfreunden Stiller. Ich bekam natürlich sofort heftiges Herzklopfen und Gänsehaut, da es ja sozusagen unser Lied war. Felix wiederum fragte, als hätte er meine Gedanken gelesen, ob ich das Lied kannte.
Wenn du nur wüsstest, dachte ich, dass du all das für mich bist, was Peter da so schön ins Mikrofon singt.
"Ja, ich kenn das Lied", antwortete ich ihm. "Und ich finds wahnsinnig schön."
"Mhm… Das ist es echt. Aber die Unplugged-Version find' ich persönlich besser."
"Ohjaaa, ich auch", sagte ich wahrheitsgemäß.
Nachdem wir alle drei Stockwerke nach einem passenden Rock abgesucht und nichts gefunden hatten, machten wir uns auf den Weg in den Müller. Ich weiß bis heute nicht mehr, was wir da eigentlich wollten. Doch irgendwie landeten wir dort in der Spielzeugabteilung und wurden melancholisch.
"Guck mal!", sagte ich und zeigte auf die Playmobilabteilung. "Unglaublich was es heute alles gibt! Eine Kirche, Arche, Schule… Meine Mutter kann froh sein, dass ich keine fünf mehr bin. Ich würde wahrscheinlich solange nicht Ruhe geben, bis ich all das kriegen würde. Oh mein Gott! Es gibt sogar eine Turnhalle. Eine Turnhalle!", ungläubig schüttelte ich den Kopf.
"Ich hab' früher immer mit der Polizeistation gespielt", gestand Felix.
"Wuah, ich hatte das Traumschloss. Das alte Traumschloss. Das Neue hat ja nur noch zwei Stockwerke. Find' ich scheiße."
Felix grinste. "Du hattest das Traumschloss?"
"Ja, aber bei mir war es nur ungefähr ein halbes Jahr ein Schloss. Danach wurde es zu 'nem seltsamaussehenden Familienhaus. Und ewig lang hab' ich mich darüber aufgeregt, dass ich dieses alte Familienhaus nie hatte. Das fand ich immer toll."
"Ach… Das warn noch Zeiten…", meinte Felix und schien in Gedanken - genau wie ich - mindestens zehn Jahre zurückzureisen.
Eine Sache, in der wir uns so ähnlich waren und ohne Worte verstanden. Wir vermissten beide die alten Zeiten. Wir vermissten es, keine Verpflichtungen zu haben. Mit Playmobil zu spielen. Einfach Kind zu sein. Wir wurden beide viel zu früh in die Erwachsenenwelt geschmissen und litten unwahrscheinlich daran. Es war uns einfach alles zuviel.
"Dass es eine Schule von Playmobil gibt, finde ich echt unglaublich! Aber noch unglaublicher finde ich das mit der Turnhalle! Das wäre früher perfekt für mich gewesen! Muss ich unbedingt in mein Tagebuch schreiben", scherzte ich.
"In dein Tagebuch?", fragte mich Felix während er sich die neuesten Hot Wheels ansah. "Wie oft steh' ich denn da drin?"
"Ach nicht oft… Nur so um die hundert Mal oder so", antwortete ich gespielt lässig.
Felix hingegen lachte verlegen. Seine Frage war tatsächlich ernst gemeint.
"Lego fand ich auch immer toll", meinte er irgendwann.
"Groß oder klein?"
"Natürlich die Kleinen."
"Ich mochte nur Duplo. Bei dem kleinen Lego fand ich die Figuren so hässlich, die Fenster aber toll."
Felix lachte.
Wir waren noch kurz beim Eis essen und dann wurde es langsam Zeit für mich zu gehen. Es war mittlerweile kurz vor fünf und Lucy war schon seit dem Morgen alleine zu Hause, da meine Mutter für paar Tage verreist war. Ich hatte ein irre schlechtes Gewissen und hasste mich dafür. Wegen Felix ließ ich meinen Hund den ganzen Tag alleine. Aber ich kam von Felix nicht los. Er war wie eine Droge. Und wenn er sagte "Spring!" dann sprang ich auch. Ich hätte wahrscheinlich alles für ihn getan.
Aber der Tag endete schließlich und als Felix an seiner Station ausstieg, meinte er noch, dass er den Tag echt cool fand und wir das mal wiederholen könnten. Mein Herz freute sich natürlich wahnsinnig darüber und schien am liebsten aus meinem Körper heraus zu wollen, um Felix das persönlich mitzuteilen.

Drei Tage bevor es passierte, waren Felix und ich im Kino. Wir hatten seit mittlerweile zwei Wochen den Realabschluss in der Tasche und kamen uns in der schulfreien Zeit näher denn je. Zum damaligen Zeitpunkt glaubte ich nun endlich das zu bekommen, was ich mir schon seit zwei Jahren so sehr wünschte… Felix. Alles schien dafür zu sprechen, dass wir zusammenkommen würden.
Was Jan betraf… Unsere Beziehung war so gut wie beendet. Ständiger Streit regierte über unsere Beziehung. Liebevoller Umgang oder ernste Gespräche gab es schon lange nicht mehr. Alles war herzlos und grob. Selbst sein Versprechen, er würde die Nacht von damals, als er mich ständig weckte und blöd anmachte, wieder gut machen, hielt er nicht ein. Ich sagte ihm, ich will etwas, was umsonst, aber doch teuer ist. Dass ich damit Zeit meinte, kapierte Jan nicht. War wohl doch zu hoch für ihn. Denn stattdessen formte er mit buntem Marzipan ein Ich liebe Dich. Auf die Frage, was ich damit machen sollte, meinte er nur: "Essen." Dabei wusste er ganz genau, dass ich nichts mehr hasse als Marzipan und davon kotzen muss. Das Resultat von seiner unnötigen "Bastelei" war die, dass ich nur noch enttäuschter von ihm war.
Auch schien Jan es nicht mal zu interessieren, wenn ich alleine mit Felix in die Stadt geschweige denn ins Kino ging. Er hatte entweder meine Gefühle für ihn vergessen oder es war ihm tatsächlich egal.

Der Film, in den wir gingen, war Harry Potter. Nicht, dass ich totaler Fan davon bin, im Gegenteil. Die Filme fand ich eigentlich mit der Zeit immer langweiliger, aber die Tatsache, dass ich mit elf angefangen hatte, die Filme zu sehen, ließ sie mich auch weiterhin angucken. Es war so in der Art wie "ich mag die Filme zwar nicht wirklich, aber ich hab' angefangen sie zu gucken und werde das deshalb auch bis zum Schluss durchziehen". Außerdem ging es bei dem Kinobesuch weniger um den Film und dafür vielmehr um meine Begleitung.
Als wir den Kinoeingang betraten, kamen uns Celina und ihr Freund, den sie laut Felix schon seit einem halben Jahr hatte, entgegen. Celina begrüßte Felix und mir schenkte sie ein verwirrtes Lächeln. Seit bald einem Jahr hatten wir nun schon keinen Kontakt mehr und dadurch, dass auch der Kontakt zwischen ihr und Felix nicht mehr der Beste war, konnte sie auch nicht wissen, was sich da gerade zwischen ihm und mir abspielte.
Was den Film und das Drumherum betraf: Es war okay. Es war lustig und dieses Mal war es bei Weitem nicht so verkrampft wie beim ersten Mal vor einem Jahr. Aber es war nicht das Highlight in meinem Leben.
Da wir in der Spätvorstellung waren, verließen wir erst um kurz vor Mitternacht das Kino und da die Kinobetreiber und die Busunternehmen sich nie absprachen, kam der nächste Bus erst in einer halben Stunde. Und da niemand am nächsten Tag zur Schule musste, konnte ich es diesmal endlich nachholen. Wir machten uns auf den Heimweg - zu Fuß. Und genau das war es, was den Abend so wunderbar machte.
Es war eine herrliche Nacht. Wir hatten einen klaren Sternenhimmel und es war richtig schön warm. Und es gab nur Felix und mich. Wir quatschten unterwegs über Gott und die Welt. Und ab und zu zog er mich wegen meiner Spinnenphobie auf, da ich ständig irreale Spinnen vor mir sah (was ich übrigens nicht witzig fand, da ich das Gefühl hatte, je mehr ich mit Felix zu tun hatte oder an ihn dachte, desto mehr Spinnen würden mir über den Weg laufen - Beispiel: In beinahe jedem Bus, mit dem ich damals fuhr, kletterte eine Spinne über meinem kopf hinweg - und das aber tatsächlich nur in der Zeit, in der Felix so präsent in meinem Leben war).
Als wir an der Schule oder vielmehr an dem Weg, der zur Schule hochführte, vorbeikamen, blieb er stehen. "Weißt du was jetzt der totale Kick wäre?", fragte er und sah mir herausfordernd in die Augen.
Ich ahnte was er meinte und fragte: "Du willst jetzt echt zur Schule hochlaufen?"
"Jaa! Das ist bestimmt voll Hammer!"
Ich sah zur Schule. Alles in der Richtung war stockdüster. Dder Weg, der den Hügel entlang hochführte, war voll mit noch düsteren Büschen und Bäumen und es gab kaum Beleuchtung.
"Was ist, wenn da oben irgendein kranker Mörder auf uns wartet?", fragte ich eher zum Spaß.
"Ach quatsch. Komm', bitte."
Und so ließ ich mich mitten in der Nacht dazu überreden einen Umweg zu gehen.
Wir waren noch nicht mal dabei, den Hügel zu erklimmen, da wurden wir oder eigentlich viel mehr ich, von einem Mann und seinem Hund, die einfach so aus dem Dunkeln auftauchten erschreckt. Felix fand das natürlich irre komisch.
"Wegen dir krieg' ich noch 'nen Herzinfarkt", keuchte ich, während er weiterlachte.
Schulen sind im Dunkeln echt unheimlich, besonders wenn sie so riesig sind, wie die unsere. Auf der Straßenseite gegenüber der Schule liegt etwas, was man gerade noch so als Wald durchgehen lassen kann. Als wir daran vorbeiliefen, meinte Felix: "Der ultimative Kick wäre jetzt, wenn wir…"
"-… Vergiss es!", unterbrach ich ihn. "Über dieses unheimliche Schulgelände laufen: Okay. Aber durch den Wald? Niemals!"
"Keine Sorge. Das wär' selbst mir zu krass."
"Ach ja? Was wäre denn, wenn nur ich es unheimlich finden würde und du nicht?"
Felix lachte. "Tja, dann würden wir jetzt da auch noch durchlaufen."
"Du bist fies."
"Manchmal schon, ja."
Nachdem wir eine Weile durch die spärlich beleuchteten Straßen liefen, kamen wir endlich in der Stadtmitte, wo es noch richtiges Licht gab, an. Ich würde nun am Liebsten sagen, dass wir schon eine halbe Stunde liefen, aber da ich zum damaligen Zeitpunkt völlig zeitlos war, kann ich leider nicht sagen, wie lang wir für diesen Weg brauchten. Ich schätze mal, es war eine halbe bis dreiviertel Stunde, aber da ich so ziemlich die Schlechteste im Schätzen bin, würde ich mich auf die Angabe lieber nicht verlassen.
"Irgendwie will ich noch nicht nach Hause gehn…", meinte Felix irgendwann. " Wir könnten noch was trinken gehn, oder …"
"-… Nackt durch die Stadt rennen."
"Wieso nackt?", fragt er verwirrt.
"Das frag' ich mich auch", lachte ich. "Aber es war ja auch nicht mein Vorschlag, sondern deiner. Schon vergessen?"
"What? Wann hab' ich denn so was gesagt?"
"Letztens im ICQ?", versuchte ich ihm auf die Sprünge zu helfen. "Du hast mich gefragt, ob ich Lust hab', mit dir nackt durch die Stadt zu rennen."
"Wieso hab' ich dich so was gefragt?"
Ich grinste. "Deine Hemmschwelle war nicht mehr ganz vorhanden. Hast du jedenfalls gesagt. Und ich denke, ich kann dir glauben, da du mich auch gefragt hast, ob wirs miteinander treiben."
"What?", Felix schien keine Ahnung zu haben, von was ich sprach.
"Ja, du hattest schon soviel getrunken, dass sich deine Hemmschwelle nach und nach abgebaut hat und wenn so was passiert, dann sagt man Dinge, die man sich im nüchternen Zustand niemals zu sagen traut."
"Heey, das weißt du von mir!", sagte er und tat so, als sei er stolz darauf, dass ich was von ihm wusste. "Langsam fällts mir wieder ein. Aber das mit dem nackt durch die Stadt laufen… Das glaub' ich dir nicht."
"Dann halt nicht", grinste ich ihn an.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass wir doch nach Hause gehen sollten und als wir an seiner Busstation ankamen, fragte er: "Also, wie sollen wirs machen? Sollen wir jetzt zu mir, mein Fahrrad holen und dann zu dir oder soll ich dir bei mir Asyl geben?"
Als er das fragte, war er so ernst wie noch nie. Er fragte mich tatsächlich auf eine ganz komplizierte Art, ob ich mit zu ihm kam und bei ihm pennen wollte! Und ich glaube, hätte ich meinen monatlichen Fluch nicht gehabt und gäbe es seinen Vater nicht, dann hätte ich mich tatsächlich darauf eingelassen. Ich mein' hallo? Felix fragte mich, ob ich bei ihm schlafen will? Seit fast zwei Jahren wartete ich sehnlichst darauf und… Oh Mann. Dann gab es diese doofen Gründe, es nicht zu tun. Natürlich weiß ich im Nachhinein, dass das mehr als klug war, doch in diesem Moment wars einfach nur… Beschissen.
Also machten wir uns auf dem Weg zum Weasley-Haus, das ewig weit von seiner Station entfernt lag. Wenn man von den umliegenden Nachbarhäuser ausging, wohnte Felix in einem Bonzenviertel. Zu Recht wahrscheinlich, denn ich kenne nicht viele oder sogar gar keine armen Leute, die in ihrem Garten einen riesigen, richtigen Pool stehn oder eigentlich vielmehr verbuttelt haben. Und da er einen Pool im Garten hatte und das Haus auch nicht unbedingt wie das einer Bauernfamilie aussah, ging ich mal davon aus, dass es in dieser Familie an Geld nicht fehlte.
"Aah, das Weasley-Haus", sagte ich eigentlich mehr zu mir selbst. "Alleine hätte ich es jetzt bestimmt nicht wiedergefunden. Aber ist ja auch schon 'ne Weile her, als ich das letzte Mal hier war. Und damals wars ja auch dunkel."
"Weasley-Haus?", fragte Felix. "Und wann warst du mal hier?"
"Als mein Vater dich hier nach dem Schlittschuhlaufen mit Celina hier abgesetzt hat?", erinnerte ich ihn. "Celina hat eure Haus doch als Weasley-Haus bezeichnet… Du weißt schon… Weasley… Harry Potter?"
"Aso, ja", sagte er etwas verlegen, während er sein Fahrrad holte, das an die Hauswand gelehnt war. "Da drüben wohnt übrigens Julian."
Ich folgte seinem Blick und meinte: "Da drüben? Das Haus mit dem Pufflicht?"
"Ja, genau, das ist sein Zimmer", lachte er.
"Ihr seid ja echt Nachbarn", bemerkte ich.
"Ähm, ja? Wieso hätte ich dich denn anlügen sollen?"
"Nein, ich konnte es mir nur nicht vorstellen."
Felix lachte wieder. "Du bist komisch."
Wir verließen das Bonzenviertel, erreichten dann endlich das Ende der Straße und liefen einen kleinen Hügel hinunter, als ich den wunderschönen Sternenhimmel erst so richtig bemerkte. Ich sah mich um. Wir befanden uns in einer Nebenstraße. Links von uns standen wenige kleine Häuser und rechts gab es eine riesige Wiese, auf der am Tag Schafe grasen. Die Atmosphäre, das Ambiente, der ganze Abend… Ich wollte nicht, dass es aufhörte. Meinetwegen konnte es für immer so sein. Also legte ich mich einfach auf die Straße.
"Was machst du da?", fragte mich Felix verwirrt.
"Heute haben wir einen besonders schönen Sternenhimmel", schwärmte ich und starrte in den Himmel.
Felix wartete einen Moment, schien dann aber zu merken, dass ich nicht vorhatte in nächster Zeit aufzustehen, legte sein Fahrrad ins Gras und setzte sich neben mich.
"So schön war er schon lange nicht mehr, finde ich", sagte ich nach einiger Zeit.
"Ja, irgendwie ist er schon schön", gab er schließlich zu und legte sich nun auch hin.
"Siehst du die Sternenkonstellation da?", fragte er und zeigte auf bestimmte Sterne. "Das ist der Große Wagen. Oder der Kleine. Auf jedenfall ist es ein Wagen."
Da ich das Sternbild kannte und selbst schon überlegt hatte, wie es wohl noch mal hieß, wusste ich sofort welches er meinte. "Das ist ein Wagen? Echt? Wow, ich hätte niemals gedacht, dass ich das mal wirklich sehe", sagte ich erstaunt. "Aber…"
"-… Aber?"
"Weißt du was ich mich gerade frage?"
"Nein?", sagte Felix und ich erkannte an seiner Stimme, dass er grinste.
"Wenn die Erde sich doch dreht, warum sieht man dann ständig dieselben Sterne?"
"Aber du siehst doch nicht ständig dieselben Sterne", meinte er.
"Naja, okay, wahrscheinlich nicht", sagte ich. "Aber das ist alles so arschlangsam. Und die Erde dreht sich doch eigentlich in 'nem Affenzahn. Warum ist es dann trotzdem so wies ist?"
"Puuh… Wenn ichs dir erkläre, verstehst dus bestimmt immer noch nicht."
"Nein, wahrscheinlich nicht", gab ich zu. "Ich schätze, das muss ich morgen… Naja, okay, wahrscheinlich ist heute schon morgen… Also heute googlen."
Und dann sahen wir schweigend den Sternenhimmel an. Und es war schön.
Für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen. Und es gab nur noch Felix und mich. Alles war perfekt. Nach einiger Zeit beschenkte mich das Schicksal sogar mit einer Sternschnuppe. Ich wünschte mir einen Kuss - von Felix. Nur einen Kuss. Mehr wollte ich nicht von ihm. Ich wollte nur wissen, wie es war. Oder doch nicht?
Um ehrlich zu sein, war die Sache mit dem Kuss, das Einzige, von dem ich wirklich sagen konnte: Das will ich! Denn damals hatte ich keine Ahnung was ich wirklich wollte. Ich liebte Felix. Ich liebte ihn so sehr, wie noch keinen anderen davor. Doch mit ihm zusammen sein? Das konnte ich mir niemals vorstellen. Obwohl Felix und ich so viele Gemeinsamkeiten hatten, konnten wir unterschiedlicher gar nicht mehr sein. Es hätte wahrscheinlich niemals mit uns geklappt. Das war mir von Anfang an klar. Und doch… Etwas in mir, wollte es trotzdem… Ich sag' ja: Ich war damals hin- und hergerissen.
Ich hab' keine Ahnung, wie lang' wir damals dort lagen, doch irgendwann machte sich die Realität bemerkbar und erinnerte mich daran, dass es noch andere Menschen und mein nicht allzu tolles Leben gab. Es kam also wie es kommen musste: Der Zauber verblasste, wir standen langsam auf und machten uns auf den Weg Richtung Heimat.
Dass es schon sehr spät sein musste, bemerkte ich daran, dass die Laternen bereits ausgeschaltet waren und der Heimweg somit stockdüster war. "Ich glaub' deine Mutter schläft schon", bemerkte Felix, als wir vor unserer Haustür standen.
"Mhm… Jaa, glaub ich auch…"
"Wenn du nicht mehr reinkommst, kann ich dir ja notfalls doch noch Asyl anbieten", grinste Felix.
"Super", lachte ich.
Und das wars. Die Verabschiedung fiel nämlich spärlich aus. Nach dem "Also gute Nacht" folgte das "Bis dann" und weg war er. Aber was hatte ich auch erwartet? Eine Liebeserklärung mit einem romantischen Kuss als Krönung direkt vor dem Zimmerfernster meiner Mutter? Sicher nicht. Wobei ich natürlich schon enttäuscht war, dass mein Sternschnuppenwunsch nicht in Erfüllung ging. Aber heute weiß ich, dass ich meinen Wunsch einfach nur präziser hätte stellen müssen.
Als ich das Haus betrat, öffnete mir meine Mutter überrascht die Vorflurtür. "Mit dir hätte ich heute ja gar nicht mehr gerechnet. Ich dachte du schläfst bei Jan."
Ich nuschelte etwas vor mich hin, was man als "Der muss doch arbeiten" durchgehen lassen konnte. Meine Mutter hatte ja keine Ahnung, dass ich an diesem Abend nicht mit meinem Freund im Kino war.
Sofort huschte ich ins Badezimmer, wünschte meiner Mutter noch eine gute Nacht und schloss die Tür schließlich hinter mir zu. Dass sie so plötzlich vor mir stand, brachte mich beinahe noch mehr aus der Bahn, als der gesamte Abend mit Felix. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich etwas Verbotenes getan und meine Mutter hätte mich dabei erwischt. Die Tatsache, dass die Vorflurtür jede Nacht abgeschlossen wurde und ich keinen Schlüssel dafür hatte, machte es auch nicht leichter. Wäre meine Mutter nicht gewesen, wäre ich tatsächlich nicht reingekommen und hätte Felix' Angebot womöglich doch annehmen müssen. In Gedanken malte ich mir aus, wie die restliche Nacht hätte werden können, wenn meine eigene Mutter mir nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Dabei vergas ich total, dass ich noch immer im Badezimmer stand und doch eigentlich duschen wollte. Während ich mich also meinen Klamotten entledigte, sah ich auf die Uhr und erschrak: Es war viertel nach zwei! Das erklärte nun auch den überraschten Blick meiner Mutter.
Gerade als ich mich unter die Dusche stellen wollte, bemerkte ich eine riesige, fette Spinne, die über unseren Badezimmerboden lief. Nach einigen Minuten Trance, schnappte ich mir den Lockenstabkarton und erschlug sie damit. Ich sag' ja: Je mehr Felix, desto mehr und vorallem auch desto größere Spinnen suchten mich heim.




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