troublebreathing ♥

Kapitel 16 - "Reddy ist tod!"

Der darauffolgende Montag ging in mein persönliches Geschichtsbuch ein. Es war der Tag, der mein Leben wohl um Einiges veränderte. Der Tag, der alles durcheinander brachte. Der Tag, an dem ich Jan anrief, um ihm zu sagen, dass wir es probierten. Wir waren zusammen! Doch bis es zu diesem Telefonat mit Jan kam, führte ich ein endloses Telefonat mit Sandra und noch viel endlosere Gespräche mit mir selbst.
Den ganzen Tag konnte ich an nichts anderes denken, als an Jan. Und immer schwirrte mir die Frage, aller Fragen im Kopf herum: Sollte ich es, trotz Mangel der Gefühle, mit Jan probieren?
"Natürlich probierst du es mit ihm!", waren Sandras Worte.
"Aber ich bin nicht mal in ihn verliebt!", waren meine Worte. "Ich mein', ich mag ihn schon total und so, aber das ist höchstens ein verknallt sein."
"Na und? Das kommt doch mit der Zeit."
"Ja, aber was ist mit Felix?"
"Felix? Der, der sich schon die ganzen Sommerferien nicht bei dir gemeldet hat?", fragte Sandra fassungslos. "Den vergisst du jetzt mal ganz schnell! Und mit Jan passiert das noch schneller."
"Aber ich kenn ihn doch erst seit vorgestern… Das ist… Ach, ich weiß nicht…"
"Aber ich!", sagte Sandra bestimmend. "Ich guck mir das jetzt nicht länger an. Dein dämlicher Liebeskummer wegen diesem Felix. Du bist hübsch, hast was im Kopf und 'nen guten Charakter. Also wirst nachher Jan anrufen und ihm sagen, dass du es mit ihm probieren willst. Und sollte es zwischen euch echt nicht funktionieren, dann machst du einfach wieder Schluss. Also alles kein Problem."

Und so überredete mich meine beste Freundin dazu, mit einem wildfremden Typen zusammen zu kommen und das obwohl ich ihre Denkweise eigentlich für recht krank hielt. Aber ich hatte einfach keine Lust mehr auf Liebeskummer. Auf Felix, der sich sowieso nie meldet. Auf ein weiteres, einsames Wochenende Zuhause. Wer weiß?, dachte ich mir. Vielleicht kommt die Liebe ja wirklich noch.
Die erste Woche war wirklich… Seltsam. Jan und ich telefonierten jeden Abend. Unglaublich, dass wir Gesprächsthemen fanden. Ich mit meiner was-könnte-ich-erzählen-ohne-ihn-zu-langweilen-Angst hatte es wahrlich nicht einfach. Doch ich hatte Glück, immer wieder an Typen zu kommen, die sich selbst gerne beim Reden zuhören. Felix war so ein Kandidat und nun auch Jan.
Zudem empfand ich die Gesamtsituation als komisch. Ich hatte einen Freund! Und das ohne ihm vorher wochenlang hinterher zu heulen. Ohne diese Romanze, die doch eigentlich das Beste an dieser mit-einem-Typen-zusammenkommen-Sache ist.
Die Romanze, in der man sich wochenlang verliebte Blicke zuwirft.
In der niemand so wirklich weiß, was der Gegenüber tatsächlich für einen fühlt.
In der man sich bei jedem Satz und bei jeder Bewegung des Angebeteten fragt, was das denn nun zu bedeutet hat.
Ich hatte ein vom Liebeskummer geprägtes Leben hinter mir. Immer gab es etwas zu beanstanden - das natürlich von Seiten des Angebeteten. Entweder war er zu alt, wohnte zu weit weg, lebte nur noch für Gott, wusste nicht, dass ich existierte oder hatte kein Interesse an mir. Und nun ließ ich das alles hinter mir. Ich hatte einen Freund, ohne vorher leiden zu müssen. Das ist wie Geld krie  gen ohne zu arbeiten, satt sein ohne zu essen… Einfach, als hätte man etwas geschenkt gekriegt.

Trotz zahlreichen Bedenken schaffte ich tatsächlich das Unmögliche: Ich verliebte mich in Jan und vergas Felix. Und diesmal wirklich. Obwohl ich ihn jeden Tag auf dem Flur sah, war er mir total egal. In mir machten sich keine Schmetterlinge wie früher breit. Es war so, als würde ich ihn gar nicht kennen. Ich war so glücklich. Doch ich glaube am glücklichsten waren Elena, Sarah und Steffi, die sich nun mein Gejammer über Felix nicht mehr anhören mussten.
Es lief wirklich alles perfekt.
Gut, Jan war vielleicht nicht ganz perfekt. So hatte er anfangs zum Beispiel ein Problem damit, wie ich meine Gefühle ausdrücke. Und ich hatte dafür ein Problem damit, wenn er mal wieder am Wochenende alleine mit seinen Freunden loszog. Er war damals bereits 25. Und auch seine Freunde waren in diesem Bereich und gingen dann auch in entsprechende Discos. Ich mit meinen zarten 16 Jahren, war da ausgeschlossen. So fuhr ich also gegen 7 nach Hause, während sich die Freunde meines Freundes bei ihm einfanden und vorglühten. Es war damals schlimm für mich. Also ich verstand es, fühlte mich aber ausgeschlossen.
Trotz alledem hatte ich das Gefühl, er war die Liebe meines Lebens. Ich weiß nicht warum, aber ich wusste es einfach. Oh Mann, ich liebte ihn wirklich total. Blöderweise.
Die Liebe und ich… Eine skurrile Mischung.
Wenn ich verliebt bin, neige ich dazu, schwachsinnige Dinge zu tun. Manchmal bringen sie mich auch in entsprechend peinliche Fettnäpfchen. Die Fettnäpfchen blieben bei Jan zwar aus, jedoch gab es umso mehr Schwachsinn. An einem Wochenende wurde ich von meinen Gefühlen im wahrsten Sinne des Wortes hin- und hergerissen…
Freitag: Morgens um fünf zu Jan, mittags nach Hause, nachmittags wieder hin und abends wieder nach Hause.
Samstag: Morgens zu Jan, mittags nach Hause und abends wieder zu ihm und dort sogar heimlich mit Lucy übernachtet, da meine Mutter über Nacht nicht Zuhause war.
Sonntag: Morgens nach Hause, mittags wieder zu Jan und abends schließlich wieder nach Hause.
Hatte ja sonst nichts zu tun… Meine Mutter war allerdings alles andere als begeistert davon, dass ich mich morgens um fünf alleine auf der Straße aufhielt und ihr nicht einmal etwas davon erzählte. Aber sie konnte echt froh sein, dass der erste Bus nicht schon um 4 kam…
Jedoch erzählte ich fairerweise Steffen, dass ich nun weg vom Markt sei.

Franzi: Und mhm... naja, seit Montag sind wir zusammen...
Steffen: super
Franzi: Ich fands nur fair, dir das zu sagen.
Steffen: super
Steffen: is mir egal ^^
Franzi: Na umso besser.
Steffen: ja
Steffen: und nun
Franzi: Was und nun?
Steffen: soll ich mir verarscht vorkommen? :D
Franzi: Nö.
Steffen: finds trotzdem nicht fair wie du mich behandelt hast
Franzi: Ja, glaubst du ich bin stolz drauf, oder was?
Steffen: jo
Franzi: Nein, bin ich nicht.
Franzi: Nach unserem Treffen hatte ich dauernd son beschissenes Gefühl, aber ich hab nicht gewusst, was des soll. Und dann hab ich mich ja am Sonntag mit diesem Typen getroffen und mir ist aufgefallen was es war, nämlich, dass ich mich mit dir nicht ganz so wohl gefühlt hab.
Steffen: aha
Steffen: :D
Steffen: also bye
Franzi: MG! Ich kann nix für meine beschissenen Gefühle! Oder kannst du deine steuern? Und es war echt nicht meine Absicht, dich irgendwie zu verarschen oder so. Aber okay. Bye

Hab' ich schon mal erwähnt, dass ich die Königin der Fettnäpfchen bin? Also wenn jemandem etwas Doofes passiert, dann mir. Und das ist dann nicht nur doof, sondern richtig scheiße. Ich hatte es mir ja sowieso schon bei Steffen verschissen, aber erst durch meine nachfolgende Aktion hatte ich das letzte Fünkchen Hoffnung, wir würden doch irgendwann wieder zueinander finden, zunichte gemacht.
Ich bin eine von der Sorte Mädchen, die ihre Probleme in allen Einzelheiten mit ihrer besten Freundin bespricht. Dabei war es egal, ob die besagte Freundin neben mir steht, am  Telefon hängt oder nur über eine Tastatur erreichbar ist. Und so schickte ich Elena per ICQ den Chatlog von Steffen und mir. Wobei ich noch erwähnen sollte, dass ich ihr den erst schickte, nachdem ich ihn Steffen schickte… Der wusste natürlich sofort was Sache war und beschimpfte mich, ob ich denn jetzt endgültig den verstand verloren hatte. Mir war das schließlich so peinlich, dass ich ihn im ICQ auf Ignorieren setzte. Falls mich Steffen vorher noch nicht genug hasste: Jetzt tat er es auf jeden Fall!

***


An einem Samstagabend - es war kurz nach acht - feierte Jan  seine Beförderung. Er versprach mir, dass er nicht zuviel trinken würde und falls er es doch vorhatte, würde er mir Bescheid sagen, dann wäre ich nicht gekommen.
Als ich mit Lucy an der Bushaltestelle saß, schrieb er mir noch eine SMS. Er schrieb, ich könne auch schon früher kommen, denn Michael sei Zuhause und er würde dann gegen neun Uhr kommen. Seiner SMS nach zu urteilen, war er stocknüchtern. Und auch als er mich kurz danach noch anrief, klang er nicht wirklich betrunken. Ich freute mich wirklich total auf den Abend mit ihm.
Und dann stieg ich mit Lucy in den Bus ein. Es ist wirklich nicht leicht mit einem Hund Bus zu fahren, da ihn da immer jemand knuddeln will und ihn einfach irre süß findet. Aber noch schlimmer ist es, wenn der Hund wirklich super süß ist und sich kaum von einem Teddybär unterscheidet (einzig und allein die Tatsache, dass sie, wenn sie Männchen macht, fast so groß ist wie ich, macht den Unterschied). Dann hat man die Aufmerksamkeit aller Mitfahrer auf sich. Dann ist man nämlich die Hauptattraktion im Bus.
Ich zeigte dem Busfahrer meine Busfahrkarte, suchte mir einen Platz und - peng!
"Mama, kuck mal! Der Hund!", schrie ein kleines Mädchen, das in der letzten Reihe saß.
Und alle Blicke auf mich bzw. Lucy gerichtet. Ich frage mich manchmal, ob sie weiß, dass sie super süß ist und jeden mit ihrem Blick um den kleinen Finger wickeln kann. Sie ist ein schlauer Hund. Ich denke sie weiß es. Und nutzt es dementsprechend aus...
Ich setzte mich auf den einzig freien Platz. Es war ausgerechnet der, bei dem man rückwärts fahren muss. Und wer saß direkt in meinem Blickfeld, einige Sitze vor mir und sah mich neugierig an? Natürlich. Felix.
Wenn man mit etwas überhaupt nicht rechnet, dann passiert es. Aber wie kann man mit etwas rechnen, was eigentlich zu 90 Prozent nicht passieren kann? Felix' Station war eigentlich noch drei Stationen von der meiner entfernt. Aber da saß er bereits im Bus, als ich einstieg. Das verrückteste Bild, das ich je erleben durfte.
Da saßen Felix und ich uns also in gewisser Weise gegenüber. Es war seltsam. Während er immer wieder zu mir herüber sah, versuchte ich ihn zu ignorieren und der Frau, die vor mir saß, zu antworten, wenn sie eine weitere Frage zu Lucy stellte.
Gut, ich sah Felix zwar nicht an, aber in Gedanken war ich zu 107 Prozent bei ihm. Ich fragte mich, wo er wohl hin ging und wer die zwei Mädchen an seiner Seite waren. Ich fragte mich, was er wohl gerade dachte und ob ihm wohl auch bei meinem Anblick klar wurde, dass er mich vermisste.
Ich vermisste ihn.
Jeden Tag sah ich ihn auf dem Flur und er war mir egal.
Jetzt sah ich ihn einmal im Bus und mir wurde klar, dass ich ihn eigentlich vermisste. Als guten Freund.
Egal. Es war soweit. Als Lucy und ich ausstiegen, spürte ich Felix' Blicke auf mir haften. Ich glaube ich hatte etwas Herzklopfen. Aber nur, weil das alles so seltsam war und so. Bestimmt. Also ich glaube daran…

Es war halb neun, als ich bei Michael vor der Haustür stand. Ich hatte also noch eine halbe Stunde Zeit bis Jan endlich auftauchte. Bis dahin sahen sein Bruder und ich Transformers und quatschten über dies und das. Als ich um kurz nach neun jemanden die Haustür aufschließen hörte, hatte ich Herzklopfen. Doch als dieser Jemand  nach fast zehn Minuten noch immer nicht im Wohnzimmer angelangt war, hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Lucy saß neben mir auf dem Sofa und wartete ebenfalls gespannt auf den, der im Flur wohl gerade dabei war, seine Schuhe auszuziehen. Dann ging tatsächlich die Tür auf und Jan kam herein… -gekrochen! Ich dachte erst an 'nen nicht allzu gelungenen Scherz, doch als er sich von Lucy das Gesicht ablecken ließ, war mir klar, dass er wirklich voll bis oben hin war. Schnell zog ich Lucy von ihm weg - aus Angst sie könnte sich da was holen. Danach wollte er auch von mir noch einen Kuss! Ich schob ihn von mir weg und er setzte sich auf den Boden, wo er anfing seinen Pullover auszuziehen.

Die ganze Zeit lallte er etwas unverständlich vor sich hin.
"Psst", sagte Michael desinteressiert und mit dem Blick Richtung Fernseher. "Ich will das sehen."
Entgeistert sah ich erst zu Michael und dann zu Jan, der nun neben uns auf dem Sofa lag. Ich hatte keine Ahnung was ich machen sollte. Ich kam mir vor wie in einer schlechten Komödie.
Während mein Freund eingeschlafen war, versuchte ich das alles gelassen zu sehen und mich auf den Film zu konzentrieren. Doch irgendwann sprang Jan auf und stolperte Richtung Klo.
"Kotzen?", fragte ich Michael.
"Hm? Aso. Jaja…"
Super.
So ging das glaub eine halbe Stunde, bis er schließlich im Flur eingeschlafen war. Als um kurz nach elf der Film endete, beugte sich Michael schließlich über seinen Bruder um ihn in sein Zimmer zu schleppen. Angewidert sah ich meinen Freund an. "Können wir den nicht… Naja… Einfach hier liegen lassen?"
Mein Schwager in Spé sah mich ungläubig an: "Der Boden ist kalt…"
"Jaa, klar… Irgendwie schon… Blöde Idee…"
Und so schlief ich im Wohnzimmer, weil ich Angst hatte, in der Nacht angekotzt zu werden. Ich bin eindeutig eine schlechte Freundin. Und das Wohnzimmer war zum schlafen eindeutig der schlechteste Platz. Das Terrarium seiner Echsen stand im Wohnzimmer. Dadurch war es hell (von der Wärmelampe) und laut (von der Zeitschaltuhr) und ich hatte Schwierigkeiten einzuschlafen. Wobei ich auch ohne Echsen nicht hätte schlafen können, da ich total aufgewühlt und am Heulen war. Betrunkene Menschen machen mir irgendwie Angst. Die sind so unberechenbar. Zudem wurde ich an meine Tante, die wegen dem Alkohol auf Entzug war, meine Mutter, die mir vor wenigen Monaten betrunken die Ohren vollheulte und meinen Onkel, der ebenfalls des Öfteren mitten in der Nacht betrunken nach Hause kam, erinnert. Alkohol brachte meiner Familie kein großes Glück. Zugegeben, ich war nicht viel besser als mein Freund, meine Familie und der Rest der Welt. Erst am vergangenen Wochenende war ich diejenige, die mehr oder weniger betrunken bei Jan vor der Haustür lag.

Elena wollte in ihren Geburtstag reinfeiern und lud Sarah und mich ein. Bepackt mit einer Sporttasche voll mit Bier und einem roten Getränk, das ich gegen später liebevoll "Reddy" taufte, suchten wir uns den perfekten Platz, um Elenas Geburtstag würdevoll zu feiern. Diesen fanden wir dann in einem winzigen Park, der eigentlich bekannt ist für seine betrunkenen Gäste.
Kaum hatten wir es uns auf einer Bank gemütlich gemacht, als wir anfingen eine Flasche Bier nach der anderen zu leeren. Besser gesagt: Elena und Sarah leerten eine Flasche nach der Anderen. Ich nuckelte noch nach einer halben Stunde an meiner ersten Flasche rum. Ich hasse Bier. Ich hasse Alkohol. So gerne ich ihn  auch trinken würde, aber davon wird mir schlecht, weil es mir einfach überhaupt  nicht schmeckt. Deshalb bot mir Elena "Reddy" an. Ich schätze mal, es ist eine Art Alkopop. Hatte den Geschmack von Himbeere, war extrem süß und den Alkohol schmeckte man kaum raus. Für mich perfekt. So trank ich also immer mal wieder einige Schlücke vom Bier und, um den ekelhaften Nachgeschmack loszukriegen, einige Schlücke von "Reddy".
Die Stunden vergingen und die Flaschen leerten sich immer mehr. Als ich die leere "Reddy" in der Hand hielt, schrie ich laut "Reddy ist tod!" und warf die Flasche ins Gebüsch hinter mir. Man kann sich also denken, dass ich nicht mehr in der besten Verfassung war. Ausgerechnet in diesem Moment bekamen die vier betrunkenen Typen, die keine 15 Meter neben uns im Gras saßen, Besuch von zwei Männern in grün. Angespannt wie sie waren, versuchten Elena und Sarah mich mit Mühe ruhig zu kriegen, um die Aufmerksamkeit der Polizisten nicht auf uns zu lenken. Ich wusste ganz genau, dass ich mich gerade in dem Moment befand, in dem man nichts Sinnvolleres machen kann, als die Klappe zu halten. Doch ich fand die Situation einfach irre komisch und ließ mich nicht davon abbringen Schrei nach Liebe zu singen. Es war kaum zu glauben. Da hatte ich doch tatsächlich etwas, woran ich schon mein Leben lang zweifelte: Glück. Denn seltsamerweise gingen die Polizisten wieder in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Total erleichtert öffneten meine Freundinnen erstmal die nächste Flasche Bier - der Schock musste ja irgendwie runtergespült werden.
Es war schon kurz vor zehn, als der Alkohol bei mir seine  Wirkung erst so richtig zeigte. Das Schlimmste war natürlich die Blasenschwäche, von der ich jedoch schon seit dem ersten Schluck geplagt wurde. Egal ob ich auch nur einen minimalen Schluck trinke - wenn Alkohol mit im Spiel ist, kann ich mich für die nächsten zehn Stunden mit dem Klo anfreunden. Doch was macht man, wenn man ganz dringend aufs Klo muss, aber die öffentlichen Klos schon zu sind? Einmal trauten wir uns in ein Restaurant ("Schau mal, Elena! Die schöööö-nen Bilder!" - "Pssst! Der Kellner guckt schon ganz komisch!" ) , jedoch hatten wir irgendwann keine Lust mehr unseren Standort ständig zu verlassen und so musste dieser schöne Busch, wo "Reddy" nun beerdigt war, hinhalten.
Das Nächste was bei mir passiert wenn ich zuviel Alkohol trinke, ist, dass ich anfange zu heulen. Da heule ich über alles, selbst wenn etwas noch so witzig ist. Ich bin ja so schon nah am Wasser gebaut, aber wenn dann noch der Alkohol hinzu kommt, dann kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Und so war es auch an diesem Samstag. Aber natürlich heulte ich nicht ohne Grund… Selbst im betrunkenen Zustand brauche ich einen Grund zum heulen. Und der war an diesem Abend Kevin. Wir erinnern uns: Der richtige Junge vom ersten Schultag.
So sehr ich mich im Nachhinein auch dafür hasse, aber ständig schniefte ich etwas von "Oh Gott, er hasst mich so sehr - warum hasst er mich nur?!". Elena und Sarah, die mich ja zum ersten Mal in diesem Zustand sahen, glotzten mich anfangs verwirrt an, bevor sie dann versuchten mich zu trösten und so was sagten wie: "Aber warum sollte er dich denn hassen? Das tut er bestimmt nicht." Als ich aber nach einer Stunde noch immer keine Anstalten machte aufzuhören (Grund diesmal: "Mein Freund hat sein Klo draußen! Ist das nicht furchtbar?" ) , entwickelte sich das Mitgefühl zu einem Lachen. Und als ich nach zwei Stunden immer noch heulte ("Mensch Elena, jetzt hab ich dir gar nicht gratuliert!" und "Du hast deine Sektfalsche umgebracht!" ) , wurde meine Heulerei ignoriert und als selbstverständlich abgestempelt, was uns im Subway verdutzte Blicke einbrachte.
Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass mir der Alkohol, abgesehen von diesen zwei fatalen Auswirkungen, nichts weiter anhaben kann - solang ich nicht weiter trinke. Bedeutet: Laufen und reden funktionierte noch wunderbar. Selbst das Denken war noch weitgehend möglich, jedoch waren sich meine Gedanken und die Worte, die aus meinem Mund kamen, nicht immer ganz einig…
Irgendwann um halb 1 war alles vorbei und Elena setzte mich in meinen Bus. Sie und Sarah wohnten leider in der entgegengesetzten Richtung, weshalb ich - in diesem Zustand - alleine Bus fahren musste. Immer wieder rief ich mir ins Gedächtnis, dass ich in dieser Nacht bei Jan schlafen würde und somit früher aussteigen musste.
Jan war an diesem Abend ebenfalls auf einem Geburtstag und machte schon so Andeutungen, dass es bei ihm länger dauern könnte. Darum ließ er mir extra einen Schlüssel nachmachen, dass ich auch ja bei ihm rein konnte. Tja, gesagt getan. Ich schaffte es tatsächlich an meiner gewünschten Station auszusteigen (ich drückte auf den Knopf, doch die Worte "Bus hält" tauchten nie auf. Ich drückte noch mal und noch mal und noch mal und blieb für einige Sekunden sogar drauf - nix! Schätze die Frau neben mir, hielt mich für bescheuert) und zu meinem Freund zu finden. Schließlich fand ich mich vor seiner Haustür wieder, holte den Schlüssel aus meiner Tasche, steckte den Richtigen (ja, es war wirklich der richtige Schlüssel!) ins Schlüsselloch und drehte ihn… nicht. Es ging nicht! Minutenlang probierte ich es, versuchte es dann mit den anderen zehn Schlüsseln an meinem Bund, doch die Tür ging nicht auf. Verzweifelt rief ich Jan an.
"Ich krieg' die Tür nicht auf!", schrie ich verzweifelt in den Hörer. Irgendwie schien ich gerade wieder einigermaßen nüchtern zu werden.
"Ja, dann benutz doch den Schlüssel!", meinte Jan genervt.
"Hältst mich für bescheuert?!", fragte ich nun ebenfalls genervt. "Das probier ich doch schon die ganze Zeit! Aber da geht nix!"
"Und was soll ich jetzt machen? Ich bin über 'ne halbe Stunde von dir entfernt und komm' nicht so schnell nach Hause!"
Arschloch.
"Ja, super. Und jetzt?"
"Klingelst halt beim Nachbarn."
Ich hob mein Handy vom Ohr weg, um die Uhrzeit auf dem Display erkennen zu können und als ich es wieder ans Ohr legte, antworte ich aufgebracht: "Es ist kurz nach eins - in der Nacht! Da kann ich doch nicht einfach bei wildfremden Leuten klingeln!"
"Doch, der schläft nie", meinte Jan, "also ich komm dann irgendwann die nächsten Stunden. Bis dann."
Und weg war er. Penner.
Da lag ich also, um kurz nach eins, auf dem wahrscheinlich total verdreckten Fußabtreter vor Jans Haustür und überlegte was ich nun tun könnte. Tatsächlich zu klingeln traute ich mich nicht, sein Bruder schwankte ebenfalls in der Weltgeschichte rum, weshalb ich bei dem auch nicht zu klingeln brauchte und nach Hause wollte ich nicht unbedingt. Schon gar nicht in diesem Zustand. Mir blieb also nichts anderes übrig, als zu warten - und währenddessen den Vorgarten meines Freundes vollzupinkeln. Was muss das muss.
Irgendwann rief Jan dann noch mal an und teilte mir mit, dass er sich nun doch schon auf den Weg nach Hause machte und in etwa einer halben Stunde da sein würde. Schön. Ich wusste nämlich nicht mehr, wo ich mich noch nicht erleichtert hatte. Also lag ich weiterhin mit einer vollen Blase auf dieser Bakterienschleuder und war sogar kurz davor einzuschlafen. Obwohl es bereits Mitte Oktober war, war es herrlich warm. Gut, kann natürlich auch am Alkohol gelegen haben, aber das war ja egal. Hauptsache ich musste nicht erfrieren.
Um zwei kam dann schließlich Jan und rettete mich vor diesem ekligen Fußabtreter. Natürlich testete er zuerst meinen Schlüssel, um dann mit einem "Oh" zu bemerken, dass ich zwar nicht mehr ganz nüchtern, aber noch lang nicht so sturzbesoffen war, dass ich es nicht mal schaffte, diese blöde Tür aufzukriegen. Er hatte mir wirklich den falschen Schlüssel mitgegeben.

In dieser Nacht, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam, weil es die Nacht war, in der die Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt wurde, musste ich immer wieder an den vergangenen Samstag denken und schämte mich dafür. Dafür, dass ich betrunken und somit nicht viel besser als Jan war. Dafür, dass ich dem Alkohol Macht über mich gab.
Gerade als die Ziffern der Funkuhr, die bei Jan auf einem kleinen Schreibtisch neben dem Fernseher stand, von drei auf zwei Uhr wechselten, schwor ich mir, dass ich in nächster Zeit keinen Alkohol mehr anrühren würde. Ich schwor mir, nie wieder betrunken Heim zu kommen und nie irgendwelche Scheiße deshalb zu bauen. Und ich schwor mir ebenfalls, dass ich, sobald es 7 Uhr war, nach Hause fahren würde. Ich wollte nicht, dass meiner Mutter etwas von dieser Sache erfuhr (ich erzähle ihr ja auch nicht mal von anderen Sachen) und würde ich um 4 Uhr vor der Haustür stehen, wäre das schon ein ziemliche eindeutiges  Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmte. Komme ich dagegen um 7 Uhr nach Hause, würde sie keinen Verdacht schöpfen, da ich schon des Öfteren am Samstag so früh heimgekommen war, da Jan ab und zu auch samstags arbeitete und ich dann mit ihm das Haus verlies.
Während ich mich schlecht fühlte, war auch Lucy ziemlich benommen. Ständig kam sie zu mir aufs Sofa und entscheid sich zehn Minuten später, doch auf dem Boden weiterzuschlafen. Weil der Boden aber so kalt war, legte ich ihr Jans Pullover, der noch immer auf dem Boden lag, aus.
In dieser Nacht tat ich auch zum ersten Mal das, was man in einer Beziehung besser unterlassen sollte, es aber nicht immer schafft: Jan hatte sein Handy auf dem Wohnzimmertisch vergessen (hat mich noch gewundert, dass er in seinem Zustand daran dachte sein Handy aus der Hosentasche zu holen) und so durchsuchte ich es nach verdächtigen SMSen. Ich wurde auch fündig. Kurz nachdem er mir eine rechtschreibfehlerarme SMS geschrieben hatte, schrieb er eine weniger rechtschreibfehlerarme SMS an seine Exfreundin.

20:31 Uhr
kanst du mir sagn wo ich wohn ich weis es nict mehr

Sie antwortete:

20:35 Uhr
Ne aber wo bist du denn?

Was sollte das denn? Wieso ist er bei ihr betrunken und bei mir nicht? Ich denke kaum, dass man innerhalb einer viertel Stunde so betrunken werden kann. Und wieso schreibt er in seinem betrunkenen Zustand ausgerechnet ihr, wenn er sie doch so sehr hasst?
Diese Nacht war eindeutig eine der Schlimmsten in meinem ganzen Leben und ich wollte nur noch nach Hause. Und Schluss machen sowieso. Doch es war erst kurz nach vier. Ich hatte noch immer drei schlaflose Stunden vor mir. Also nutzte ich die Restzeit und überlegte wie ich Schluss machen sollte. Was er am Morgen vorfinden sollte, um sofort zu merken, was los ist.
Ein Zettel? Bin weg. Und achja, es ist aus.
Eine SMS? Ich mach Schluss!
Oder sollte ich doch darauf warten, dass er aufwachte, ich ihm eine scheuern und ihm persönlich sagen konnte, dass ich ihn nie wieder sehen wollte?
Meine abartigen Fantasien kannten an diesem frühen Morgen keine Grenzen und ich freute mich schon auf meinen dramatischen, filmreifen Abgang. Doch - wie es nun mal immer so ist - kam alles anders als ich es mir in meiner Fantasie mühevoll vorgestellt hab'.
Um halb sieben schleppte sich mein Exfreund in Spé ins Wohnzimmer. Ich weiß nicht wer von uns beiden schlimmer ausgesehen hatte: Ich mit meinem vom Heulen und Nichtschlafen geschwollenem Gesicht oder er, der zuviel getrunken und gekotzt (und nun hoffentlich einen furchtbar schlimmen Kater) hatte.
"Hast du die ganze Nacht im Wohnzimmer geschlafen?", fragte mich Jan.
"Nein."
"Wo dann?"
"Ich war zwar hier, hab' aber nicht wirklich geschlafen", war meine Antwort.
"Aso", meinte er und kam zu mir.
Er setzte sich neben mich aufs Sofa. Lucy, die ebenfalls auf dem Sofa lag, wedelte nun mit dem Schwanz. Ich hingegen war wie gelähmt und heulte nun auch schon wieder los.
"Ich hab' ne echt beschissene Nacht hinter mir, falls es dich interessiert", schluchzte ich. "Ich hab' die ganze Nacht durchgeheult. Du hast mir gestern solche Angst eingejagt."
"Tut mir Leid", sagte er zärtlich und nahm mich in den Arm.
Ich befreite mich und antwortete: "Nützt mir jetzt auch nichts"
Es sollte eigentlich kalt rüberkommen, aber wenn Tränen mit im Spiel sind, hört sich nichts wirklich kalt an. "Ich geh jetzt sowieso gleich. Warte nur noch bis sieben."
"Bitte geh nicht", flehte mich Jan verzweifelt an. "Ich hab' gestern wirklich nicht viel getrunken, aber meine Kollegen haben mir Schnaps ausgegeben und irgendwie scheine ich das nicht zu vertragen."
Die Tränen flossen mehr und mehr, als wären sie seit Jahren in meinem Körper eingesperrt und immer wieder schluchzte ich etwas von "Ich hatte solche Angst" und "Scheiß Alkohol". Jan nahm mich wieder in den Arm und wiegte mich wie ein kleines Kind.
Nach einiger Zeit flüsterte mir Jan ins Ohr: "Ich verspreche dir, dass ich nie wieder soviel trinke und wenn, dann warne ich dich vor. Und ich hoffe, ich verliere dich nicht dadurch. Lass uns bitte noch einen schönen Sonntag haben."
Und so warf ich meine Gedanken vom Schluss machen und nach Hause gehen beiseite. Ich konnte diesem Mann - zu meiner Schande - einfach nicht widerstehen.  
Schließlich bat Jan mich zu ihm ins Bett zu kommen. Auf dem Weg in sein Zimmer, sah er seinen Pullover auf dem Boden liegen und nahm ihn mit. Er betrachtete ihn und fragte: "Du, warum sind denn da so viele Haare dran?"
Ooops…
"Ähm, keine Ahnung. Lucy wird wohl einfach ziemlich starken Haarausfall haben…", antwortete ich und grinste als Jan nicht zu mir sah. Bisschen Rache ist immer erlaubt.

 

 

Kapitel 17 - Hilf mir, mein Herz, hilf mir versteh'n

Meine Willenskraft war… Eindeutig nicht vorhanden. Da wollte ich doch total sauer auf Jan sein und eventuell Schluss machen… Und dann sagte er irgendwas super Süßes und schon war ich ihm wieder verfallen. Scheiß Gefühle!
Naja, zwischen uns war nach wie vor alles wieder okay. Jedoch gab es einen Dämpfer für unsere Beziehung: Er musste auf unbegrenzte Zeit auf Montage und kam dann immer erst wieder am Wochenende nach Hause. Es war keine leichte Zeit für mich. Ich mein', ich hatte zum ersten Mal eine Beziehung und dann gleich eine Wochenendebeziehung. Es war die Hölle für mich. Ich vermisste ihn so sehr und freute mich schon am Sonntagabend wieder auf Freitag. Unter der Woche hörte ich auf zu leben. Jeden Tag tat ich dasselbe, gerade mal das Nötigste: Ging zur Schule, machte meine Hausaufgaben, erfüllte häusliche Pflichten, kümmerte mich um den Hund und ging ins Bett. Die Tage unter der Woche zogen sich wie Kaugummi lang und schienen kein Ende zu nehmen, während das Wochenende an mir vorbeizog, als ob jemand an der Zeit drehen würde. Mein Leben unter der Woche war mir zuwider. Hausaufgaben kamen mir beinahe lächerlich vor. Ich saß da irgendwo in meiner Welt rum und löste mehr oder weniger dämliche Brüche, während draußen das Leben auf mich wartete. Und das lernte ich erst durch Jan am Wochenende richtig kennen. Er entführte mich in eine Welt, die mir vorher so fremd war. Und ich genoss die Zeit mit ihm, mehr als alles Andere. Ich fühlte mich so wohl bei und mit ihm. Viel wohler, als Zuhause. Doch gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als würde ich irgendwas, irgendwen verraten. Meine Gefühle fuhren in dieser Zeit ziemlich viel Achterbahn und jeder noch so banale Gedanke an Jan ließ Tränen in mir aufkommen. Egal weswegen genau, egal wann, egal wo, egal vor wem.

Felix: Was war denn mit dir heut los?
Felix: Oder darf ich das nicht wissen?
Franzi: Wegen? Was war?
Felix: Tränen bei dir?
Franzi: Woher weißt du das jetzt? O_o
Felix: Ähm weil das in der Schule auf dem Gang war?
Franzi: Oh... ja. Das kann sein.
Felix: Was war los?
Franzi: Ich wills dir ehrlich gesagt nicht erzählen.
Felix: Schon OK.

Oh, Gott! Er hatte es gesehen! Warum hatte ich ihn nicht gesehen? Achja, ich war ja mit dem Überfluten des Schulgangs beschäftigt… Aber egal. Viel wichtiger war: Felix machte sich Gedanken um mich! Ob er wohl auch ab und zu an mich dachte? Oder mich gar vermisste? Um das herauszufinden, gab es nur eine Möglichkeit…
Heute weiß ich, dass es blöd war. Hätte ich es nie getan, dann wäre es wahrscheinlich nie soweit gekommen, wie es schließlich kam. Aber ich war jung, dumm und überhaupt nicht vorausschauend…

Franzi: Aber du… Was ich dich mal fragen wollt...
Franzi: Ach nee…
Franzi: Ist ja Kacke.
Franzi: Zurückspulen.
Felix: Ne frag.
Franzi: Nee, das hört sich so beschissen an und irgendwie weiß ich nicht, wie ich das fragen soll, ohne, dass es sich so blöd anhört.
Felix: Warum sollte sich etwas blöd anhörn? ^^
Felix: Ich frag doch auch immer blöde Fragen. ^^
Franzi: Jaa, aber nicht so blöde.
Felix: Ach so blöd kann die nie werden. Frag einfach.
Franzi: Jaa... Nee... Irgendwie... Weil wir reden gar nicht mehr miteinander... Schreiben ja auch nicht. Also irgendwie fällt der ganze Kontakt weg... Und das obwohl du... Naja... Ich kapiers nicht. Nicht, dass ich jetzt total verzweifelt wäre oder so, fands halt schon immer coolig mit dir zu labern und so. Ach keine Ahnung. Hört sich echt beschissen bescheuert an. Ich wollt halt nur fragen, ob du kein Bock mehr auf mich hast oder so, weil dann wär die Frage auch endlich von meiner "1oo Fragen, die ich unbedingt loswerden muss"-Liste weg. >_>
Felix: Also ehrlich gesagt find ich es eig. auch ziemlich schade dass wir nicht mehr so viel miteinander reden oder chatten aber das hat halt leider der Streit zwischen dir und Celina beeinflusst. Weil ich ja eig. immer nur durch Celina mit dir gelabert hab und das ist ja jetzt nicht mehr da.
Felix: Und darum fand ich das auch immer doof dass ihr nicht mehr miteinander auskommt, weil sonst wir beide auch keinen Kontakt mehr haben. Und darum hätte ich eig. auch nix dagegen wenn wir mehr mit einander reden oder chatten würden.
Franzi: Oh... Okay... Ich dachte du hasst mich... Oder so. Naja, nee, ich hätte eig. auch nix dagegen. Und so.
Felix: Ne das war ja auch immer ne coolige Zeit als wir immer so lange gechattet haben. ^^
Felix: Was war eig. mal unser Rekord?
Franzi: Irgendwann morgens 12 bis abends oder nachts. Mit Pause aber. ^^
Felix: Ja war immer ganz lustig.
Franzi Japp. >_>
Felix: Sind die anderen 100 Fragen aus deiner Liste eig. auch noch an mich? ^^
Franzi: Nene. ^^ Aber könnt trotzdem sein, dass irgendwann noch mal eine für dich auftaucht. ^^
Felix: Oki… ^^

Er hasste mich nicht! Das war eindeutig Balsam für meine Seele. Und es freute mich total, dass wir nun wieder mehr Kontakt haben würden - rein freundschaftlich natürlich.
Es war, als wäre eine Last von meinen Schultern gefallen. Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich durch diese Aussprache den Grundstein für ein ewiges Leiden gelegt hatte, wäre mir das Lachen bestimmt schnell vergangen. Aber die Erfahrung macht uns schlauer, leider, und so muss man erst in sein Verderben stürzen, um zu merken, wie scheiße es doch ist.

* * *

Ist es nicht traurig, dass man immer erst im Nachhinein merkt, dass man eben den schönsten Augenblick seines Lebens erleben durfte? Und ist es nicht noch trauriger, dass man in diesem Augenblick an allem rumgemeckert hat? Mit allem unzufrieden war und so schnell wie möglich diesen Augeblick hinter sich bringen wollte?
Wenn man ihn dann hinter sich hat und merkt wie toll doch damals alles war, hat man einen Hass auf sich. Man hasst sich, weil man den perfekten Augenblick nicht erkannt und genossen hat. Man ist traurig, weil man glaubt, nie wieder würde alles so perfekt und vollkommen sein wie in diesem Moment. "Glück ist zerbrechlich, fass es vorsichtig an - wie Porzellan" singt Farin und er hat so Recht.
Ich durfte diesen perfekten Augenblick erleben. Der perfekte Augenblick, der ganze vier Tage anhielt. Der perfekte Augenblick, den auch ich nicht zu schätzen wusste.

An einem Dienstag im November, als wir unsere Klassenfahrt nach Köln antraten, begann dieser perfekte-Augenblick-für-4-Tage. Das Tolle an dieser Klassenfahrt war, dass meine und die a-Klasse zusammen weg fuhren, was wiederum bedeutete, dass Felix dabei war. Das weniger Tolle daran war, dass Celina, mit der ich noch immer keinen Kontakt hatte, ebenfalls mitkam.
Eigentlich gab es in Köln nichts, was irgendwie besonders war oder so. Also es ist nichts passiert, was in irgendeiner Hinsicht für mich oder mein Leben förderlich war. Im Gegenteil. Irgendwie empfand ich alles als super schlimm. Alle fünf Minuten musste ich aufs Klo, weshalb ich schon von einer Blasenentzündung ausging. Erst am Donnerstagmittag wurde mir klar, dass dieses komische Sodagetränk, was es in der Jugendherberge gab und ich ständig während unseres Kölnaufenthaltes trank, an meiner Blasenschwäche Schuld war. Zudem hatte ich die falschen und nur ein paar Schuhe dabei, weshalb ich, Dank den winterlichen Temperaturen, im Laufe der Tage eine Erkältung mit mir rumschleppte. Außerdem empfand ich die geplanten Lehreraktionen, wie die Stadtführung in Köln und der Stadtrallye in Bonn, als einfach nur super ätzend und langweilig.
Und was die Sache mit Felix betraf: Obwohl es diese Aussprache mit ihm gab, unternahmen wir nicht wirklich viel zusammen in Köln. Um genau zu sein, waren wir ein einziges Mal zusammen bei McDonalds und da waren alle vier Lehrer, einige Mitschüler aus seiner und wiederum einige aus meiner Klasse dabei. Die wenigen Gespräche, die in dieser Zeit stattfanden, hätte ich genauso gut mit einem Fremden führen können.
Doch obwohl dieser Kölnausflug auf den ersten Blick alles Andere als eine Bereicherung war, war es perfekt. Alles war perfekt. Ich hatte ein einigermaßen geregeltes Leben, tolle Menschen um mich herum und ich vergas einfach sämtliche Probleme, die Zuhause auf mich warteten. Wenn man weiter wegfährt ist es so, als ob die ganzen Probleme, die um einen herumflattern, einem doch endlich etwas Urlaub gönnen. Selbst wenn es nur für wenige Tage ist. Ich fühlte mich damals wohl, frei und einfach nur glücklich. Etwas, was den perfekten Moment ausmacht wie ich finde.

Der zweite Abend wird wahrscheinlich auf immer und ewig den ersten Platz in meiner Liste der besten Abende in meinem Leben belegen. An diesem Mittwochabend ging es zu Starlight Express. Wie auch für die anderen Aktivitäten, die die Lehrer geplant hatten, hatte ich für Starlight Express genauso wenig übrig. Ich muss dazu sagen, dass es mein erstes Musical war und ich hatte mich vorher überhaupt nicht darüber informiert. Darüber hinaus haben es ja schließlich die Lehrer ausgesucht und die leiden sowieso an Geschmacksverirrung, weshalb ich es einfach nur für sinnlose Zeitverschwendung hielt. Doch schon als wir aus dem Bus ausstiegen und vor dieser riesigen Halle standen war ich überwältigt und alle negativen Gedanken waren wie weggeblasen. Ich begann mich richtig auf diesen Abend zu freuen.
Vor der Halle verteilten zwei Lehrer die Eintrittskarten unter uns Schülern. Elena und ich stellten uns beim Mathelehrer der a-Klasse auf. Und das natürlich extra hintereinander, dass wir auch ja nebeneinander sitzen konnten. Der Matherlehrer der a-Klasse war echt cool, was soviel bedeutet wie, er war richtig heiß. Aber dieses "Heiß" verdankt er nicht nur seinem Aussehen, sondern vor allem seinem Humor und seiner lockeren Art, was wohl darauf schließen lässt, dass er erst um die dreißig war. Weil wir aus der b-Klasse ständig seinen Namen vergasen, wohl aber wussten, dass sich sein Name auf Honig reimt, nannten wir ihn immer nur Herr Honig.
Elena stand also hinter mir und ich hatte endlich meine Eintrittskarte in der Hand, als Herr Honig die nächste Karte - Elenas Karte! - mit einem "Ah, die Begleiterkarte!" selbst einsteckte und ihr stattdessen  die Nächste gab. Das war so klar. Sofort verglichen wir unsere Sitzplatznummern und stellten erschreckend fest, dass wir  nicht nur zwei Sitze oder so voneinander entfernt saßen, sondern, dass ich meinen Sitz irgendwo ganz links von dieser ganzen Halle hatte - und sie saß in der Mitte! Hab' ich schon mal erwähnt, dass das so klar war? So was konnte ja nur mir passieren.
Als alle Karten unter unsere Mitschüler gebracht wurden und keiner tauschen wollte, bettelten wir bei den Lehrern, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gab, dass wir doch zusammen sitzen konnten. Die Lehrer versprachen, dass sie sich zwar darum kümmern würden, aber ob sie doch noch eine Möglichkeit finden, war die andere Frage. Der Abend war jedenfalls in dem Moment für mich gelaufen. Wer weiß, wer neben mir sitzen würde? Links Herr Honig (was eigentlich gar nicht sooo schlecht gewesen wäre) und rechts der größte Spast aus meiner Klasse?
Elena und ich kamen gerade vom Klo (nicht zu empfehlen - durch die Zuggeräusche, die dort zu hören sind, glaubt man ein Zug fährt gleich durch die Kabine und vergisst das eigentlichen Vorhaben) als Herr Honig mit einem Grinsen im Gesicht und etwas was wie eine Eintrittkarte aussah in der rechten Hand auf uns zukam und in einem gespielten Showmasterton sagte: "Ich habe die ultimative Neuigkeit für euch!"
Kaum hatte er das ausgesprochen, stürmte Elena mit einem "Oh Scheiße!" zurück Richtung Klo. Ich würde meine gesamte Ärzte-Sammlung hergeben, wenn ich dafür ein Bild von Herrn Honigs Gesicht von diesem einen Moment bekommen könnte. Denn mehr als verwirrt sah Herr Honig Elena hinterher und als sie nicht mehr zu sehen war, sah er mich - so unmöglich es auch war - noch verwirrter an. Sein Gesichtsausdruck war so unbeschreiblich und es ärgert mich, dass ich es nie richtig in Worte fassen kann. Herr Honig war sprachlos und man konnte erkennen, dass es ihm selbst in seinem Kopf die Sprache verschlagen hatte und er womöglich nicht mal einen klaren Gedanken fassen konnte. In diesem Moment hatte sich Herr Honig in ein riesiges Fragezeichen verwandelt und ich glaube, man konnte das selbst aus zwanzig Metern Entfernung erkennen.
Ich war zwar genauso perplex über Elenas Auftritt, fand Herr Honigs Gesichtsausdruck aber so lustig, dass ich schon Bauchweh hatte vor Lachen. Zwischendurch brachte ich ein "Vielleicht musste sie sich ja übergeben oder so" raus, bevor mein Lachanfall weiterging. So standen wir uns gefühlte zehn Minuten gegenüber: Herr Honig, der immer wieder (natürlich immer noch mit diesem Fragezeichen-Gesicht) abwechselnd zur Klotür und zu mir sah und ich, die schon am Hyperventilieren war vor Lachen.
Nach zwei Minuten erschien Elena sichtlich erleichtert in der Klotür. Als sie bei uns ankam - ich hatte mich mittlerweile einigermaßen beruhigt - fragte sie, als sei nichts gewesen, was Herr Honig denn nun sagen wollte. Der schüttelte erstmal ungläubig den Kopf und schien noch immer keine Stimme zu haben. Also fragte ich Elena: "Ähm… Was war das grad?"
"Was?", Elena lachte unsicher. "Aso, ja. Ich hab' meine Handtasche auf dem Klo vergessen."
Und ich lachte erstmal weiter, während Herr Honig nun ebenfalls in mein Lachen einstimmte. Also egal wie das Musical geworden wäre, dieser Moment war die ganze Sache bereits wert.
Irgendwann meinte Herr Honig, der noch immer sichtlich amüsiert war: "Achso, ja. Ich hab' da was für euch." Er wedelte mit einer Eintrittskarte vor unseren Augen rum.
"Nein!", schrien Elena und ich gleichzeitig.
"Das ist eigentlich die Begleiterkarte für uns Lehrer, aber ich denke das passt schon", erklärte er und grinste.
Elena und er tauschten ihre Karten und der Abend war gerettet. Hab' ich schon mal erwähnt, wie cool Herr Honig doch war? Ohja, er war echt der Hammer.
Unsere Plätze lagen zwar sehr weit links, dafür aber recht weit vorne. Und abgesehen davon, dass wir erst an Celina und ihren Freunden vorbeimussten um an unsere Plätze zu kommen und, dass - wie sollte es auch anders sein? - der größte Spast unserer Klasse ausgerechnet rechts neben mir saß, war es echt perfekt. Die Songs waren unbeschreiblich schön. Ich denke jeder kennt diesen Titelsong von Starlight Express. Beim zweiten Mal war es so gefühlvoll gesungen und Dank den wunderschönen Lichteffekten bekam ich Gänsehaut. Meine Tränen widmete ich jedoch einem anderen Lied. Eine riesige Schwäche an mir. Denn Lieder können meine Gefühlslage beeinflussen. Das ist echt scheiße, besonders wenn es grad nicht so richtig reinpasst. Da sollte es lustig sein, aber ich bin deprimiert, weil ich irgendein trauriges Lied höre. Noch schlimmer ist es aber, wenn es ein Lied ist, mit dem ich einen besonderen Moment assoziiere. Mit Wie es geht ist es ja zum Beispiel so. Immer wenn ich es höre, muss ich dabei an Felix und mein Geständnis denken. Egal, ob es schon zwei Jahre her ist. Und dann werde ich natürlich deprimiert, weil ich das immer werde, wenn ich an Felix denke. Felix - der mich auch heute noch am glücklichsten und zugleich am traurigsten macht. Wer es soweit geschafft hat, hat glaube ich große Macht über einen Menschen.
Aber zurück zum Musical. Wer es kennt, wird wissen was ich mit Pearls Song meine. Dieses Lied ist der absolute Hammer und zugleich Horror für meine Gefühlslage. Ich hatte das Gefühl, das Lied wurde eigens für mich geschrieben.

Weiß nicht, für wen ich mich entscheiden soll,
mit einem muss ich gehen.
Dies Gefühl kann keiner verstehn,
ich kann mich selbst nicht mehr verstehn.

Jan oder Felix?
Ich belog mich selbst, wenn ich mir sagte, Felix sei mir egal.

Der eine hat mehr Mut,
der andere hat Gefühl.
Beide tun mir gut,
mit wem soll ich gehn?
Hilf mir, mein Herz,
hilf mir verstehen.

Natürlich hatte ich noch Gefühle für Felix. Und die waren bei Weitem nicht im freundschaftlichen Bereich.

Auch wenn ich beide nicht verlieren will,
es kann nur einer sein.
Wem von beiden sage ich nein?
Ich weiß nicht, wem sage ich nein?

Doch ich hatte Jan. Und ich wusste ganz genau, dass wenn ich ihn nicht mehr hätte, Felix wieder an erster Stelle stehen und ich wieder hoffen würde, er erwidert doch irgendwann meine Gefühle. Noch mehr wusste ich aber, dass das nie sein wird. Felix und ich? Ein Wunschtraum. Gehofft habe ich immer, doch wirklich daran geglaubt nie.

Das war also Starlight Express. Wunderschön, gefühlvoll, atemberaubend und unvergesslich. Leider werde ich es nie wieder sehen können. Bei Starlight Express muss ich immer sofort an die Zeit damals in Köln denken. Ich muss an Elena und die anderen aus meiner Klasse und natürlich vor allem an Felix denken. An meine Blasenschwäche, über die ich heute nur lachen kann. An den Oberspast aus meiner Klasse, der einen Koffer voller Kondome hatte, obwohl jeder weiß, dass er die niemals brauchen wird - schon gar nicht in Köln. An die gemeinsamen Ausflüge, die, so langweilig sie auch waren, irgendwie doch durch die Menschen um mich herum lustig wurden. Wenn ich nochmals nach Köln reisen würde, würde mich alles an die damalige Zeit erinnern und es würde niemals wieder so schön werden. Alles und jeder von diesen vier Tagen würde fehlen. Selbst die aufgetakelte Tussie aus der a-Klasse, die ich immer über alles hasste, würde ich vermissen, einfach, weil sie auch damals dabei war. Doch am meisten würde mir die Busfahrt nach dem Musical fehlen.
Für diese vier Tage hatten wir einen Doppeldeckerbus inklusive Busfahrer ("Der ist heiß!", waren Sarahs Worte, während der gesamten Kölnzeit und sogar ewig lange danach) gemietet. An diesem Abend versammelten sich knapp 50 Schüler im oberen Abteil, feierten und sangen zusammen zu Liedern, die wahrscheinlich niemand freiwillig hören würde, aber doch kennt und sobald andere dabei sind, irgendwie auch total toll findet. Selbst Streberin Judith, die angeblich nur Harry Potter-Kassetten hört, sang mit. Man feierte mit Leuten, die man in der Schule nicht mal begrüßte und alle gehörten irgendwie zusammen. Auch die Lehrer waren mit von der Partie und sogar der grimmige Deutschlehrer bewies, dass er tatsächlich Zähne hatte. Die Atmosphäre, die im Bus herrschte, war unbeschreiblich schön und die Busparty war das i-Tüpfelchen für diesen perfekten Abend. Doch leider endete die Busfahrt - und somit auch die Party - nach etwas mehr als einer Stunde. Der Zauber verflog und alle verschwanden wieder in ihre Gruppen und es war, als sei nie etwas in der Art gewesen. Wie in einem Traum.

 

Kapitel 18 - Der Maibaum

Kurze Zeit nach dem Kölnausflug geschah das, worauf ich schon seit mehr als einem Jahr gewartet hatte: Felix fuhr wieder mit dem Bus zur Schule (in den warmen Monaten und wenn es nicht gerade regnete fuhr er mit dem Fahrrad) und weil Celina durch ihren neuen Freund (mit Julian war nach nicht mal zwei Wochen wieder Schluss) mit einem anderen Bus fuhr, waren er und ich endlich alleine.
Ich fuhr jeden Morgen mit einer anderen Buslinie als Felix, weil die praktischerweise nur wenige Meter von meiner Haustür entfernt war. Mit dieser Linie konnte Felix jedoch nicht fahren, weil sie seine Station nicht anfuhr. So war ich dann auch leider immer zehn Minuten früher an der Station, wo der Bus hielt, der direkt vor unserer Schule hielt. Die Schule lag auf einem Hügel und je nach Wetter hatten wir noch weniger Lust da hoch zu laufen, weshalb der Bus schon ziemlich praktisch war.
Jeden Morgen, wenn ich an der Bushaltestelle auf Felix' Bus wartete, schlug mein Herz wie wild. Ich konnte es immer kaum erwarten, bis er endlich kam und sich neben mich setzte. Ich tat immer so, als wäre ich in Gedanken und hätte seinen Bus nicht kommen sehen - es sollte ja nicht der Eindruck entstehen, ich würde sehnsüchtig auf ihn warten. Wenn wir dann so nebeneinander saßen, fragte mich Felix immer als erstes wie es mir ging und erzählte mir dann Anekdoten von sich und seinem Vater (seine Eltern waren, wie auch meine, getrennt). Während wir dann mit dem Bus, der um kurz nach sieben kam, zur Schule fuhren, schwiegen wir uns wieder an. Erst wenn wir ausstiegen, fing Felix wieder an irgendwas zu erzählen oder mich mit irgendetwas aufzuziehen. In der Schule angekommen, setzte er sich immer mit mir vor mein Klassenzimmer. Dabei saß er mit der Zeit immer näher bei mir, bis wir praktisch richtig aufeinander saßen. Ich genoss diese Zeit wirklich. Doch zugleich wusste ich nicht, was ich davon halten sollte; was das zu bedeuten hatte. Natürlich bildete ich mir ein, dass von seiner Seite mehr ist, jedoch schob ich diese Gedanken immer wieder beiseite, da ich noch immer dabei war, jedes noch so winzige Gefühl, was ich für Felix empfand, zu unterdrücken. Immerhin hatte ich noch Jan und ich liebte ihn wirklich. Und keinesfalls wollte ich, dass Felix uns auseinander brachte durch seine Andeutungen, die ich wahrscheinlich nur mal wieder missverstand. Bis zu einem Tag im Februar, als mich Kevin im ICQ anschrieb.

Kevin: Hey Franzi! Na alles klar?
Franzi: Joa, bei dir?
Kevin: Ja, passt schon.
Franzi: Schön.
Kevin: Jaa… Du sag mal… Was geht eig. zwischen dir und Felix?
Franzi: Hää? Wegen?
Kevin: Ja, keine Ahnung… Lukas hat mich letztens mal gefragt, ob ihr zusammen seid. Weil ihr jeden Morgen so zusammen sitzt und so halt.
Franzi: Quatsch. Nee, wir sind nur Freunde.
Kevin: Aso, sorry. Sieht halt immer so aus. Also ich muss dann gehn. Ciao.

Nach diesem Gespräch war ich ziemlich durcheinander. Vielleicht bildete ich mir Felix' Zuneigung doch nicht ein. Deshalb fragte ich Elena und die anderen was sie davon hielten.
"Ist doch egal, was wir denken", war Sarahs beinahe schnippische Antwort. "Du hast ja deinen Freund."
Wir hatten gerade Pause und saßen an unserem Vierertisch. Der übliche Ort wenn es um Krisengespräche ging.
"Und was heißt das jetzt?", fragte ich verwirrt.
"Was wäre denn, wenn wir dir sagen, dass wir es seltsam finden, wie der in letzter Zeit mit dir redet und dich anguckt?", fragte Sarah und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
"Ähm, ich versteh grad echt nur Bahnhof."
Elena seufzte. "Er ist echt komisch dir gegenüber und es sieht echt so aus, als würde er was von dir wollen. Zufrieden?"
Ich keuchte: "Oh Gott! Jetzt echt?"
"Ja, schon irgendwie", meinte Steffi, während sie die Hausaufgaben bei Sarah abschrieb. "Ich mein', die ganzen Komplimente, die er dir macht und wie er ständig in deiner Nähe sein will. Naja und so was halt."
"Oh Mann. Letztens hat er mir sogar einfach so gesagt, ich hätte die perfekte Figur für 'ne Frau."
"Oha, der geht aber ran", meinte Sarah, die es natürlich nicht gewohnt war, so was von Felix zu hören. Bei meinen Freundinnen, die ihn ja nicht so kannten wie ich ihn kannte, war er der keusche, leicht kindische und aufgedrehte Typ. "Und was machst du jetzt?"
"Wie? Was soll ich denn jetzt machen?"
"Na hallo? Felix will wahrscheinlich was von dir!", entgegnete Steffi. "Darauf wartest du schon seit mehr als einem Jahr!"
Ich dachte einen kurzen Moment darüber nach. Recht hatte sie schon. Aber jetzt hatte ich Jan.
"Wenn es tatsächlich so ist, dann hat Felix eben Pech. Ich hab' jedenfalls Jan und mach bestimmt nicht mit ihm Schluss, nur weil Felix jetzt urplötzlich angekrochen kommt", antwortete ich. "Außerdem denke ich nicht, dass das mit ihm und mir klappen würde."
Steffi grinste. "Gute Entscheidung. Felix ist sowieso hässlich und kindisch."
Ich seufzte. Der Meinung war ich leider immer noch nicht.

Zwischen Felix und mir lief es also immer besser. Dafür stritten Jan und ich immer mehr. Wir stritten wegen meiner Mutter, die ich immer mehr hasste, was Jan nicht verstand. Wir stritten, weil Jan immer weniger Interesse an mir zeigte und gefühlskalt war. Und wir stritten, wegen einem Chat, in dem Jan registriert war. Das war auch das schlimmste Streitthema, was sich über mehrere Monate zog.
Wir waren beide am Anfang unserer Beziehung in einem Chat registriert, jedoch löschte ich mich nach einiger Zeit, weil es hauptsächlich eine Art Single-Chat war. Nachdem mich Jan wegen diesem Chat anlog, forderte ich von ihm, dass er sich zwischen dem Chat und mir entschied. Daraufhin löschte er sich zwar, aber im Laufe mehrere Monate fand ich heraus, dass er sich dort immer wieder heimlich registrierte: Mit Bild und Singlestatus. Ich stellte ihn zur Rede und er schrie mich an: "Schämst du dich eigentlich nicht mir hinterherzuspionieren?"
Mich machte diese ganze Geschichte so fertig. Natürlich tat es mir Leid, aber die Tatsache, dass er auch nicht besser war als ich und mich dadurch hinterging sah er nicht ein. Irgendwie rauften wir uns zwar wieder zusammen und er löschte sich auch wieder, aber mein Vertrauen war weg. Den endgültigen Stoß aber, gab die Nacht auf den ersten Mai.
Jan wusste, dass ich schon seit meiner Kindheit einen Maibaum wollte. Für mich war das, so naiv das auch klingt, der Liebesbeweis schlechthin. Und er stellte mir mit Hilfe seines Kumpels tatsächlich einen Maibaum auf. Noch am selben Abend durfte ich ihn bewundern und war überglücklich. Ich glaubte wieder daran, dass Jan meine große Liebe war und es zwischen uns wieder besser werden würde. Während wir zu dritt vor dem Baum standen meinte Jan noch zu mir: "Ich nehm' dich jetzt aber nicht mit zu mir. Wir wolln nachher noch was trinken gehn."
Etwas patzig antwortete ich: "Keine Sorge, ich will auch gar nicht mit. Wie du ja sicher noch weißt, guck ich mir grad die DVD an, auf die ich mich schon seit Wochen freue."
Was dachte der sich denn? Dass ich immer und ständig bei ihm sein wollte?
Sein Kumpel meinte jedoch dann: "Sollen wir nicht lieber auf den Baum aufpassen?"
Jan entgegnete nur: "Quatsch, hier wird der bestimmt nicht geklaut."
Als ich am nächsten Morgen aus meinem Fenster sah, sah ich das, was ich bereits erwartet hatte: Nichts. Das war so klar. Ich habe einen Traum und irgendjemand macht ihn mir zunichte. Ich wäre wirklich überrascht gewesen, wenn der Baum noch gestanden hätte. Aber so was Perfektes passte einfach nicht in mein Leben. Dieses war nämlich geprägt von Zerstörungen meiner Träume und des Abhandenkommens von für mich wichtigen Dingen.
Die nächsten Stunden verbrachte ich mit Heulen. Jan kam zwar vorbei, aber er war einfach nur genervt - von mir. Ein schlechtes Gewissen, weil er nicht auf meinen Maibaum aufgepasst hatte, hatte er nicht. Ihm war es wichtiger, sich mit seinem Kumpel zuzulöten. Und ich sah den gestohlenen Maibaum als Zeichen. Als Zeichen dafür, dass Jan vielleicht doch nicht die große Liebe war.
Den ganzen Mai über musste ich bei dem bloßen Gedanken an meinen gestohlenen Maibaum heulen. Ich fuhr mit anderen Bussen, damit ich nicht an dieser Stelle, wo er mal stand, vorbeilaufen musste und bei jedem Maibaum, den ich irgendwo sah, kam die Wut und Traurigkeit in mir hoch. Es war nicht nur der gestohlene Maibaum, der mich so fertig machte, sondern vor allem die Tatsache, dass mir immer etwas genommen wird, was mir besonders viel bedeutet. Es ist wie ein Fluch, der auf mir zu haften scheint. Der Fluch, der mich nicht lieben lässt, denn sobald ich liebe, wird es mir wieder genommen.
Nach dieser Maibaum-Sache entfernte ich mich immer mehr von Jan. Während er am Wochenende wieder öfter mit seinen Freunden unterwegs war, blieb ich Zuhause und litt vor mich hin. Ich sah in der Beziehung keinen Sinn mehr, liebte Jan aber doch irgendwie zu sehr, um einfach Schluss machen zu können. So lebte wieder jeder mehr oder weniger sein eigenes Leben. Alleine.




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