troublebreathing ♥

Kapitel 10 - Verstand vs. Gefühle

An dem Tag nach dem "Korb" ging es mir nicht sonderlich besser, weshalb ich etwas tat, was ich in meiner Schulzeit bis zu diesem Tag noch nie gemacht hatte: Ich schwänzte die Schule.
Auf keinen Fall wollte ich an diesem Tag Felix begegnen. Das wäre zu peinlich geworden. Außerdem brauchte ich einiges an Abstand, wenn ich ihn vergessen wollte.
Meine Mutter half mir dabei leider nicht wirklich weiter. Jede halbe Stunde kam sie in mein Zimmer, um nach mir zu sehen. Keine Chance da irgendwie einen klaren Gedanken fassen zu können Schließlich musste ich auch noch krank spielen. War echt typisch. Sonst interessiert sie sich überhaupt nicht für mich und dann wenn ich es überhaupt nicht gebrauchen konnte, machte sie eine auf fürsorgliche Mutter. Seinen Zweck - nämlich Felix' nicht über den Weg zu laufen - hatte der geschwänzte Tag ja dann trotzdem erfüllt, weshalb ich über die nervige Mutter hinweg sehen konnte.
Leider vergehen solche Tage zu schnell und es kommt der nächste Tag. Und ich konnte mir unmöglich leisten noch einen Tag blau zu machen. Aber weil ich auch nicht unbedingt sofort wieder Felix sehen wollte, fuhr ich mit einem Bus früher als er und Celina. Ich saß schon seit zehn Minuten vor meiner Klassenzimmertür, als die beiden schließlich eintrafen und mir verwirrte Blicke zuwarfen. Ich dachte schon das wärs gewesen und ich hätte einen unbeschwerten Schultag vor mir. In der ersten Pause aber bat mich Celina nach draußen an die gewohnte Gesprächs-Ecke an den Schließfächern.
"Also was ist los?", fing Celina sofort an.
Schon nach dieser Frage hatte ich keine Lust mehr auf dieses Gespräch und stellte mich blöd: "Wegen? Was soll los sein?"
"Felix hat mir von eurem Gespräch erzählt."
"Aha?"
"Ja und der hat sich voll Sorgen gemacht, weil du voll komisch geworden bist und gestern warst du ja dann auch nicht in der Schule…"
"Mhm…"
Celina durchbohrte mich mit ihrem Blick: "Also? Was ist mit dir los?"
"Ich weiß es nicht", antwortete ich nur.
Sie seufzte: "Weißt er will dich echt besser kennenlernen… Aber wenn du weiterhin seltsam drauf bist, hat er irgendwann auch keine Lust mehr…"
Total verzweifelt und den Tränen nahe, meinte ich schließlich: "Es ist echt zum Kotzen! Jedes Mal wenn wir Kontakt haben, mag ich ihn noch mehr. Und das tut so weh. Und ich will das nicht mehr!"
"Aber warum wartest du denn nicht einfach ab?", versuchte mich Celina zu beruhigen. "Jetzt unternehmt ihr erst mal mehr miteinander und dann…"
"… Nein! Ganz schlecht!", unterbrach ich sie.
Irritiert sah mich meine Freundin an: "Warum?"
Nach kurzem Zögern antwortete ich: "Ich hab Angst… Angst, dass er mich, wenn er mich erstmal besser kennt, vielleicht zu langweilig findet oder so…"
"Was? Quatsch! Wie kommst du denn darauf?"
"Das ist so. Und ich will ja auch nicht mehr. Ich hab' keine Lust mehr, mich wegen dem Typen so fertig zu machen… Ich will ihn einfach nur noch vergessen."
Celina sah mich schweigend an.
"Okay", meinte sie nach einiger Zeit schließlich. "Aber versprich mir, dass du dann auch wieder normal wirst."
Sie lächelte mich aufmunternd an.
"Ich versuchs", war noch meine Antwort bevor ich Felix um die Ecke kommen sah. "Ich geh dann mal wieder ins Klassenzimmer. Bis später."
Celina umarmte mich noch zum Abschied: "Okay, bis dann."

Gut, der Plan war eigentlich einfach: Felix vergessen. Wie aber sollte ich das schaffen, wenn der mir nicht die Möglichkeit dazu gab? Über das Wochenende war Felix auf einer Hütte. Er machte damals ziemlich oft so was mit. Um genau zu sein, war er fast jeden Monat auf so 'ner komischen Hütte. Und leider hatte die Hütte damals keinen Fernseher.
Es war Samstag beziehungsweise Sonntag und kurz nach Mitternacht, als mein Handy lachte - ich hatte eine SMS bekommen. Weil ich eigentlich schon schlief und dementsprechend auch todmüde war, wollte ich die SMS eigentlich ignorieren. Blöderweise bin ich so neugierig, dass ich es nicht mal abwarten kann, so 'ne bescheuerte SMS erst am nächsten Morgen zu lesen. Also griff ich - verschlafen wie ich war - zu meinem Handy, um nachzusehen, wer mir geschrieben hatte. Als ich endlich verstand wer mir geschrieben hatte, war ich hellwach und mein Herz fing an wie wild zu schlagen. Scheiße. Zitternd öffnete ich sie.

Felix 00:08
Hi du. Na was machst du grad? Ich kann nicht schlafen. Hdl

Was sollte das denn? Was werde ich wohl um diese Zeit machen? Egal, ich schrieb ihm trotzdem zurück.

Franzi 00:11
Ähm, ich mache eigentlich nicht viel. Warum kannst du denn nicht schlafen?

Erst eine halbe Ewigkeit später bekam ich eine neue SMS von ihm.

Felix 00:32
Bin grad auf der Hütte und alle schlafen schon außer mein Kumpel und ich.

Durch das lange Warten wurde ich wieder müde und konnte mich so nicht darauf konzentrieren, was ich nun zurückschreiben sollte. Da war es dann gut, dass mir Felix diese Entscheidung abnahm.

Felix 00:41
Du kannst du mir die Fußballergebnisse sagen? Wäre echt Hammer von dir.


Obwohl ich todmüde war, zögerte ich nicht lange und sprang auf, schaltete den Fernseher an und suchte im Teletext nach den Ergebnissen. Es dauerte ewig bis ich endlich das Richtige gefunden, im Handy eingetippt und auf 160 Zeichen beschränkt hatte. Keine zehn Minuten später, kam sogar schon seine Antwort.

Felix 01:06
Bist echt der Hammer! Danke! Voll lieb von dir. Hast was gut bei mir.

Franzi 01:09
Passt schon. Aber ich geh jetzt langsam mal ins Bett. Gute Nacht und bis dann.


Er schrieb mir schließlich noch eine SMS, in der er mir ebenfalls eine gute Nacht wünschte. Kurz danach schlief ich sofort wieder ein.

Erst am nächsten Tag oder vielmehr gesagt einige Stunden später, war ich wach genug um über die SMS nachdenken zu können. Ich fragte mich, warum er ausgerechnet mir geschrieben hatte. Und warum ausgerechnet jetzt? Jetzt wo es zwischen uns eigentlich seltsam sein sollte.
Ich hatte keine Ahnung was in seinem Kopf vor sich ging und ich versuchte mir keine Gefühle seinerseits aufgrund seiner SMS einzubilden. Natürlich klappte das nicht wirklich.
Die Wochen danach schaffte ich es dann aber tatsächlich endlich den Kontakt zu Felix zu reduzieren. Das gelang mir vor allem deshalb, weil es mittlerweile Anfang Mai war und mein langersehnter Mallorca-Urlaub bevorstand. In drei Wochen sollte es soweit sein und die Zeit davor beschränkte ich meine Gedanken hauptsächlich auf meine Urlaubsaktivitäten.
Der Urlaub hatte echtes Traumurlaub-Potential, wenn es meine Blödheit (und vor allem meine Mutter und ihre Freundin, die nerviger als Klingeltonwerbungen waren) nicht gegeben hätte. Denn am Tag zuvor schrieb ich Celina noch eine lange E-Mail in der ich ihr erklärte, dass ich krankhaft eifersüchtig auf sie bin, weil sie so ein super Verhältnis zu Felix hatte, weshalb ich die letzten Wochen auch so seltsam ihr gegenüber war.
Wobei das noch nicht so blöd war, wie das was ich am nächsten Tag gemacht hatte. Seit gerade mal knapp drei Stunden da und schon packte mich die Neugier wieder und ich checkte am Computer in der Hotellobby meine E-Mails. Eine Antwort von Celina wartete bereits in meinem Postfach. Ihre E-Mail war ebenfalls sehr lang. Sie meinte, dass sie nicht sauer ist, dass ihr das Alles mit uns Leid tut, dass ich nicht eifersüchtig sein muss, weil sie tatsächlich nur noch Freunde sind und so weiter und so fort. Das Meiste interessierte mich nicht sonderlich. Was aber bei mir hängen blieb, war folgender Satz: Ja und dann hab ich ja auch noch mal mit Felix geredet und er meinte halt, du seist voll komisch. Diesen Satz las ich wahrscheinlich hunderte Male durch, bis mir bewusst wurde, was ich da eigentlich las. Hallo?! Komisch? Wie sollte ich denn das bitte verstehen?
Ich hatte keine Ahnung was er damit meinte, aber ich empfand es nicht wirklich positiv und war kurz vor der nächsten Heulattacke.
Als ich das Alles jedoch einige Minuten auf mich einwirken ließ, waren die ersten Gedanken verschwunden. Und nicht nur das: Es war mir sogar irgendwie… egal. Findet Felix mich eben komisch. Na und?
Ich loggte mich aus und verschwand in der einen Woche Urlaub kaum einen Gedanken mehr an Felix. Kein einziges Mal vermisste ich ihn. Ich glaubte es endlich überstanden zu haben und war überglücklich.

 

Kapitel 11 - Jetzt sitz' ich hier wie ein Kaninchen vor der Schlange...

Wie es im Leben nun mal so ist, vergingen die Ferien wieder mal viel zu schnell und es begann wieder der triste Schulalltag. Es war als hätte ich meine Gefühle für Felix einfach mal so weggezaubert. Keine Schmetterlinge im Bauch, wenn ich auch nur seinen Namen hörte, keine weichen Knie, wenn er plötzlich vor mir stand - und null Interesse daran, auch nur eine Sekunde mit ihm zu verschwenden. Es war perfekt!
Bis das Ärzte-Konzert kam.

Es war ein Mittwoch und ich schwänzte eigens für das Konzert Mittagschule. Denn mein Ziel auf Konzerten: Die legendäre erste Reihe! Bis zu diesem Konzert hatte ich dieses Ziel noch nie erreicht, aber immerhin die Absperrung berührt.
Da standen wir - Steffi, ich und peinlicherweise mein Vater, der uns nach Österreich fuhr - um Punkt 15 Uhr vor der winzigen Messehalle und warteten auf den Einlass, der erst in vier Stunden stattfinden sollte. Es war zum Glück ein warmer Sommertag, der das Warten nicht ganz so qualvoll machte wie im Winter.
Eigentlich sind wir völlig umsonst so früh losgefahren, da vor der Halle kaum etwas los war. Der Einlass, der direkt in der Sonne lag, wurde von einer winzigen Gruppe besetzt, die ihre Köpfe durch Jacken und T-Shirts vor der Sonne schützten. Die restlichen Gruppen saßen oder lagen im Schatten und genossen das schöne Wetter.
Ich saß zwar auch im Schatten, genoss aber gar nichts. Ich hasse den Sommer. Und den Winter. Der Sommer ist mir zu heiß und der Winter zu kalt. Da sind mir der Frühling und Herbst schon lieber. Aber man kann ja nicht immer alles haben.
Die Zeit des Wartens verbrachten Steffi und ich schließlich mit etlichen Klobesuchen, sinnlosem Mädchengequatsche und der Beobachtung anderer, vor allem männlicher Fans.
"Sag mal", fing Steffi irgendwann an. "Wie ist das jetzt eigentlich mit dir und Felix? Du hast schon solange nicht mehr von ihm geredet und das Letzte was ich mitbekommen habe war, dass du ihn vergessen wolltest."
Erstaunlich durch welche unnötigen Themen ein so toll angefangener Tag zu einem beschissenen Tag werden kann.
"Ja und stell dir vor: Ich hab' ihn sogar auch vergessen!", war nur meine Antwort.
Steffi sah mich skeptisch an: "Eeecht? Das heißt du kannst jetzt ohne Probleme über Felix reden, ohne, dass du kurz vor einer Heulattacke stehst?"
"Klar… - Oh schau mal der Typ da hinten! Mit den halblangen, braunen Haaren."
"Franzi…"
"Hm?"
"Nicht vom Thema abweichen!", ermahnte mich Steffi.
"Oh Mann", seufzte ich laut. "Ich bin echt über ihn hinweg! Er ist mir so was von egal und kann mir meinetwegen einen Heiratsantrag machen ohne, dass ich sofort wieder austicke."
"Mhm… Okay… Wenn du das sagst."
"Japp. Außerdem hab' ich ja jetzt einen anderen."
Steffi sah mich fragend an. "Ähm… Wen denn bitteschön?"
"Farin", war meine eigentlich ironisch gemeinte Antwort.
"Aso…", Steffi überlegte kurz. "Hast du nicht auch 'ne Zeit lang Felix Farin nennen dürfen?"
"Äh…-"
"…- Ja, das war doch, weil du ihn dauernd mit Farin verwechselt hast und irgendwann hat er dir angeboten, dass du ihn immer Farin nennst, damit er sich nicht mehr drüber aufregen musste."
Steffi lachte. Ich nicht.
"Du bist blöd", war nur mein Kommentar.
Steffi wollte noch etwas sagen, kam aber nicht mehr zu Wort, da es nun soweit war: Obwohl es erst kurz vor sechs war, fingen die anderen Gruppen an, sich am Einlass anzustellen. Da musste ich natürlich sofort mitmachen. Mein Vater, der schon die ganze Zeit abseits am Zaun lehnte, machte keine Anstalten sich in die Menge zu stürzen und sah uns lieber belustigt zu, wie wir versuchten mit der Menge mitzuhalten. Es war ein harter Kampf, aber schließlich stand ich auf einem fünf Zentimeter großen Stück von einer Treppe und versuchte da mein Gleichgewicht zu halten. Wie können die nur den Einlass an einer Treppe machen? Unglaublich. Mithilfe von Steffi klappte aber das Gleichgewicht halten ganz gut.
"Boah, ich kann mich kaum noch bewegen! Die drücken von allen Seiten!", beschwerte sich Steffi. "Wenn das schon jetzt so schlimm ist, wie wird das dann erst da drin sein?"
"Schlimmer", antwortete ich nur. "Viel schlimmer."
"Super", stöhnte Steffi.
"Keine Sorge. Du stehst ja sowieso bei den Langweilern - ganz hinten. Da ists nicht ganz so schlimm."
Steffi war blöderweise gar kein Ärzte-Fan und kam nur nach ewig langem Betteln mit aufs Konzert. Den Gefallen mit nach ganz vorne zu kommen, tat sie mir jedoch nicht.
"Gott sei Dank", meinte sie nur noch.

19:00 Uhr. Einlass!
Ich hab' ja nichts gegen Österreicher, aber der Security-Typ vom Einlass (vom Akzent eindeutig ein Österreicher), war nicht unbedingt der Hellste. Riss meine Konzertkarte in zwei Teile und wusste nicht, welchen Teil davon er mir zurückgeben sollte. Idiot. Ich behalte solche Karten eventuell als Erinnerung und der Idiot reißt mir ausgerechnet den besten Teil weg. Er hatte zwar eine Glatze, aber ich bin mir ganz sicher, dass seine Augenbrauen einen Stich blond hatten.
Nachdem ich also diese Security-Geschichte hinter mir hatte, wartete ich vor dem Eingang noch auf Steffi, um mich dann von ihr zu verabschieden und mich in die Menge zu stürzen.
Und nein, ich bin nicht egoistisch, weil ich meine Freundin sich selbst überlassen hatte, nur damit ich soweit vorne wie möglich hatte stehen können. Sie wollte es so.
"Ahm, dir ist aber schon klar, dass ich wenn möglich in die erste Reihe möchte?", war meine Frage, als ich Steffi dazu überredet hatte, auf das Konzert mitzugehen.
"Jaja, kein Problem."
"Echt jetzt?", ich war tierisch erleichtert.
"Klar", meinte Steffi, während sie ihren Döner aß. "Während du mit anderen den Schweiß austauschst, checke ich die Typen dort."
"Das sind aber alles Ärzte-Fans… Die hören also mehr Richtung Rock und vielleicht kein Techno…"
"Aber nur vielleicht. Es besteht also doch noch die Chance einen Typen mit gutem Musikgeschmack zu treffen. Und selbst wenn nicht: Was nicht ist, kann ja noch werden."
Gespräch beendet. Und wie ich gesagt hatte: Sie wollte es so.
Nach bisschen Drängeln und kleinen Kämpfen mit anderen Fans, schaffte ich es tatsächlich in die zweite Reihe! Jetzt musste ich mich nur noch knapp zwei Stunden gedulden, bis endlich meine Lieblingsband auf die Bühne kam. Aber selbst diese zwei lästigen Stunden vergingen rasend schnell und dann war es endlich soweit.

Wie auch die letzten Male ging es mit Himmelblau los, was immer wieder eine Gänsehaut bei mir verursacht. Mittlerweile ist es so, dass mir, egal wo ich bin und durch welches Hilfsmittel ich Musik höre, ganz anders wird, sobald ich dieses Lied höre. Da bekomme ich auch sofort dieses Konzertfeeling und denke mir immer an dieser einen Stelle: Aaah, auf Konzerten fällt an dieser Stelle doch immer der Vorhang! Das passiert mir wirklich nur mit Himmelblau.
Und schon war es wieder soweit. Der Vorhang ist gefallen und Die Ärzte standen in ihrer vollen Pracht nur wenige Meter von mir entfernt. Farin sah wie immer natürlich unbeschreiblich aus. Achja und Bela und Rod natürlich auch… Während sie ein Lied nach dem anderen spielten und zwischendurch in ewig lange Diskussionen versanken, kreischte und tobte die Menge. Es war der Hammer! Und obwohl ich fremde Haare im Mund hatte, genoss ich den Abend in vollen Zügen. Es war richtig schön. Bis zum 23. Lied. Ich brauchte keine zwei Sekunden, um zu merken um welches Lied es sich handelte. Es war wie ein Stich ins Herz.
"Ich schau dich an und du bist unbeschreiblich schön…", sang Farin mit seiner wunderschönen Stimme.
Mein Herz fuhr Achterbahn und meine Beine konnten mich kaum noch tragen.
"… Ich will dir noch was sagen, ich weiß nur nicht wie es geht…"
Dabei dachte ich wirklich ich hätte es zumindest irgendwie bisschen geschafft.
"… Ich weiß selber nicht was los ist - meine Knie werden weich… Im Film sieht es so einfach aus - jetzt bin ich kreidebleich…"
Aber bei diesem Lied zog sich alles in mir zusammen.
"… Jetzt sitz ich hier, wie ein Kaninchen vor der Schlange und ich fühle mich, wie gelähmt…"
In meinem Kopf sah ich Felix. Sein Gesicht, als er sich das Lied damals anhörte und begriff, was ich ihm damit sagen wollte.
"… Bleib noch ein bisschen hier, bitte geh noch nicht, was ich versuche dir zu sagen ist: Ich liebe dich!"
Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Es geschah einfach. Und das nicht gerade wenig. Und ausgerechnet da, guckt Farin zu mir. Sein Gesichtsausdruck verriet alles. Ich konnte mir denken, was er wohl dachte: "Oh nein, noch son heulender Teenie, der hinter mir her ist und bei solchen Liebesliedern heulen muss, weil ihm klar wird, dass er mich nie kriegen wird."
Am Liebsten wäre ich nach dem Konzert auf ihn zugegangen und hätte gesagt: "Du, Farin, das vorhin, das hatte absolut nichts mit dir zu tun. War nurn kleiner Rückschlag bezüglich eines Idioten, in den ich dummerweise mal unsterblich verliebt war."
Aber nein. So dachte sich Farin irgendeinen Mist zusammen, ohne wirkliche Hintergründe zu kennen. Ich konnte also nur noch hoffen, dass er sich keine Gesichter merken konnte.

Einige Lieder später machte ich einen großen Fehler. Ich hatte mich mittlerweile wieder beruhigt und konnte das Konzert genießen. Wäre da nicht der Sauerstoffmangel gewesen. Bis zu diesem Konzert hatte ich dieses Problem super in den Griff gekriegt und schwor mir immer, solange stehn zu bleiben, bis ich von selbst umflog. Musste aber an diesem Tag nicht sein, also ging ich - schweren Herzens versteht sich - aus der tobenden Menge.
Ich war patschnass und am verdursten. Da ich aber kein Geld hatte, schickte ich Steffi eine SMS. Ausgerechnet in diesem Moment kam Unrockbar. Man wird vielleicht blöd angekuckt, wenn man in der letzten Reihe eine Sitzlaola mitmacht. Unglaublich.
Nach dem Lied traf ich Steffi, die einen blonden Typen im Schlepptau hatte, am Getränkestand und bat sie um Geld. Ich schüttete eine Cola in mich rein und schon passierte es. Ich heulte schon wieder. Steffi und Blondie sahen sich verwirrt an, bis Steffi mich in den Arm nahm und fragte was denn los sei.
"Ich bin sooo blöd!", war meine Antwort, bevor ich noch mehr heulte.
"Ja, aber warum denn?" Steffi sah mich fragend an.
Ich schluchzte. "Jetzt war ich endlich in der zweiten Reihe und dann verschwind ich da einfach so."
Manchmal fehlt im Leben die passende Hintergrundmusik. Doch in diesem Moment hatte ich sie. Mit seiner rauen Stimme, sang Bela Manchmal haben Frauen. Ich heulte noch mehr und Steffi, die immer noch nicht kapierte, was genau denn nun vorgefallen ist, nahm mich einfachhalber in den Arm.
Schließlich riss ich mich los und versuchte doch noch die Situation zu retten. Soweit wie möglich quetschte ich mich nach vorne und schaffte es doch noch eine einigermaßen gute Sicht auf meine Lieblingsband zu ergattern. Steffi und Blondie kamen mir nach und nach kurzer Zeit stand sogar mein Vater neben mir.
Dann war es vorbei. Bela schmiss noch seinen Drumstick in die jodelnde Menge und auch Rod verteilte seine Pleks.
Und dann kam Farin. Er zeige noch auf sein Plek, bevor er es ebenfalls in die Menge schmiss - keine zwei Meter von mir entfernt! Und was tat ich? Ich blieb wie angewurzelt stehen und glotzte wie in Trance das Plek an! Hallo?! Farins Plek lag unmittelbar vor meinen Füßen! Bis zu diesem Zeitpunkt wäre ich dafür gestorben!? Und jetzt konnte ich meinen Arsch keine zwei Meter bewegen!
Erst als so ein Spargeltarzan das Plek aufhob und triumphierend der Menge zeigte, kam ich wieder zu mir und ärgerte mich, über meine Blödheit. Was war los mit mir? So eine Chance würde ich wahrscheinlich nie wieder kriegen! Aber es war zu spät. Die Ärzte waren von der Bühne verschwunden und alle machten sich nun auf den Weg zum Ausgang.
Beinahe wäre ich wieder in einer Heulattacke ausgebrochen, doch Dank der Anwesenheit meines Vaters, konnte ich dieses Bedürfnis gut unterdrücken. Und das auch noch eine ganze Autofahrt lang.
Im Nachhinein, war diese Plektrum-Sache gar nicht mal so schlecht: Mein Ärger über diese verpasste Chance ein Plektrum von Farin zu ergattern, war sogar noch Wochen nach dem Konzert so schlimm, dass ich dabei total Felix und meine Heulattacke wegen ihm vergessen hatte.

 

Kapitel 12 - Herz schlägt Verstand

Meine Heulerei auf dem Konzert lag nun auf den Tag genau einen Monat zurück und ich wunderte mich über meine Prioritäten. Es war seltsam, dass mir das Nichtfangen des Plektrums mehr zu schaffen machte, als der Tränenausbruch, den ich wegen Felix hatte. Ich dachte mir, dass das vielleicht nur ein kleiner, unbedeutender Rückschlag war, den ich brauchte um am langersehnten Ziel anzukommen. Und diesmal war ich mir zu 100 Prozent sicher, dieses Ziel endlich erreicht zu haben. Ich war mir sogar so sicher, dass ich Celina versprach, mit ihr, Katja und Felix auf den diesjährigen Jahrmarkt zu gehen.

Es war Freitagabend, als Celina, Felix und ich uns im Bus wiederfanden. Zu unserem Glück war das Wetter auf unserer Seite und ließ die Sonne scheinen. Ich war mir zwar sicher, dass ich über Felix hinweg war, wollte aber nicht riskieren doch wieder rückfällig zu werden, weshalb ich versuchte so wenig wie möglich mit ihm zu reden. Blöderweise klappte das nicht. Sowohl im Bus, als auch während wir vor dem Jahrmarkt auf Katja warteten, erzählte uns Felix die lustigsten Geschichten. Keine Ahnung was mit dem wieder los war. Aber ich war unsicher. Es war komisch wie früher neben ihm zu stehen, seinen Duft, den ich so liebte einzuatmen und seiner vertrauten Stimme zu lauschen. Und dann wurde mir auch klar, dass ich das alles vermisst hatte.
Als Katja endlich auftauchte, liefen wir gemütlich über den Jahrmarkt, um zu sehen, was wir denn nun als Erstes fahren wollten. Felix blieb vor der Wildwasserbahn stehn und fragte mit leuchtenden Augen in die Runde: "Wer fährt das mit mir?"
"Ganz sicher nicht!", war Katjas Antwort. "Da werd ich noch nass!"
"Quatsch!"
"Doch!"
"Wir können ja eine Weile zugucken und vielleicht bekommt ihr ja doch noch Lust", war Felix' Vorschlag.
Celina lachte. "Okay, wir gucken zu, fahren aber trotzdem nicht mit dir mit."
"Och man!", regte sich Felix gespielt auf.
"Aber wir können ja damit fahren", meinte Katja und zeigte in die andere Richtung.
Bis zu diesem Tag war ich wirklich kein Fan von schnellen Fahrgeschäften. Das Einzige mit dem ich fuhr, waren das Riesenrad und Kettenkarussel. Das Fahrgeschäft vor dem wir standen hieß Magic - und war alles andere als ein Riesenrad. Mir wurde schon nur vom Zugucken schlecht. Die anderen jedoch waren schon auf dem Weg um ihre Chips zu kaufen. Mit zitternden Knien folgte ich ihnen und kaufte ebenfalls meinen Chip. Abregen, Franzi!, ermahnte ich mich. Ich glaube kaum, dass schon jemals jemand aus diesem Teil rausgeflogen ist!
Wir warteten hinter der Absperrung, bis die jetzige Runde vorbei war und wir einsteigen konnten. Keine halbe Minute später war es soweit. Und wie es der Zufall so wollte, saß ausgerechnet ich neben Felix. Zur Beschreibung: Es gab mehrere "Wagen", die sich im Kreis drehten. In einem Wagen gab es vier nebeneinander liegende Sitze, die in der Mitte irgendwie geteilt wurden, so, dass sich zwei Leute auf zwei enge Sitzplätze quetschten mussten.
Also saß ich total an Felix gequetscht in diesem Monsterteil und hoffte dieser Albtraum würde schnell enden. Und dann ging es los. Celina und Katja schrien vor Spaß - und ich vor Angst. Felix dagegen lachte nur. Bei jeder Drehung wurden wir weiter aneinandergequetscht und bei jeder Drehung versuchte ich wieder Abstand zu gewinnen. Und irgendwann war es toll. Also das Drehen. Nicht, dass Felix und ich uns so nahe kamen.
Und dann war es vorbei.
"Boah, war das geil!", schrie ich als wir ausstiegen. "Wie wärs? Nachher noch mal fahren?"

Nachdem wir gegen später noch einmal mit dem Monster gefahren sind, verabschiedete sich Katja von uns und ging auf Männerfang. Während dann Celina, Felix und ich alleine über den Jahrmarkt spazierten, kam uns ein dunkelhaariger Typ mit Locken und Hornbrille entgegen. Felix, Celina und er begrüßten sich. Mir stellte er sich als Julian vor. Er und Felix waren Nachbarn und kannten sich schon seit dem Kindergarten. Was er mir aber verschwieg, war, dass er und Felix Zwillinge sein konnten. Dieselbe Lockenpracht auf dem Kopf, derselbe Humor, dieselbe Art… Und doch waren sie komplett verschieden.
Er schloss sich uns spontan an und wir schlenderten nun wieder zu viert über den Jahrmarkt. Zwischendurch gingen wir was trinken, fuhren mit dem Jaguar - ein im Kreis fahrendes und immer schneller werdendes Fahrgeschäft, bei dem man sich zu zweit in einen Wagen setzt und nach Außen gedrückt wird - und gingen durch eine Art Spiegellabyrinth.
Als wir schließlich eine kurze Pause machten, nutzte Felix die Zeit und ging aufs Klo. Celina, Julian und ich warteten solange vor einem Pommesstand. Ich ließ meine Blicke über die Menge schweifen und blieb irgendwann bei dem Typ, der mit einer älteren Dame im Pommesstand arbeitete, hängen. Irgendwoher kannte ich ihn. Nur woher? Er war groß, blond, ungefähr 18 und hatte ein irre süßes Lächeln. Ich überlegte wo ich ihn die letzten Monate gesehen haben könnte. In der Schule? Ausgeschlossen. Vielleicht mal zufällig in der Stadt. Nein. Konzert? Auf keinen Fall... Und dann fiel es mir plötzlich ein.
"Oh mein Gott!", keuchte ich.
Celina sah mich fragend an: "Was ist los?"
"Bei den Pommes!"
"Was ist da?"
"Da arbeitet der Pommesfritze", quiekte ich. "Der hat da schon letztes Jahr gearbeitet. Ich dachte ich seh' den nie wieder!"
Um es klar zu sagen: Ich war nie in den Pommesfritze verliebt. Naja, wie denn auch? Ich kannte ihn ja gar nicht. Aber ich fand ihn damals richtig, richtig heiß. Und vor einem Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich ihn je wieder sehen würde, da ja die meisten Stände jedes Jahr wechselten. Und dann stand er da nur wenige Meter von mir entfernt. Das war einfach so ein Glücksmoment für mich. Ein seltsamer Zufall.
"Äh...", war alles was Celina rausbrachte.
"Sieht der denn nicht Hammer aus?", fragte ich sie.
Celina studierte ihn zwei Sekunden und lachte dann. "Nein, eigentlich nicht."
"Och Mensch, ausgerechnet jetzt steht der hier und ich… wie seh' ich nur aus?"
Ich hatte meinen Ärzte-Pulli an. Er war mir drei Nummern zu groß, was bedeutete, dass es sich mehr um eine Art Minirock handelte. Es sah so aus als wäre ich eingegangen und das wiederum sah mega unsexy aus. Jedoch dachte ich damals, dass mich sowieso nur Celina, Katja und Felix so richtig sahen. Celina kannte mich und meinen Klamottenstil, was Katja dachte war mir sowieso egal und Felix? Von dem will ich gar nicht erst anfangen. Gut, etwas blöd gedacht war es irgendwie schon, da ich ja wusste, dass so gut wie 99 Prozent der Einwohner in dieser Stadt und aus den Nachbarstädten, jedes Jahr auf den Jahrmarkt kamen. Aber sonst sieht man auch keinen. Außer man kanns überhaupt nicht gebrauchen. Dann sieht man nämlich Gott und die Welt: Die hochnäsige Cousine, der man mit einem sexy Outfit hätte eins auswischen können. Den ehemaligen Schwarm, dem man hätte sagen können: Guck mal wie geil ich aussehe! Aber du wolltest mich ja nicht. Selbst schuld! Oder eben den hammeraussehenden Pommesfritze, der nur vom Angucken meiner Wenigkeit, keinen klaren Gedanken mehr hätte fassen können. Und ausgerechnet dann seh' ich aus wie ein viel zu kleines Hot-Dog-Würstchen in einem viel zu großen Hot-Dog-Brötchen.
Mittlerweile hatte auch Julian von meinem "Ausraster" mitbekommen und zog mich - natürlich nicht böse gemeint - auf. Mein Gott, war ich verzweifelt. Das war so peinlich. Und als er dann auch noch versuchte, mich in seine Richtung zu ziehen und meinte er würde mich mit ihm verkuppeln, konnte ich mich endlich aus seinen Armen befreien und lief in die entgegengesetzte Richtung. Keine Ahnung wohin genau. Es war mir auch eigentlich egal. Hauptsache weg von Julian. Ich lief einfach weiter. Und natürlich direkt in Felix' Arme.
"Hey, wasn mit dir los?", fragte er mich.
Nur nicht schwach werden!, ermahnte ich mich.
"Gar nix!", war nur meine, eher unhöfliche Antwort.
"Im Pommesstand arbeitet son Typ, auf den sie steht", erklärte Julian, der mir mit Celina gefolgt ist. "Aber sie weiß nicht wie sie ihn ansprechen soll."
"Achsoo… sollen wir mal zusammen hingehen und ihn nach seiner Handynummer fragen?", fragte mich Felix belustigt.
"Ganz bestimmt nicht!", sagte ich barsch, was mir aber nichts nützte, da Felix und Julian mich schon wieder Richtung Pommesstand schoben.
Keine Ahnung wie, aber keine zwei Meter von diesem Pommesfritze entfernt, schaffte ich es wieder irgendwie mich zu befreien und huschte schnell wieder Richtung Klos. Ausgerechnet Felix holte mich nach kurzer Zeit ein.
"Also die beiden fragen ihn jetzt mal für dich nach seiner Handynummer", sagte Felix fast freundlich.
Ich sah ihn entsetzt an. "Nee, oder?"
"Doch."
Ich schlug die Hände vors Gesicht: "Oh Mann."
Und schon sah ich Celina und Julian auf uns zukommen. Sie grinsten. Kein gutes Zeichen.
"Alsooo", fing Julian an. "Ich hab ihm gesagt, dass es da ein Mädchen gibt, das total auf ihn steht und seine Handynummer möchte, sich aber nicht traut ihn zu fragen. Naja, die Handynummer wollte er mir leider nicht geben, aber hab ihn dafür gefragt, ob er das Mädchen mit dem Ärzte-Pulli, das gleich vorbeiläuft, ganz lieb anlächeln kann."
Loch wo bleibst du?, flehte ich.
"Scheiße", war nur mein Kommentar.
"Wieso? Ist doch nett von ihm", meinte Julian und schob mich wieder langsam Richtung Pommesstand. "Und gleich bitte nett kucken. Vielleicht wirds ja dann was."
Celina, Felix und Julian konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. Mir war dagegen überhaupt nicht nach grinsen, lachen oder sonst irgendetwas in dieser Art zumute. Und dann liefen wir am Pommesfritze vorbei… Von wegen lieb lächeln… Er hat mir sogar noch gewunken!
"Wie peinlich ist das denn?", fragte ich verzweifelt.
"Och komm! Freu dich doch", meinte Julian.
Ich freute mich nicht. Viel mehr war ich den Tränen nahe, was Julian erstaunlicherweise bemerkte: Er nahm mich in den Arm.
"Hey, das war doch nur Spaß", tröstete er mich.
Auch Felix versuchte mich zu trösten und nahm mich in den Arm. Mein Herz pochte. Scheiße!

Nach dieser Pommesfritze-Geschichte holten wir uns etwas zu Essen und machten es uns bequem. In dieser Zeit verarbeitete ich die Geschehnisse der vergangenen zehn Minuten und konzentrierte mich auf den Abend, der noch nicht total ruiniert war. Das pochende Herz von eben gab mir natürlich zu denken, aber ich redete mir ein, dass ich eben sehr aufgeregt war wegen diesem Pommesfritze. Solche peinlichen Situationen hatte ich ja schließlich nicht jeden Tag.
Nach der Stärkung ging es weiter zum Riesenrad. Felix und ich liefen hinter Julian und Celina. Stückchenweise bekam ich an diesem Abend mit, dass Celina anscheinend was von Julian wollte. Warum wusste ich nichts davon? Ich als angeblich beste Freundin.
"Sollen wir die beiden verkuppeln?", fragte mich Felix flüsternd. "Am Besten lasse wir sie alleine in einer Kabine fahren."
Mein Herz machte einen Freudensprung. Wenn wir beide Celina und Julian alleine fahren ließen und wir aber auch noch Riesenrad fahren wollten, dann würden Felix und ich uns ebenfalls alleine eine Kabine teilen.
Felix und ich alleine in einer Kabine. Ich glaub ich dreh durch!, waren noch meine Gedanken.
Ich überlegte mir was da oben alles passieren könnte. Wer weiß, vielleicht wäre die Stimmung so romantisch, dass Felix das Bedürfnis überkam mir seine Liebe zu gestehen. Vielleicht würde es dann endlich zum langersehnten Kuss kommen, von dem ich schon so oft träumte. Und wir würden dann für den Rest des Abends diese eine Kabine nicht mehr verlassen. Moment mal! Meine Gefühle für Felix hatten sich doch so toll aufgelöst! Was war los mit mir? War ich dabei mich wieder in ihn zu verlieben? Nein! Niemals! Das ist das Letzte was ich wollte! Energisch schüttelte ich den Kopf. Felix sah mich unsicher an. "Alles okay bei dir?"
Erschrocken blickte ich auf: "Ähm… Ja… Da war irgendein Viech. Scheiß Teile!"
"Asooo", sagte Felix munter. "Also? Was hältst du von der Idee?"
"Was? Aso, ja. Echt super. Machen wir."
Machten wir nicht. Celina und Julian bestanden darauf zu viert Riesenrad zu fahren. Keine Ahnung warum sie das so wollten, aber mir wars recht. Meinem Herzen hätte diese alleine-mit-Felix-Riesenrad-fahren-Sache zwar super gefallen, aber mein Verstand war eindeutig auf meiner Seite und fand es so besser.
Das Riesenradfahren war okay. Während der Fahrt glotzte ich Felix wie gebannt an. Er selbst bekam davon nichts mit, da er und Julian zu beschäftigt damit waren, Celina wegen ihrer Höhenangst aufzuziehen.
Wenn man sich Felix genauer ansah, erkannte man viele kleine Details, die einem im ersten Augenblick verborgen blieben. Man erkannte zum Beispiel, dass er mehrere millimeter große Muttermale im Gesicht hatte. Und dass seine Brille einen kleinen Bogen machte, als würden sich die Brillengläser zu den Augen richten, wie die Sonnenblume zum Licht. Und dass das Blau in seinen Augen tiefer war, als jeder Ozean. Und dass sein Lächeln einen in den Bann zog und nicht mehr los ließ. Und dass er mich gerade ansah. Scheiße! Schnell richtete ich meinen Blick auf den Boden der Kabine. Hoffentlich hatte er nichts gemerkt. Er lachte über Julians Witz. Puh, ich hatte nochmals Glück.

Nach der Riesenradfahrt fuhren Felix und Julian mit der Wildwasserbahn. Celina und ich sahen ihnen zu.
"Alles okay?", fragte mich Celina irgendwann. "Du bist schon die ganze Zeit so ruhig."
"Jaja, alles okay", sagte ich etwas zu gleichgültig.
Sie hakte nach: "Was ist los?"
"Nix. Hab ich doch gesagt!"
"Hat es mit Felix zu tun?"
Ich schwieg.
"Ich dachte du seist über ihn hinweg?"
"Ja, das dachte ich eigentlich auch", seufzte ich. "Aber das Alles heute… Urplötzlich ist wieder alles da und ich kann mich nicht dagegen wehren."
"Dann bleib doch einfach am Ball. Vielleicht wirds dann doch mal was mit euch."
"Nein. Nie."
"Warum denkst du nur immer so pessimistisch?", fragte Celina genervt.
"Weil es immer so ist!", erklärte ich aufgebracht. "Ich verliebe mich grundsätzlich in die Falschen! Entweder wohnen sie zu weit weg, sind zu alt, wissen nicht, dass ich existiere oder wissen nicht genau, ob sie denn nun auch Gefühle für mich haben! Und Letztere entscheiden sich dann aus Unsicherheit gegen mich. Felix ist so einer. Und ich habe absolut keine Lust mehr mir wegen ihm die Augen auszuheulen! Ich will einfach nur noch von ihm wegkommen!"
Celina sah mich mitleidig an. Sie wollte gerade etwas sagen, da standen schon Felix und Julian hinter uns. Die Diskussion war beendet.
Für den restlichen Abend setzten wir uns in die Nähe eines Bierzeltes, lauschten der von dort kommenden Musik und redeten. Die meisten Fahrgeschäfte schlossen aufgrund der Dunkelheit so langsam, weshalb wir nicht mehr so viel andere Optionen zur Auswahl hatten. Zwischendurch tauchte auch Katja wieder auf und gesellte sich zu uns.
Der Abend wäre schön gewesen, wenn Celina und Julian nicht einen auf verliebtes Paar gemacht hätten. Die Beiden turtelten den ganzen Abend herum, was mich melancholisch stimmte. Damit ich nicht noch deprimierter wurde, flüchtete ich mich in meine Gedankenwelt und ging die vergangenen Stunden noch mal durch.
"Waren du und Celina nicht auch mal zusammen?", hörte ich Julian schließlich fragen und wurde so aus meinen Gedanken gerissen.
"Mhm, joa…", antwortete Felix.
"War aber glaub nicht lange, oder? Kann das sein?", hakte Julian weiter nach. "Warum ging das mit euch nicht solange?"
Gespannt lauschte ich auf die Antwort, sah Felix aber nicht an.
Er lächelte unsicher, sah zu Boden und meinte nur: "Tja…"
Julian lachte. "War sie so schlimm?"
Oh Mann, er ging mir tierisch auf die Nerven. Ebenso wie die Tatsache, dass meine Gefühle für Felix wieder existent waren. Und dass er wahrscheinlich nie so fühlen würde wie ich. Und dass Westerland lief und alles noch dramatischer machte. Ich hielt es nicht mehr aus. Also stand ich auf, murmelte noch etwas von wegen "Bin mal weg" und ging. Ich spürte die Blicke der anderen auf mir haften und lief noch schneller. Irgendwohin, wo es keine Celina, keinen Julian und vor allem keinen Felix gab. Ich lief, ohne genau zu wissen, wohin. Es war mir scheißegal. Hauptsache ich war in Bewegung und konnte meine aufkommenden Tränen unterdrücken. Ich lief so schnell, als hätte ich die Hoffnung, ich würde dadurch meine Gefühle für Felix unterwegs verlieren. Erst als ich Seitenstechen bekam, blieb ich stehen. Ich stand vor dem Magic. Es fuhr als eines der wenigen Fahrgeschäften auch zu so später Stunde noch. Ich lief darauf zu. Obwohl ich noch drei Meter davon entfernt war, spürte ich den Wind, der von dem Monster kam, mehr als deutlich. In kleinen Schritten kam ich ihm immer näher, bis ich vor der Absperrung stand. Durch das schnelle Drehen, war es ein wunderschönes Schauspiel aus bunten Lichtern. Während ich es anstarrte dachte ich daran, wie ich noch vor wenigen Stunden neben Felix in einem dieser Sitze saß. Bei dem Gedanken, kamen mir die Tränen. Mir war klar, dass nie etwas zwischen Felix und mir sein wird. Sein Freundeskreis bestand zu 90 Prozent aus weiblichen Personen, mit denen er viel mehr zu tun hatte, als mit mir. Wir trafen uns nicht am Wochenende, um auf eine angesagte Party zu gehen. Wir trafen uns auch nicht in der Stadt, um dort sinnlose Sonnenbrillen-Bilder zu machen. Wir trafen uns nur im ICQ. Und das auch nur dann, wenn grad kein anderer Zeit hat. Je weiter ich darüber nachdachte, umso mehr Tränen kamen mir.
Ich ging an der Absperrung vorbei, bis ich auf der ersten Stufe stand. So einfach könnte es sein, dachte ich mir. Ich könnte mich innerhalb der nächsten Sekunde einfach mal in die drehende Maschine werfen und wäre tot. Dann hätte ich keine Probleme mehr.
Mittlerweile stand ich auf der zweiten Stufe. Noch ein Schritt und alles wäre vorbei gewesen. Ich schloss die Augen und war bereit. Doch plötzlich sah ich Felix vor mir. Er lächelte mich an. Ich liebte sein Lächeln. Ich liebte ihn. Und wenn ich einen Schritt weiterging, würde ich ihn nie wieder lächeln sehn. Nie wieder mit ihm sprechen. Nie wieder seinen Duft einatmen. Nie wieder über seine blöden Witze lachen. Schnell riss ich die Augen auf und schreckte zurück. Was war los mit mir? Wollte ich tatsächlich so banal sterben? Mein Tod, das schwor ich mir immer, sollte spannend sein. Während ich irgendeinem Tier oder einem Ertrinkenden das Leben rette. Meinetwegen auch wenn ich nur davon träume. Aber doch nicht, indem ich mich vor son Teil werfe!
Beinahe hätte ich über meine absurden Selbstmordgedanken gelacht, doch dann fiel mir ein, dass Celina, Felix und ich ja mit Celinas Mutter im Biergarten verabredet waren. Ich sah auf die Uhr. Schon seit fast einer Stunde stand ich an dieser Stelle. Schnell wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und machte mich schließlich auf den Weg zu den anderen. Unterwegs bekam ich sogar eine Nachricht von Celina, in der sie mich fragte, ob ich nun komme und falls ja, dass ich sie vor dem Biergarten finden könnte.
Schon von Weitem sah ich die drei auf mich warten und ich war froh, dass wir uns sofort auf den Weg zum Auto machten und mir eine Diskussion erspart blieb. Während Celina mich anschwieg und sich lieber mit ihrer Mutter unterhielt, versuchte mich Felix unterwegs zum Lachen zu bringen, was ihm natürlich gelang. Er war so seltsam. Während alle anderen wegen meiner Aktion sauer auf mich waren, tat er so, als wäre nie etwas gewesen. Einerseits bewunderte ich das an ihm und andererseits stimmte mich das komisch. In diesem Moment jedoch, war ich nur noch froh über diese Verdrängung und liebte ihn dafür umso mehr.




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