troublebreathing ♥

Kapitel 7 - Ich will keinen Zentimeter mehr zwischen uns

Ich stand mit Felix auf einer Steinbrücke und unter unseren Füßen floß das Wasser. Ich fühlte mich sicher umhüllt, von der romantischen Atmosphäre. Wir standen dort eine Weile und sahen dem treibenden Wasser zu als Felix sich in meine Richtung drehte und mich ansah. Als ich es bemerkte, trafen sich unsere Blicke und verschmolzen ineinander. Felix nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und küsste mich so zärtlich, wie es noch kein anderer gemacht hatte. Der Kuss wurde immer intensiver…

 … Und ich wachte auf. Was für ein Traum! Nach dem Aufwachen spürte ich noch die Intensität des Traumes und mich überkam ein Gefühl des Schmerzes. Denn ich wusste ganz genau, dass es nie zu so einem Kuss zwischen Felix und mir kommen würde. Mit geöffneten Augen lag ich im Bett und ging noch einmal den Traum in meinem Kopf durch. Und ein weiteres Mal. Nein. Das war eine ziemlich blöde Idee. Ich fühlte mich immer schlechter. Und schließlich klingelte mein Wecker, der mich in die Realität zurückholte.
Es war der Tag nach unserem offenen Gespräch. Und so langsam wurde mir bewusst, was für ein seltsamer Typ Felix doch war. Es schien so, als würde er unangenehme Dinge sofort verdrängen und so tun, als wäre nie etwas gewesen.
Ich hatte echt erwartet, dass unsere Freundschaft einen Knick bekommen würde, aber es geschah eher das Gegenteil. Nach dieser "Aussprache" wurde alles noch schöner. Unsere ICQ-Gespräche wurden viel länger und fanden noch öfter als bisher statt. Ich schwebte auf Wolke 7.
Als Felix schließlich mir gegenüber seltsamer wurde und manchmal den Eindruck machte, als wollte er nicht, dass ich offline gehe, glaubte ich ein Fünkchen Liebe zwischen den Zeilen lesen zu können. Ich hatte schon die dämlichsten Tagträume von Babys und Hochzeit. Beides wollte ich ja eigentlich nie. Aber Felix brachte in meinem Kopf alles durcheinander. Er war wie ein wütender Tornado, der sämtliche Gedanken vermischte und jeweils am falschen Platz wieder absetzte.
Elena und Sarah konnten überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb ich Felix so mochte. Dauernd versuchten sie ihn mir mit unmöglich ernstgemeinten Argumenten auszureden.

Argument Nummer eins war eindeutig: "Er ist potthässlich!" Fand ich natürlich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Er war in meinen Augen einfach perfekt. Nicht mal sein pickelübersätes Gesicht störte mich. Irgendwann bestätigten dann Wissenschaftler in der BILD, dass Liebe blind macht. Aha. Litt ich also doch an Geschmacksverirrung?

Argument Nummer zwei: "Er ist der Ex deiner besten Freundin!" Na und? Nach all der Zeit und Trauer war es mein gutes Recht mein Glück trotzdem zu versuchen!

Und Argument Nummer drei: "Das wird sowieso nichts zwischen euch beiden!" Kurz und sehr schmerzvoll. Danke. Und die nennen sich Freundinnen. Aber das war mir egal. Die Hoffnung stirbt immer noch zuletzt, dachte ich mir immer.

Es war Anfang April, als ich mit meiner mittlerweile verhassten Cousine in den Film Juno ging. Kurz und knapp: Ich fand den Film wirklich echt klasse! Also schwärmte ich im ICQ Felix davon und erzählte ihm, dass ich ihn unbedingt ein zweites Mal sehen musste und auf keinen Fall warten kann, bis er auf DVD rauskommt.

Franzi: Am Besten ist natürlich wenn ich wieder am Dienstag ins Kino gehe, denn da kostets ja nur 5 € und dann habe ich für den Film insgesamt nur 10 € ausgegeben. :-)
Felix: Hast ja alles schon gut durchdacht. ;-)
Franzi: Tja, so bin ich nun mal. :-P Jetzt muss ich nur noch Celina fragen, ob sie mitkommt.
Felix: Jo, fragst sie halt.
Franzi: Scheiße! Mir fällt grad ein, dass die ja Dienstagabend immer Handballtraining hat!
Felix: Vielleicht lässt sies ja für dich ausfallen. :-)
Franzi: Glaub ich nicht. Die hat das noch nie ausfallen lassen. Das ist ihr glaub heilig oder so.
Felix: Hmm… doof.
Franzi: Mhm… jaa. Muss ich halt jemand anders fragen. Oder ich gehe allein. :-(
Felix: Alsooo… wenn du niemand anders findest, dann würde auch ich mitgehen…
Franzi: Echt? Ähm… joa. Wär cool. :-)

Und gegen Ende unserer Unterhaltung war es offiziell: Felix und ich gingen am übernächsten Dienstag zusammen ins Kino. Kurz nachdem diese Information mein tiefstes Innern erreichte, ging es los. Die Aufregung überkam mich so urplötzlich wie die Frage, was ich denn anziehen könnte. Aber kurz darauf folgte auch schon folgender Gedanke: Was ist, wenn er es bis dahin vergessen hatte? Bis zu diesem Dienstag waren es immerhin noch ganze zehn Tage. In dieser Zeit kann sich doch kein Typ merken, dass er ein Treffen mit seiner unscheinbaren Verehrerin hat. Diesen Gedanken schob ich aber schnell erstmal wieder beiseite und freute mich einfach nur auf das Treffen mit Felix.

Noch am selben Tag traf ich Celina und erzählte ihr von meinem "Date" mit Felix.
"Oh mein Gott! Wir gehen ins Kino! Wuah! Felix und ich gehen ins Kino!"
Celina sah mich fragend an: "Ähm… okay… und in welchen Film?"
"Juno…", sagte ich zögernd, wohl wissend, dass sie mit mir da rein wollte.
"Manno! Da wollte ich doch mit dir rein!"
"Ich weiß, aber ich will an 'nem Dienstag rein", war meine Antwort. "Da kostet es nämlich nur 5 €."
"Na und?"
"Ja, wie na und? Handball?"
"Hää?"
Ich fragte: "Jaa, was hää? Du hast doch Handballtraining, oder etwa nicht?"
"NEIN?!", meinte Celina aufbrausend. "Ich bin doch schon ewig nicht mehr im Handball!"
"Oh…"
Wie konnte mir das nur passieren? Aber ich wusste tatsächlich nichts davon. Celina hatte mir nie erzählt, dass sie nicht mehr im Handball war. Oder vielleicht doch? Und ich hatte mal wieder nicht richtig zugehört? Jedenfalls war sie natürlich leicht sauer auf mich, aber was sollte ich nun machen? Felix absagen? Niemals! Das war meine Chance! Jedoch habe ich es Celina versprochen. Ich versuchte nun irgendwie aus der Sache rauszukommen: "Also, du, das tut mir echt Leid. Ich wusste wirklich nicht, dass du nicht mehr im Handball bist und ich weiß auch, dass ich dir versprochen habe, mit dir da reinzugehen. Aber ich kann Felix jetzt nicht mehr absagen. Vorallem, weil ich es ehrlich gesagt auch gar nicht will", ich machte eine kurze Pause, um zu sehen, ob Celina gleich ausholte oder mir doch irgendwie verzeihen konnte. "Weißt du, ich mag Felix echt total und das ist jetzt meine Chance und ich will sie auch nutzen. Und es wäre schön, wenn du mich jetzt dabei unterstützt, so wie ich es damals bei dir getan habe."
Letzteres fiel mir urplötzlich ein und ich dachte das sei super als Argument zu gebrauchen. Und wie es zu gebrauchen war. Celinas Blick wurde weicher, sie seufzte und meinte schließlich: "Okay, ja. Du hast Recht. Wir gehen, dann halt in 'nen anderen Film."
Ich dankte ihr und umarmte sie. Dem "Date" mit Felix konnte also von meiner Seite aus nichts mehr dazwischen kommen. Von seiner jedoch schon. Ich hasse es, wenn ich Recht behalte. Aber als ich Celina am Mittwoch vor dem Treffen vorschwärmte, wie aufgeregt ich war, erzählte sie mir von ihrem Gespräch mit Felix am Vortag.
"Also, wir sind ja gestern zusammen mit dem Bus nach Hause gefahren und ich hab' ihn einfach mal so gefragt, ob er sich auf Dienstag freut…", fing Celina an. "Und er meinte halt nur so Wieso? Was ist da?"
Arschloch!
"Ich hab' gesagt, dass er doch mit dir ins Kino geht und er dann nur so Aso, ja…"
Es war wie ein Tritt ins Herz. Ich freute mich so wahnsinnig aufs Kino und der Idiot hat es schon längst wieder vergessen! Männer und auch angehende Männer sind echt Schweine!
Nachdem ich mich noch den restlichen Tag über Felix aufregte, sah ich es bereits am nächsten Tag schon etwas gelassener und sagte mir, wenn er mich am Montag nicht darauf anspricht, dann gehe ich eben mit Celina ins Kino. So einfach war das!
Naja, okay, ganz so einfach war das doch nicht, da mir im Hinterkopf natürlich immer noch der Gedanke herumschwirrte, dass Felix sich einen feuchten Dreck für mich interessierte und schon wieder bereute, mir das mit dem Kino angeboten zu haben.

Und der Verdacht wurde erhärtet, als es durch einen seltsamen Zufall am nächsten Tag, zu einer Begegnung zwischen ihm und mir kam. Am Nachmittag war ich mit meiner Mutter, mit der ich übrigens eine eher oberflächliche Beziehung führte, bei Fielmann. Fielmann. Celina wäre perfekt für die Fielmann-Werbung. Als es vor zwei Jahren hieß, dass ich eine Brille brauche, meinte sie mit todernsten Gesichtsausdruck: "Also, ich will da jetzt keine Werbung machen oder so, aber wenn ich dich wäre, würde ich meine Brille bei Fielmann kaufen! Die haben echt tolle Auswahl und einen super Service!" Ich habe ihr geglaubt. Und ich kann zwar mit gutem Gewissen behaupten, dass Fielmann wirklich toll ist und so, jedoch finden ihn, meines Erachtens, zu viele Leute genau so toll wie ich. Denn bei Fielmann ist immer viel los. Egal wann ich da hingehe. Morgens, mittags, abends. Ich würde es gerne mal nachts probieren, aber da hat er leider geschlossen. Aber wo war ich jetzt stehen geblieben? Achja, ich war mit meiner Mutter bei Fielmann. Und obwohl da immer soviel los ist, beträgt die Wartezeit nur eine halbe Stunde. So war es zumindest bis zu diesem Donnerstag. Da betrug sie über eine Stunde. War schon sehr seltsam. Ich dachte damals eigentlich, ich hätte nun super viel Glück, da ich am selben Tag einen Schornsteinfeger gesehen und sogar mit ihm gesprochen habe. Doch anscheinend muss man ihn wirklich anfassen (was ich schon irgendwie pervers finde) um Glück zu haben. Dachte ich jedenfalls. Ich irrte mich. Denn nach dieser ewig langen Stunde, musste meine Mutter noch zum Frisör und da ich keine Lust mehr hatte, sinnlos rumzusitzen, wartete ich im Media Markt auf sie.
Da stand ich also am MP3-Player-Regal und stellte entsetzt fest, dass es nur noch einen MP3-Player im Angebot gibt, der mit Batterien läuft. Ich hasse die MP3-Player, die irgendwann unterwegs den Geist aufgeben und bei denen man warten muss, bis man daheim ist, um sie wieder aufzuladen. Mit Batterien bist du einfach besser dran. Aber das ist heutzutage egal. Hauptsache alles ist flach und dementsprechend platzsparend. Ich hasse es.
Gut, ich stand also bei den MP3-Playern, als ich eine mir bekannte Stimme wahrnahm. Ich drehte  mich in die Richtung aus der die Stimme kam und sah Felix auf mein Regal zulaufen. Im Schlepptau hatte er seinen Kumpel. Oh Gott, nur nicht durchdrehen, dachte ich mir und versuchte meine innere Unruhe unter Kontrolle zu kriegen. Aber ich schaffte es nicht. Mein Herz klopfte wie wild und ich zitterte so sehr, dass ich beinahe den MP3-Player, den ich gerade in der Hand hielt, fallen ließ. Ich drehte mich noch mal in die Richtung, wo Felix vor knapp 5 Sekunden noch lief und stellte fest, dass er bereits an meinem Regal vorbei ist. Dadurch, dass ich ganz blöd hinter dem Regal stand, wurde ich von diesem verdeckt, sodass Felix mich nicht sah. Aber ich sah ihn. Und es brachte mich völlig durcheinander.
Dann war es jedoch so, als hätte er meine Blicke gespürt, denn während ich ihm nachsah, drehte er sich in meine Richtung um und - lief einfach weiter! Er musste mich gesehen haben! Wir sahen uns direkt in die Augen! Was für ein Arschloch!
Scheiß Schornsteinfeger! Hätte mir ruhig sagen können, dass ich ihn hätte anfassen müssen, wenn ich noch mehr Glück haben wollte. Dann wäre Felix bestimmt zu mir gekommen und mein Tag wäre richtig schön geworden. Aber nein. Ich hatte ja nie Glück.
Betrübt wie ich war, drehte ich noch eine Runde durch den Media Markt, in der Hoffnung einen letzten Blick auf Felix zu erhaschen. Natürlich wurde ich enttäuscht. Also machte ich mich auf den Weg zum Eingang, wo ich mich mit meiner Mutter treffen wollte.

An diesem Abend war ich ziemlich enttäuscht, weil ich ja dachte, Felix wollte mich gar nicht sehen. Warum auch immer. Jedenfalls war ich gerade mit googlen beschäftigt, als Felix online kam und mich kurze Zeit später auch schon anschrieb.

Felix: Heyho
Franzi: Hey
Felix: Na, alles klar?
Franzi: Joa.
Felix: Gut gut.
Franzi: Und, wie wars im Media Markt?
Felix: Aach, dann warst das doch du?
Franzi: Jaaa? Wegen?
Felix: Ich war mir nicht sicher, weil du eine andere Jacke an hattest, als in der Schule immer.
Franzi: Ahaa…
Felix: Ja und dann habe ich dich gesucht, aber du warst schon weg.
Franzi: Mhm…
Felix: Was hast denn im Media Markt gesucht?
Franzi: MP3-Player. Meiner ist doch kaputt.
Felix: Aso, stimmt ja. ^^
Franzi: Jopp.
Felix: Klappt das jetzt eigentlich mit Dienstag?
Franzi: Ähm, ja klar.
Felix: Cool.

Und schwupp - mir ging es wieder besser. Viel besser. Er hasste mich nicht! Und er hatte mich sogar gesucht! Aber weil ich ihn ebenfalls gesucht hatte, haben wir uns nicht gefunden. Hätte ich den Schornsteinfeger angefasst, dann wäre ich bestimmt am Regal stehengeblieben, er hätte mich gefunden, wir hätten geredet und es wäre ein wunderschöner Nachmittag gewesen. Beim nächsten Mal weiß ich es. Und auch das für Dienstag ging klar. In diesem Moment war ich so überglücklich.



Kapitel 8 - Liebe verblödet

Ich habe ein - für mich - ziemlich großes Problem. Dank diesem Problem ist mir schon vieles (wahrscheinlich Tolles) entgangen. Mein Problem ist nämlich, dass ich Angst vor mehr oder weniger neuen Situationen habe. Egal um was es geht. Aber am Schlimmsten ist es beim Thema Liebe. Deshalb hatte ich auch 16 Jahre lang keinen festen Freund. Denn ich habe Angst vor Verabredungen mit Typen, die ich noch nicht so gut kenne. Dass mein Gegenüber und ich uns nur anschweigen, er mich langweilig findet oder noch schlimmer: Mir wieder was total Peinliches passiert.
Diese Angst verschonte mich auch nicht vor dem Treffen mit Felix. Und da es im Kino stattfand, kamen einige Punkte, die schief gehen und damit Ängste in mir auslösen konnten, hinzu. Dabei war meine größte Angst, dass ich mal wieder so viel Pech und nervige Typen hinter mir sitzen hatte. Denn die Kinobesuche davor war es immer so, dass irgendwelche Typen in meiner Nähe saßen und meinen Kinobesuch zum Horror machten. Entweder beschmeißen sie dich mit Popcorn, schlagen mit den Füßen gegen deinen Sitz oder blamieren dich anders.
Celina hatte, als sie damals mit Felix ins Kino ging, Glück. Das Einzige was für sie peinlich war, war das Kommentar zweier Jungs hinter ihnen, die meinten, Celina und Felix sollen während dem Film nicht soviel rumknutschen. Ich wäre froh gewesen, wenn das jemand bei Felix und mir gesagt hätte. Vielleicht hätte er es dann extra gemacht.

Die Zeit blieb nicht stehen, keiner bekam die Masern und auch die Kinos gingen nicht urplötzlich bankrott. Kurz: Es war soweit.
Ich überlegte noch, ob ich Colaflaschen-Gummibärchen mitnehmen sollte (im Kino sind die ja sauteuer), entschied mich aber dagegen. Wahrscheinlich würde ich im Kino so aufgeregt sein, dass ich gar nicht mehr zum Essen kommen würde.
Also saß ich am Abend ohne Gummibärchen, dafür aber mit Teenager Liebe von den Ärzten in den Ohren im Bus und wartete darauf, dass Felix an seiner Station einstieg. Zwei Stationen vorher stieg er jedoch bereits ein. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Gerade war ich noch in Gedanken dabei, mir total tolle Sätze zurechtzulegen und dann stieg der Depp schon ein! Das war zuviel. Ich war verklemmt, hatte alle Sätze vergessen und wusste echt nicht was ich sagen sollte. Nach knapp fünf Minuten des Anschweigens, ging es aber los. Er quatschte mich voll. Er erzählte von seiner Schwester, was er heute gemacht hatte, was er machen wollte, aber nicht konnte und so weiter. Eigentlich fand ich das gut. Er redete, ich hörte zu. Sollte eigentlich andersrum sein, aber mein Gott! Die Welt emanzipiert sich eben. Allerdings ging er mir auch auf die Nerven. Er hat wirklich nur von sich geredet! Und trotzdem fand ich ihn toll. Ich war echt krank vor Liebe.

Stunden später - so kam es mir jedenfalls vor - standen wir im Kino. Über unseren Köpfen waren alle Filme die an diesem Abend gezeigt wurden auf Bildschirmen aufgelistet. Mir wurde übel. Juno ist doch eigentlich ein Mädchenfilm, dachte ich mir. Was ist, wenn er sich langweilt? Oh mein Gott! Gerade das wollte ich doch auf jeden Fall vermeiden!
"Ähm… wir können auch in einen anderen Film gehen…", schlug ich schließlich vor.
Felix lachte: "Ich dachte du willst diesen Film unbedingt noch mal sehen?"
"Ja, schon", gab ich zu. "Aber mir fällt grad ein, dass das ja eigentlich mehr son Mädchenfilm ist…"
"Hmm… na dann mal kucken, ob sonst noch was Interessantes kommt", Felix ging alle Titel auf den Bildschirmen durch.
"Step up to the streets… hmm… nee… Daddy ohne Plan… naja… nee… ooooh! Jumper!"
"Och nööö. Das ist ein Actionfilm", kommentierte ich.
Felix kniff seine Augen zusammen. "Also da steht, dass es ein Actionthriller ist."
Ich runzelte die Stirn.
"Okay, wir gehen einfach wie geplant in Juno", meinte Felix nach kurzer Überlegung.
"Sicher?"
"Japp", antwortete er nur und zog mich mit.
Als wir an der Kasse standen fiel mir ein, dass Celina unbedingt wissen wollte, ob er mich eingeladen hatte oder nicht. Er war vor mir dran… und… zahlte nur für sich. Zählt das dann überhaupt als richtiges Date? Keine Ahnung. Aber ich hatte in dem Moment andere Probleme. Meine Angst hing mir nämlich immer noch im Nacken. In weniger als 10 Minuten würden wir nämlich nebeneinander im Saal sitzen. Die Werbung würde noch auf sich warten lassen und in der Zeit musste ich mich endlich zusammenreißen und lockerer werden.
Reiß dich zusammen, dachte ich mir. Aber hallo? Ich saß neben Felix im Kino! Wenn das mal kein vernünftiger Grund war aufgeregt zu sein dann weiß ich auch nicht. Aber nach einiger Zeit hatte sich mein Hormonhaushalt zum Glück einigermaßen beruhigt, was auch an meiner Sitznummer liegen konnte. Ich hatte endlich die Nummer 13 erwischt. 13 war meine Glückszahl und bis zu diesem Tag hatte ich es nie geschafft diesen Sitz zu kriegen. Aber es war endlich soweit. Und er erfüllte sogar seinen Zweck. Während Felix auf Sitznummer 14 saß und fast nix von der Leinwand sah, weil sich jemand sehr Großes vor ihn gesetzt hatte, hatte ich zum ersten Mal die beste Sicht. Ich dachte mir, wenn das mal kein gutes Zeichen für einen tollen Abend ist…
Kurz vor der Werbung kramte Felix ewig in seiner Jackentasche herum, holte schließlich eine Packung Colaflaschen-Gummibärchen hervor und öffnete sie.
Ich lachte: "Zwei Seelen, ein Gedanke."
Felix sah mich verwirrt an: "Wieso? Hast auch Gummibärchen dabei?"
"Nein, aber ich hatte es vor."
"Und wieso hast du doch keine mitgenommen?"
"Dachte ich esse es sowieso nicht", antwortete ich. "Ich esse eigentlich nie was im Kino. Ich hasse das voll. Weil dann kau ich so laut und krieg nichts mehr vom Film mit."
"Dann kaust du aber echt komisch", lachte Felix daraufhin. "Willste trotzdem was von mir?"
Er hielt mir die Packung vor die Nase und nach kurzem Überlegen nahm ich mir auch eine Colaflasche heraus.
"Kannst dir schon mehr nehmen", grinste Felix. "Der Film hat ja noch nicht angefangen und somit kannste durch zu lautes Kauen auch nichts verpassen."
So und so ähnlich gingen die nächsten Gespräche weiter. Zwischendurch habe ich noch seine alten Kinokarten nach Datum sortiert und irgendwann fing dann die Werbung an. Und nach endlosen Stunden schließlich der Hauptfilm.
Während des Films verflog meine Unsicherheit allmählich, denn das "Schlimmste" hatte ich ja überstanden. Der Abend wurde sogar richtig schön. Denn auch die Kleinkinder hinter mir waren nicht existent.
Die schönen Dinge enden leider viel zu schnell. So auch der Film. Ich hätte zu gern die Zeit angehalten und die Momente mit Felix verlängert. Ich war süchtig nach ihm und seiner Nähe. Und ich hätte den Moment zwar tatsächlich verlängern können, wurde aber durch die Schule am nächsten Tag, davon abgehalten.
"Alsooo… der nächste Bus kommt in…", Felix studierte den Busfahrplan, während ich mich auf die Bank an der Haltestelle setzte. "Einer Stunde…"
"Was?!", ich sah ihn entsetzt an. "Nee, oder?"
Felix setzte sich neben mich. "Doch."
"Super. Und jetzt?"
"Hmm… wir könnten Heim laufen", schlug er vor.
Jaaaaaaaaa!, war mein erster Gedanke. Leider wurde er sofort wieder von meiner Vernunft beiseite geschoben. Felix hatte zwar am nächsten Tag zwei Stunden später Schule, jedoch musste ich pünktlich um halb 8 meiner Geschichtslehrerin etwas über die Weimarer Republik erzählen können.
Ich seufze: "Nein."
"Was nein?"
"Ich hab morgen keine zwei Stunden später Schule so wie du…"
"Ach komm schon", bettelte Felix.
Ich dachte noch mal nach. Es war halb elf. Bis ich bei mir Daheim gewesen wäre, wäre es ungefähr Mitternacht. Nein. Zu spät. Zudem schmerzten meine Füße wegen den neuen Chucks.
"Es geht wirklich nicht. Das wird sonst zu spät."
Ich sah Felix an, dass er für das Folgende eigentlich keine Lust hatte, aber ich hatte keine andere Wahl.
"Soll ich meinen Vater anrufen, dass er uns holt?"
Kannst dich ja melden, wenn ich euch holen soll, waren die letzten Worte meiner Mutter. Sie wollte uns nur aus einem einzigen Grund abholen: Damit sie endlich Felix kennenlernte. Obwohl ich ihr keinerlei Informationen über mein Leben aushändigte, wusste sie oftmals viel zu viel. So anscheinend auch von meinen Gefühlen für Felix. Ein Grund mehr sie nicht darum zu bitten uns abzuholen.
"Ähm, ja… wenns okay ist…", antwortete ich unsicher.

Während wir auf seinen Vater warteten, erzählte mir Felix einen Witz nach dem anderen. Die Meisten kannte ich und fand sie eigentlich ziemlich langweilig - ich musste trotzdem lachen. Ohja, Liebe verblödet echt.
Nach ungefähr 20 Minuten des Wartens, kam sein Vater angefahren. Wenn man die Beiden zum ersten Mal so sieht, könnte man sich kaum vorstellen, dass sie Vater und Sohn sind. Auf der einen Seite steht Felix, für den etwas nie schnell genug gehen kann und der einfach so lustig ist und auf der anderen Seite sein Vater, der für einen Satz von 20 Wörtern bereits zwei Minuten braucht und einfach total langweilig ist. Achja, er ist außerdem Lehrer… Ich durfte (zum Glück) nie die Erfahrung machen, bei ihm im Unterricht zu sitzen (was vor allem daran lag, dass er in der Nachbarschule unterrichtete), konnte mir aber während der Autofahrt nur zu gut vorstellen, dass sein Unterricht nicht unbedingt der Spannendste ist… Wobei mir Felix später versicherte, dass sein Vater eigentlich schon ziemlich cool ist. Aha. Na dann. Diese coole Seite blieb mir leider verborgen.
Die Autofahrt endete glücklicherweise vor meiner Haustür und nicht in der nächsten Stadt ("Biegen Sie bitte nach rechts ab - da wohn ich nämlich… nein, rechts… neeeiiin! Rechts!" - "Papa, nicht gerade aus, sondern nach rechts, bitte." ) .
Die Verabschiedung fiel zwar spärlich aus (was wohl vor allem an der Anwesenheit meines Schwiegervaters in Spé lag) und obwohl ich später bemerkte, dass meine Füße bluteten, war ich überglücklich an diesem Abend. Und das solange bis ich in meinem Bett lag, Cat Powers Sea Of Love immer und immer wieder hörte… und heulte.


Kapitel 9 - Wenn Liebe so einfach wäre...


Zugegeben, Kino mit Felix war mal wieder halb so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Jedoch machte mich die Gesamtsituation fertig. Denn ich wusste überhaupt nicht, wo genau ich denn nun bei Felix stand. Im einen Moment war er stinknormal zu mir und behandelte mich wie jeden anderen auch. Und im anderen Moment war er… Irgendwie anders. Netter. Total verwirrend einfach.
Die Tage nach dem Kino waren erdrückend. Ich dachte rund um die Uhr an Felix. Ging seine Handlungen und unsere Gespräche im Kopf noch einmal durch und analysierte sie. Natürlich kam ich auf keinen grünen Zweig, was mich immer verrückter machte.
Dazu kam noch, dass ich mal wieder Probleme mit Celina hatte, die, wie auch schon damals, mit Felix zu tun hatten. Denn immer wieder erzählte sie mir, dass sie ihn eigentlich überhaupt nicht mag, hing aber trotzdem dauernd wie eine Klette an ihm dran. Ich war tierisch eifersüchtig.
Weil ich natürlich keine Lust mehr auf dieses Gefühlschaos hatte, wollte ich mich entlieben. Ich gebe zu, wenn man das jetzt so hört, klingt es zum Einen ziemlich absurd und zum Anderen naiv. Aber weil es schon mal geklappt hat (gut, ich war zwar in den Typen damals nicht ganz so verliebt wie ihn Felix, aber beide Male waren es sehr starke Gefühle), wollte ich es noch mal versuchen. Wie? Eine ganze Nacht wach bleiben. Eine ganze Nacht, in der man über alles in Ruhe nachdenken kann. In der völlig neue Perspektiven sichtbar werden. Und man einfach alles in einem völlig anderem Licht sieht.
Naja, diesmal sah das Resultat nicht ganz so positiv aus, wie beim letzten Mal. Denn am nächsten Tag hatte ich Schule und war todmüde. Zur Folge hatte das, dass ich fünf Minuten an einer Tür zerrte, um dann irgendwann zu merken, dass die Tür verschlossen war und überhaupt nicht auf die Toilette führte. Auch ansonsten kam ich leicht betrunken rüber. Man merkt: War eine schlechte Idee.

Knapp zwei Wochen nach dem Kino und stundenlangen Hören von Farin Urlaubs Immer noch, konnte ich soviel Mut, Verzweiflung und Lebensmüdigkeit aufbringen, um Felix endlich zu fragen, was denn nun Sache ist. Mein ursprünglicher Plan war der, dass ich ihn am Mittwochnachmittag in der Pause darauf anspreche. Jedoch hatte er scheinbar bereits gespürt, dass von meiner Seite etwas Unangenehmes kommt, denn an diesem Nachmittag sah er immer öfter unsicher in meine Richtung und hatte eine Fußballmannschaft um sich herum platziert, die ein Vieraugen-Gespräch unmöglich machten.
Also wurde nichts aus dem Gespräch. Mir ging es deshalb so beschissen, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Steffi und Elena waren so perplex mich in dieser Verfassung zu sehen, dass sie erstmals gar nicht wussten was sie sagen sollten.
Irgendwann kam von Elena nur: "Dann redest halt ein andermal mit ihm, hm?"
Ich schluchzte: "Ein andermal? Ich halt das nicht mehr aus! Diese scheiß Ungewissheit! Warum kann der nicht einfach mal sagen, was Sache ist?"
Steffi nahm mich in den Arm und meinte tröstend: "Och Süße, das ist nur ein Junge. Und noch dazu ein ziemlich Unreifer. Also vergiss den einfach. Wenn der dich so unglücklich macht, dann hat der dich gar nicht verdient."
Schön. Mach das mal meinen Hormonen klar. Aber die wollten von so was gar nichts wissen und laießen mich lieber weiter leiden.
Nach der Schule - ich lief mit Celina und Felix zur Bushaltestelle - ging es mir nicht unbedingt besser. Im Gegenteil. Felix' Nähe machte mich krank. Es war dieses "Er ist mir so nah und doch so fern"-Gefühl. Aus diesem Grund, setzte ich mich auf die Bank an der Bushaltestelle, als unser Bus kam. Celina wollte gerade hinter Felix einsteigen, als sie bemerkte, dass ich nicht vorhatte mit diesem Bus zu fahren. Sie verabschiedete sich von Felix und setzte sich neben mich. Nachdem wir uns einige Minuten anschwiegen, fragte sie schließlich: "Alles okay?"
"Nein", antwortete ich leise.
"Warum?"
"Wegen Felix", und da kamen sie wieder - die Tränen.
"Wieso? Was ist denn los?"
Und schon sprudelte es aus mir heraus. Dass ich heute eigentlich mit ihm reden wollte, weil ich nicht wusste, wie das alles jetzt weitergeht. Dass es mir wegen ihm so scheiße geht. Und, dass diese Ungewissheit so weh tat.
Als ich fertig war, fühlte ich mich einerseits befreit und andererseits war es mir peinlich. In letzter Zeit erzählte ich Celina nicht so offen von meinen Gefühlen. Dafür waren eher Steffi, Elena und Sarah zuständig. Die wiederum den Nachteil hatten, dass sie Felix kaum kannten. Celina und Felix jedoch waren, obwohl Celina ihn angeblich nicht mochte, zu dieser Zeit fast unzertrennlich. Beim Thema Felix war sie also die bessere Adresse.
Nur an diesem Nachmittag konnte sie mir nicht weiterhelfen. Sie versuchte mich zwar aufzumuntern, aber wirklich geklappt hatte es nicht. Im Gegenteil. Je mehr wir über Felix redeten, umso schlimmer wurde alles. Ich hatte das Gefühl, als würde ich platzen, wenn ich nicht sofort mit Felix reden konnte.
Wir nahmen den nächsten Bus. Ich konnte es kaum erwarten zu Hause anzukommen, mich im ICQ einzuloggen und endlich mit Felix zu reden. Während der Busfahrt konnte ich mich gut auf mein bevorstehendes "Gespräch" vorbereiten, da Celina und ich uns anschwiegen.
Schließlich war es soweit. Ich war Zuhause, konnte mich sogar noch dazu aufraffen zu duschen und loggte mich dann endlich im ICQ ein. Eine Enttäuschung kommt selten allein: Felix war nicht online. Okay, jetzt nur nicht die Nerven verlieren, dachte ich mir. Er kommt schon noch.
Also wartete ich. In dieser Zeit ging ich noch mal im Kopf durch, was ich ihm wie sagen wollte. Ich ging wie jedes Mal alle Optionen durch und schaute währenddessen gebannt auf den Bildschirm. Gefühlte zehn Stunden später erschien die ersehnte Mitteilung, dass Felix online ist - und mein Herz blieb für einen Moment stehen. Zudem hatte ich (wie immer in solch einer Situation) nun völlig vergessen, was ich mir zurechtgelegt hatte.
Nach einer kleinen Panikattacke und einem Zitteranfall schrieb ich ihn schließlich an.

Franzi: Hey…
Felix: Hey na alles klar?
Franzi: Joa und bei dir?
Felix: Immer doch. ^^
Franzi: Na dann… und was machst grad so?
Felix: Och schau mir grad im Internet paar Videos an. Sonst eigentlich nichts. Und du?
Franzi: Ich blamier mich gleich mal wieder.
Felix: Wegen? Wie meinst das?
Franzi: Naja, ich wollte eigentlich heute in der Schule mit dir reden, aber ich war mal wieder zu feige.
Felix: Aha?
Franzi: Ja und ich weiß auch, dass das ICQ nicht unbedingt der beste Ort ist, um das zu besprechen. Aber wenn ich das jetzt nicht loswerde, dann platze ich vielleicht, weil ich das alles nicht mehr aushalte.  Mir gehts im Moment echt scheiße wegen dir, weil ich überhaupt nicht weiß, was denn nun Sache ist. Ich mein' hallo? Ich sag dir, dass ich dich mag und du? Du sagst gar nichts! Diese Ungewissheit bringt mich noch um!
Felix: Hmm…
Felix: Dass ich nichts dazu gesagt habe, hat den Grund, dass du damals so schnell weg warst.
Franzi: Oh Mann.
Felix: Ja, und weißt, ich mag dich schon. Ich find dich echt witzig und mit dir kann man super Spaß haben.
Franzi: Aber?
Felix: Ja, aber weil du in meiner Para-Klasse bist, kenn ich dich halt noch nicht sooo gut. Deshalb will ich auch mehr mit dir unternehmen, dass ich dich besser kennenlerne.
Franzi: Okay.
Felix: Verstehst was ich meine?
Franzi: Mhm...
Franzi: Aber muss los. Bis dann.

Und schon verschwand ich wieder im Loch, das es ja Internet sei Dank gibt. Fertig wie ich war legte ich erstmal, wie so oft in den letzten Monaten, Clueso mit Keinen Zentimeter in den CD-Player, schmiss mich aufs Bett und heulte ausgiebig.
Okay, für Außenstehende in das wahrscheinlich unverständlich, immerhin bekam ich ja keinen 100 %igen Korb. Eigentlich war es ziemlich vernünftig von Felix. Jedoch dachte ich in dem Moment, aufgrund meines geringen Selbstwertgefühles, dass er zu nett war um mir zu sagen, dass er null für mich empfand und mir deshalb etwas erzählte von wegen wir kennen uns noch nicht gut genug. Es hatte alles keinen Sinn mehr.
Aus diesem Grund, gab es für mich nur noch eine Lösung: Ich musste Felix mehr als unbedingt vergessen.

 




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