troublebreathing ♥
Der Moment

Es läutete an der Tür.
Schon wieder ein Mandant, der ohne vorher Bescheid zu sagen einfach vorbeikommt, dachte sie.
Sie war genervt. Schon den ganzen Tag. Und sie wäre lieber nach Hause gegangen, als in diesem viel zu warmen Büro sitzen zu müssen und langweilige Akten herum zu wälzen.
Ihre Kollegin war ihr gegenüber schon seit einiger Zeit außergewöhnlich kühl und auch der Chef ließ seine schlechte Laune immer häufiger an ihr aus.
Da kamen ihr unangemeldete Mandanten, die meist Spezialaufgaben hatten, nicht unbedingt gelegen.
Als sie die Tür öffnete, stand ein junger Mann vor ihr. Er war ungefähr  Mitte 20. Als sie ihn so vor sich sah, musste sie sofort an Nino aus Die fabelhafte Welt der Amélie denken.
"Ich komme wegen dem kaputten Kopierer", sagte er.
Für einen Bruchteil einer Sekunde blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte ihn nur an. Irgendwas an ihm, ließ ihren Blick nicht mehr von ihm weichen.
"Ah! Super, ja", brachte sie dann schließlich hervor.
Sie führte ihn zum Kopierer, der direkt neben ihrem Schreibtisch stand.
"Also, wenn wir im Einzug etwas kopieren wollen, dann bleibt das Papier im Kopierer stecken", erklärte sie ihm.
"Okay, dann schaue ich mir das mal genauer an", lächelte er - leicht verlegen wie sie fand.
Während er ein Blatt Papier in den Einzug des Kopierers legte und versuchte es zu kopieren, beobachtete sie ihn immer wieder aus dem Augenwinkel.
Sie konnte sich kaum noch auf ihre Arbeit konzentrieren. Er machte sie nervös. Und sie hatte keine Ahnung warum.
Es war nicht so, dass sie hin- und hergerissen war von ihm. Im Gegenteil. Er gefiel ihr nicht mal sonderlich gut. Doch irgendwas hatte er, was sie völlig aus der Bahn warf.
Sie spürte ein Kribbeln im Bauch.
Nach gerade mal 10 Minuten teilte er mit: "So, ich bin fertig."
Zum Beweis legte er erneut ein Papier in den Einzug, drückte auf "Kopieren" und heraus kam nicht nur die Kopie, sondern auch wieder das Original.
"Das war übrigens der Grund für den Papierstau", sagte er mit einem gespielten "das gehört da aber nicht rein"-Blick und hielt eine Tackerklammer  in die Höhe.
"Ups... Wie kommt die denn da rein?", fragte sie unschuldig.
Danach sagte er etwas wie: "Sowas sollte man eigentlich vermeiden." Er lachte verlegen.
Ihr Herz schlug wie wild. Die Art wie er es gesagt hatte... Nicht böse und auch nicht wirklich ernst. Als würden sie sich schon ewig kennen.
Sie unterschrieb die Rechnung und er packte seine Sachen zusammen. Schließlich stand sie auf und wollte ihn zur Tür bringen. Doch plötzlich standen sie sich gegenüber. Keiner machte Anstalten sich zu bewegen. Sie sahen sich einfach nur schweigend in die Augen. Ihr Herz schlug wie wild. Er lächelte sie unsicher an. Das war ein Moment, den sie nur aus Büchern oder Filmen kannte. Der Moment, von dem sie nie glaubte, er würde ihr selbst einmal widerfahren.
"So... Ähm... Ja... Danke...", sagte sie schließlich und bedeutete ihm zur Tür zu gehen. Er verabschiedete sich von ihrer Kollegin, die die ganze Zeit still vor ihrem Computer saß.
Sie öffnete ihm die Tür. "Einen schönen Tag noch."
"Ebenso", sagte er lächelnd als er hinaustrat.
Als er ihr den Rücken zudrehte musste sie grinsen. Und sie sah, dass er leicht zurückblickte, als wollte er wissen, ob sie noch an der Tür stand. Und sie sah auch, dass er ebenfalls grinste.

28.2.11 20:29





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