troublebreathing ♥
Kapitel 26 - Weil Herzen lautlos brechen

Ich sitze in der Fahrschule. Da ich kurzfristig länger arbeiten musste und es sich nicht gelohnt hätte nach Hause und wieder in die Stadt zu fahren, bin ich mal wieder viel zu früh dran. Eigentlich wollte Jan mitkommen, aber ihm geht es nicht gut, weshalb ich dort nun alleine sitze. Als ich gerade eine SMS an ihn schreibe, öffnet sich die Tür. Durch das SMS-Schreiben bin ich jedoch so abgelenkt, dass ich nicht bemerke, wer die Fahrschule betritt. Erst als die Person gegenüber von mir Platz nimmt, heb' ich meinen Blick: Felix sitzt mir gegenüber. Mein Herz fängt natürlich sofort an zu pochen. Felix bemerkt meine Anwesenheit zwar ebenfalls, doch außer einem Nicken und ein leises "Hi" bekomme ich nichts.
So sitzen wir uns gegenüber. Und das für mehr als zwei Stunden. Während dem ganzen Unterricht versuchen wir zu vergessen, dass wir uns gegenüber sitzen. Es ist seltsam. Als wären wir Fremde. Seit dem Jahrmarkt hatten wir keinen Kontakt mehr. Und dann so was.
Nach dem Unterricht stehen wir beide am Empfang und füllen das Kärtchen aus, wo notiert ist, wie oft jemand schon im Unterricht war. Ich hab' nicht mehr viel Zeit und nehm' schließlich meinen ganzen Mut zusammen. "Alles klar bei dir?", frage ich Felix.
Einerseits überrascht und andererseits erleichtert sieht er mich an und meint: "Ja klar, und bei dir?"
"Ja, passt schon", antworte ich. "Und? Bist du heute zum ersten Mal hier?"
"Ne, eigentlich zum zweiten Mal, aber habs die letzten Wochen nicht wirklich geschafft hierher zu kommen. Und du?"
"Ähm, ne, bin schon seit etwas mehr als einem Monat hier."
"Mhm…"
Nun sagt keiner mehr etwas.
"Fährst du gleich mit dem Bus nach Hause?", fragt mich Felix.
"Leider nicht gleich. Der nächste Bus kommt erst wieder in einer halben Stunde", stöhne ich.
"Ist ja blöd… Aber weißt du was? Ich bin heute so sozial und warte mit dir auf deinen Bus", schlägt Felix vor.
Während wir zusammen auf den Bus warten, gestehen wir uns gegenseitig, dass wir uns total vermisst haben und, dass das Alles ein einziger Irrtum war. Von diesem Augenblick an, sind wir wieder die besten Freunde und das halbe Jahr Funkstille ist vergessen…

So und so ähnlich hab' ich mir immer ein Treffen mit Felix vorgestellt. Aber natürlich kam es nie zu einem solchen Treffen. Wir sahen uns nicht mehr. Wir schrieben nicht mehr. Aus uns wurde das, wovor ich immer Angst hatte: Fremde.

*****

Das Reddy-Schild hing nach dem Jahrmarkt nicht mehr an der üblichen Stelle. Über ein halbes Jahr hing es dort und hielt mir immer und ständig vor Augen, wie sehr ich mich auf den Tag freute, an dem ich wieder aus einer Reddy-Flasche trinken würde. Denn es sollte der Tag sein, an dem der Jahrmarkt wieder in der Stadt war. Reddy war für mich ein Zeichen für den Jahrmarkt. Dass es schließlich die Hölle werden würde, konnte niemand ahnen.
Als das Schild nicht mehr hing, war es für mich so, als würde jemand lachen und ein "Haha, reingefallen" rufen, "umsonst gefreut".

Nach dem Jahrmarkt war nichts mehr so wie es vorher war. Keine Woche nach dem Kuss, hatte Felix auf dieser gewissen Schülerseite ein neues Bild hochgeladen. Darauf waren er und seine Freundin zu sehen. Er hatte sie im Arm und beide lachten in die Kamera. Allen anderen sollte das wahrscheinlich auch nur sagen, wie froh Felix doch war, dass er seine Freundin hatte. Mir aber wollte er damit sagen: Guck mal, Franzi, ich hab' ne Freundin! Wir sind super glücklich! Na, merkst du jetzt endlich, dass ich dich die ganze Zeit nur verarscht habe und gar nicht brauche? Wie konntest du nur glauben, dass ich tatsächlich Gefühle für dich haben könnte? Du bist mir so was von scheißegal und ich bin so froh, dass ich dich nun endlich losgeworden bin!
Genau das wollte er mir mit diesem Bild sagen. Zumindest empfand ich das damals so.
Zwar schrieb mich Felix einmal nach fast drei Wochen und ein andermal irgendwann im September an, jedoch waren das Gespräche, die kaum der Rede wert waren. Beim ersten Mal meinte er, er könne so tun, als sei nichts gewesen. Da ich aber gerade auf dem Sprung und übrigens immer noch sauer und verletzt war, ließ ich ihn das auch spüren und verschwand schließlich nach einer Minute schreiben mit einem schlichten "Ich muss gehen. Bye."
Beim zweiten Mal fragte er lediglich wie es mir ginge und ob ich noch zur Schule gehen würde. Das dauerte zehn Minuten und dann verschwand er. Und das wars.
Die Monate vergingen und von Felix hörte ich noch immer nichts. Obwohl es immer heißt, die Zeit heilt alle Wunden, wurde es mit jedem Monat schlimmer. Die Tatsache, dass ich mich so von einem Typen verarschen ließ und das auch noch von Felix, nagte zu sehr an mir.

Als es mir zuviel wurde, schrieb ich Felix einen Brief, in der Hoffnung, endlich darüber hinweg zu kommen.

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Lieber Felix,

ich schreibe das hier, um endlich darüber hinwegzukommen. Um vielleicht auch zu verstehen, was genau passiert ist. Und warum. Ich will Dir soviel erzählen und Dich soviel fragen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Ich versteh' immer noch nicht, warum das alles so gekommen ist. Du wusstest die ganze Zeit, dass ich noch Gefühle für Dich hatte. Du wusstest, dass ich bei jedem Kompliment von Dir schwach werden würde. Und Du wusstest auch, dass ich alles für Dich getan hätte. Ich war in Dich verliebt, wie in noch keinen anderen. Und Du hast es ausgenutzt.

Die ganze Zeit hast Du mir erzählt, wie toll ich doch sei. Immer wieder wolltest Du mich in Deiner Nähe haben. Du warst sogar so hinterhältig und hast mir meinen Freund schlecht geredet.
Wie oft hast Du mir eingeredet mein Freund hätte mich nicht verdient, würde mich scheiße behandeln und ich sollte doch einfach nur Schluss machen? Am Ende hab' ich es sogar getan... Um dann festzustellen, dass es ein großer Fehler war.

Warum hast Du mir immer und immer wieder Hoffnungen gemacht?
Warum hast Du nicht einfach vor drei Jahren gesagt, dass aus uns nie was wird?
Warum hast Du mich vor einem halben Jahr geküsst?
Und warum bin ich Dir dann so egal, dass Du mir sagst, der Kuss sei ein Fehler gewesen und wir sollten das alles vergessen?
Und warum warst Du keine drei Tage später mit einem anderen Mädchen zusammen? Warum hast Du mir erzählt, ich sei eines der wichtigsten Mädchen in Deinem Leben, wenn ich Dir doch sowieso scheißegal bin, sobald Du eine Freundin hast?
Warum ignorierst Du mich?
Warum können wir heute keine Freunde mehr sein?
Und warum macht es Dir Spaß mir weh zu tun?
Fragen, die Du mir mit großer Wahrscheinlichkeit nie beantworten wirst. Über die ich mir noch ewig den Kopf zerbrechen werde...

In letzter Zeit geht es mir ziemlich beschissen. Es gibt zwar noch andere Gründe für meine Gefühlslage, jedoch bist Du - wie immer - der Hauptgrund.
Seit einem halben Jahr haben wir nun schon keinen Kontakt mehr und man sollte eigentlich annehmen, dass ich so langsam mal darüber hinweg kommen würde. Tu ich natürlich nicht. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Gleichgültig- und Abhängigkeit. Einerseits denke ich nicht mehr 24 Stunden am Tag an Dich wie früher. Ich kann so langsam wieder Lieder hören, die mich an Dich erinnern, ohne, dass ich sofort in Tränen ausbreche. Ich überlege mir nicht mehr dauernd, was Du wohl gerade machst. Ich interessiere mich nicht mehr für Deine Hobbies. Du interessierst mich nicht mehr. Und ich nehme mir vor, dass das auch so bleibt. Aber das Alles ist vergessen, sobald Du vor mir stehst. Dann hab' ich das Gefühl, mein Herz explodiert gleich und all meine guten Vorsätze lösen sich in Luft auf. In den letzten Monaten kam es zum Glück nur viermal vor, dass ich Dich sah. Einmal kam ich gerade vom Arbeiten. Es war November und Du bist mit dem Fahrrad an mir vorbeigefahren. Ich hab' mich noch gewundert, warum Du im November mit dem Fahrrad zur Schule fährst. Das hast Du früher nie gemacht. Dir wars so kalt, dass Du sogar lieber auf den Bus gewartet hast, der direkt an der Schule hält, statt zu laufen. Ich werde es Dich wohl nie fragen können.

Wenn Du es dann tatsächlich schaffst, mich wieder an Dich denken zu lassen, läuft bei mir das volle Programm ab. Ich werde depressiv und trauere der Vergangenheit nach. Ich lese die alten Chatgespräche mit Dir immer und immer wieder durch. Manchmal kommen mir dabei die Tränen. Einerseits deshalb, weil der Frühling letztes Jahr so wunderschön war und mich beim Lesen jedes einzelne Gefühl von damals wieder durchströmt. Andererseits, weil ich mich bei jedem zweiten Satz von Dir nun frage, wie viel Ehrlichkeit wohl dahintersteckte, ob Du tatsächlich tiefere Gefühle für mich hattest. Wahrscheinlich will ich es nicht wissen. Manchmal ist eine schöne Lüge doch besser, als eine traurige Wahrheit, die meine Seifenblasenwelt zum Platzen bringen würde.

Am liebsten würde ich jetzt sagen, dass alles gut ist, so wie es jetzt ist, aber das wäre eine Lüge. Denn die Wahrheit ist, ich vermisse Dich. Ich vermisse das Schreiben mit Dir. Ich vermisse Deine Art mich zum Lachen zu bringen. Ich vermisse Dich als Freund.
Du warst mein bester Freund. Und ich würde gerne meinen Gefühlen die Schuld daran geben, dass es heute nicht mehr so ist, aber ich denke das ist eine Lüge. Ich glaube die Tatsache, dass Du nun eine Freundin hast, ist genauso daran schuld.
Du hast mich behandelt wie ein Spielzeug. Solang Du keine Freundin hattest, war ich Dir gut und recht. Vielleicht war ich so etwas wie eine Notlösung. Oder ich war nie Etwas für Dich. Vielleicht hat es Dir nur Spaß gemacht in meinem Leben alles durcheinander zu bringen. Vielleicht habe ich mich die ganze Zeit in Dir getäuscht und Du warst in Wirklichkeit genauso wie alle anderen Typen. Nur ich war blind vor Liebe.
Und das Schlimmste ist: Das glaub' ich nicht.
Nicht mal, wenn Du es mir selbst gestehst. Ich würde nie glauben, dass das alles Absicht war. Ich würde nie glauben, dass Du mir mit Absicht so weh getan hast. Aber ich würde es gerne wollen.

Und weißt Du was? Ich bin fies. Bescheuert. Einfach nur scheiße. Denn ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher, als dass es zwischen Dir und Deiner Freundin aus ist. Aber das nicht, weil ich eifersüchtig bin. Nein, einfach nur, weil ich meinen besten Freund wieder haben will. So wie er früher war und heute hoffentlich noch ist. Mir ist natürlich bewusst, dass Frauen die Besten sind, was die Manipulation von Männern betrifft. Deshalb... Wer weiß, was sie aus Dir gemacht hat?
Du warst ja schon ein Arsch mir gegenüber, als Du nur in sie verliebt warst. Wie bist du dann jetzt, wo ihr doch zusammen seid?

Ich denke, als wir damals im Sommer schon einmal ungewollt keinen Kontakt mehr hatten, hatte das schon seine Richtigkeit. Aber nein, ich hab' Dich ja sooo vermisst und musste den Kontakt unbedingt wieder aufbauen. Hätte ich es damals so belassen, wie es war, wären wir das zweite Schuljahr wie Fremde aneinander vorbeigegangen. Ich könnte mich dafür Ohrfeigen! Aber ist es nicht immer so, dass man am Ende schlauer ist? Ich bin es auf jeden Fall.

Wie sinnlos das Alles ist... Am Meisten die Hoffnung... Die wie immer umsonst ist.
Ich sollte endlich aufhören so viel zu hoffen. Nur leider hat mein Verstand nicht so ein gutes Durchsetzungsvermögen wie mein Herz.

Ich wollte nur, dass Du das alles weißt. Dass du Dir zumindest annährend vorstellen kannst, wie es in mir aussieht. Ob es Dich interessiert oder nicht, ist mir egal. Du hast Dich ja auch nicht dafür interessiert, ob Du mir mit Deinen Bemerkungen oder Deinem Handeln wehgetan hast.

Franzi

P.S.: Letztens hab' ich mich gefragt, ob Du wohl noch Klavierstunden nimmst. Oder ob Du mittwochs Mittagschule hast und sie deshalb nicht mehr nehmen kannst.
Du wolltest mir auf dem Klavier mal etwas vorspielen. Vorgespielt hast Du mir viel. Nur nie auf dem Klavier. Erinnerst Du Dich an Die fabelhafte Welt der Amelié? An Lied Nummer 4 aus dem Soundtrack? Du hast mal gesagt, Du kannst es spielen. Es sei ja so einfach. Ich hätte Dir dabei gerne mal zugehört. Jetzt ist es zu spät. Und mir bleibt einzig und allein die Erinnerung an Dich, wenn ich dieses Lied höre.

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Ich habe den Brief niemals abgeschickt.
Stattdessen versank ich immer mehr im Selbstmitleid. Besonders schlimm wurde es gegen Ostern und Pfingsten hin. Denn das war ein Jahr zuvor unsere Zeit. Es war die Zeit, in der wir oft bis weit nach zwei Uhr morgens im ICQ schrieben. Die Zeit, in der sich unzählige Chatlogs ansammelten. Die Zeit, in der ich so glücklich war. Und mir nicht vorstellen konnte, jemals ohne Felix leben zu können.
Und dann, ein Jahr später war es soweit. Felix gehörte nicht mehr zu meinem Leben. Alles war anders. Und ich wusste, dass es niemals mehr so wie früher werden würde und ich trauerte der Vergangenheit nach.
Auch in dieser Zeit gab es wieder Songs, die mich während meiner Depriphase begleiteten.
Entweder erzählte mir Gloria Gaynor, was mir durch den Kopf gehen sollte…

At first I was afraid I was petrified
Kept thinking I could never live without you by my side,
But then I spent so many nights thinking how you did me wrong
And I grew strong and I learned how to get along…

… Weren't you the one who tried to hurt me with goodbye
You'd think I crumble you'd think I'd lain down and died
Oh no, not I, I will survive
For as long as I know how to love I know I'll stay alive,
I've got all my life to live,
I've got all my love to give
And I'll survive, I will survive.
It took all the strength I had not to fall apart
Kept trying' hard to mend the pieces of my broken heart,
And I spent oh so many nights
Just feeling sorry for myself. I used to cry
But now I hold my head up high
And you see me somebody new
I'm not that chained up little person still in love with you,
And so you feel like droppin' in
And just expect me to be free,
Now I'm savin' all my lovin' for someone who's lovin' me

Oder Christina Stürmer erinnerte mich daran, wie es wirklich in mir aussah.

… Kommst auf mich zu,
ich tu ganz kalt und werd dich 100% ignorieren.
Du sollst dir denken
ich werd mich für deine Worte gar nicht interessieren.
Es tut mir leid ich muss jetzt wirklich bald nach Haus',
und überhaupt ist diese Party für mich aus…

… Ich will dich einfach nur berühren,
möchte dich ganz nah' hier bei mir spüren.
Und wir lachen und weinen zusammen.
dabei ist mir bewusst,
dass ich wieder zurück muss,
zurück ins hier…

… Denn es spielt ein Orchester in mir,
wenn ich dich nur seh' sind da 1000 Melodien.
Und ich will es nicht mehr hören,
ich kann nicht mehr,
denn du gehörst zu ihr doch in all dem Lärm hier
spielt ein Orchester in mir…

Und natürlich Mika, der anscheinend ein Lied nur für mich  geschrieben hat.

This is the way you left me,
I'm not pretending.
No hope, no love, no glory,
No Happy Ending…

… Wake up in the morning, stumble on my life
Can't get no love without sacrifice
If anything should happen, I guess I wish you well
A little bit of heaven, but a little bit of hell…

This is the hardest story that I've ever told
No hope, no love, no glory
Happy endings gone forever more
I feel as if I'm wasted
And I'm wastin' every day

This is the way you left me,
I'm not pretending.
No hope, no love, no glory,
No Happy Ending.
This is the way that we love,
Like it's forever.
Then live the rest of our life,
But not together.

Two o'clock in the morning, something's on my mind
Can't get no rest; keep walkin' around
If I pretend that nothin' ever went wrong,

I can get to
my sleep
I can think that we just carried on…

… A Little bit of love, little bit of love
Little bit of love, little bit of love…


Er fehlte mir so sehr. Ich konnte nirgendwo, wo ich jemals mit ihm war, hingehen, ohne sofort an ihn denken zu müssen. Der Weg an der Schule, den wir mitten in der Nacht hochgelaufen sind, alle Läden in der Stadt, die wir damals besuchten, der Ort an dem unsere Abschlussfeier stattfand, das Kino, die Eishalle, dieses Café, indem wir damals, als wir zu fünft auf dem Weihnachtsmarkt waren, saßen, die Bushaltestelle, wo es geschah und natürlich und vor allem die Schule, die uns erst verband.
Manchmal, wenn ich an einem dieser Orte bin, überlege ich, wie nah sich doch Vergangenheit und Gegenwart sind. Wenn ich jetzt hier an Ort und Stelle stehen bleiben würde und die Zeit zurückdrehen könnte, dann könnte ich nicht nur die unzähligen Menschen, die in all der Zeit an dieser Stelle waren, beobachten, sondern auch mich selbst. Ich stelle es mir immer wie in den Filmen vor, in denen jemand im Zentrum von Etwas steht und die Menschen rasen in einer enormen Geschwindigkeit an einem vorbei. Und ich wäre wie der Fisch im Aquarium, der als stiller Beobachter sein Umfeld betrachtet.
Ja, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, dann könnte ich mich selbst dabei beobachten, wie ich zum Beispiel Felix beobachtete, als dieser sich in der Umkleidekabine im New Yorker umzog. Oder wenn ich an unserer Bushaltestelle stehe und zu der Stelle sehe, an dem es geschah, dann spielt sich vor meinen Augen immer derselbe Film ab. Immer sehe ich mich total betrunken in Felix' Arme liegen und Felix, der mich tröstet und schließlich küsst. Und manchmal sehe ich mich dann zu mir selbst hinlaufen. Ich sehe wie mein eines Ich das andere Ich ohrfeigt und dann von dieser schrecklichen Stelle wegzerrt. Oder ich stehe einfach nur daneben und guck mir mein Leben an, als wäre es ein Film.
Tja, wenn man doch nur die Zeit zurückdrehen könnte…

*****

Eines Nachts hatte ich einen Traum. Ich weiß nicht mehr genau um was es ging. Ich weiß nur noch, dass darin eine riesige Explosion vorkam. Und ein Blick in mein Traumdeutungsbuch verriet mir folgendes:

Explosion: In einer Sache ist es dringend notwendig, dass es zu einer Aussprache kommt, da Sie sonst zu "platzen" drohen.

Natürlich musste ich da sofort an Felix denken. Warum? Einerseits weil ich damals sowieso ständig an ihn dachte und andererseits weil es zum damaligen Zeitpunkt nichts anderes in meinem Leben gab, dass eine Aussprache nötig hatte. Und nach ewig langem Hin und Her konnte ich tatsächlich soviel Verzweiflung und Mut für die folgende Mail aufbringen…

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Hey du,

wie gehts so? Denk mal gut.

Erinnerst du dich noch an meine "1oo Fragen, die ich unbedingt loswerden muss"-Liste? Naja, wohl eher nicht… egal, aber Überraschung! - die letzte dieser Fragen geht auch noch an dich. Nämlich die Frage, wie ich zu der Ehre komme. Von "jeden Tag schreiben" runtergestuft zu werden auf "gar keinen Kontakt". Ich weiß, dass das letztes Jahr alles total scheiße gelaufen ist, aber deshalb gleich den Kontakt ganz abbrechen? Und das auch noch ohne irgendein Wort. Hättest ja sagen können, dass du nie wieder etwas mit mir zu tun haben willst, aber gleich die feige Art? Du konntest mir ja nicht mal zum Geburtstag gratulieren.

Ich weiß es ist dir scheißegal, aber nach dem von letztem Jahr, gings mir danach ewig lang total dreckig und auch heute muss ich noch oft an diese Scheiße denken.
Weißt du, am Anfang war ich einfach nur wütend und verletzt. Und ich hab echt nur gedacht: Jetzt bist du genau so, wie du immer versprochen hast nie zu sein.
Aber mittlerweile denk ich mir, ich bin selbst Schuld. Wer so naiv und dumm ist und zum zweiten Mal einem Typen so bescheuert vertraut und ihm selbst die dümmsten Lügen abgenommen hat, hats nicht anders verdient. Die Sache ist jetzt hoffentlich endlich gegessen und ich hoffe wirklich, dass du glücklich bist und, dass es dir gut geht.

Aso, ja, wollte dich noch darum bitten, das Bild von mir, von Köln, zu löschen. Werde mich demnächst vorerst ausm SVZ löschen, weil ich nicht mehr dauernd an die Scheiße erinnert werden will, und da will ich nicht, dass noch Bilder von mir im Internet kursieren.

 

Franzi

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Am 22. Juni schickte ich im diese Mail. Er war jeden Tag mehrmals online. Jedoch verflogen trotzdem weitere zwei Wochen ohne eine Antwort von ihm. Erst war ich sauer und natürlich traurig… Ich machte ihm sozusagen ein Friedensangebot und dem Idioten schien das egal zu sein. Ich schien ihm egal zu sein. Doch dann war es mir irgendwann egal. Er war mir egal. Ich glaubte mich am Ziel zu sehen. Ich glaubte ihn endlich aus meinem Leben, aus meinem Herzen verbannt zu haben. Und dann löschte ich mich aus dem SVZ und die Hoffnung, jemals wieder etwas von ihm zu hören, verschwand.
Bis zum jenem Mittwoch.

Ich war gerade dabei Google zu fragen, wie lange Eintagsfliegen leben, als ich im ICQ eine Nachricht von jemandem, der nicht in meiner Kontaktliste war, bekam. Dachte natürlich sofort an diese ganzen Spams, die ich Dank meinem russischen ICQ-Clienten im Überfluss bekam. Als ich mit der Maus auf das Postzeichen ging und dann die ICQ-Nummer erschien, klopfte mein Herz wie wild: Es war die einzige ICQ-Nummer, die ich auswendig konnte. Die ICQ-Nummer, die ich mir immer und immer wieder ansah, während ich auf eine Antwort von ihm wartete. Es war Felix' ICQ-Nummer.

Felix: Hallo? Jemand da?
Franzi: Hey
Felix: Ich wollte mir dir eher im ICQ wegen dem Thema das du im SVZ angesprochen hast reden.
Franzi: Okay.
Felix: Also
Felix: ich dachte eig. du willst den Kontakt mit mir abbrechen.
Franzi: Warum sollte ich so was wollen?
Felix: An dem Tag danach haben wir ja im ICQ geschrieben
Felix: und dann hast du gesagt, dass es ein Fehler war und dass es dir Leid tut
Felix: und dich hab glaub auch gesagt, dass es mir Leid tut.
Felix: Und ab da an hab ich nix mehr von dir gehört.
Felix: Also dachte ich eher, dass du keinen Kontakt mehr willst.
Felix: Und ich konnte das verstehen und hab dich in Ruhe gelassen.
Franzi: Naja, ne du hast mich ca. ne Woche oder so danach angeschrieben und da konnte ich ja nicht schreiben und war gleich weg und dann hast du mich mal noch mal angeschrieben und da hab ich, dachte ich eig., nicht den Eindruck gemacht, dass ich noch irgendwie böse oder sonst was in der Art wäre. Aber da warst du ja dann gleich wieder weg.
Franzi: Und da ich nicht wusste, wies in dir aussieht, bin ich mal davon ausgegangen, dass du nie wieder Kontakt willst und so.
Felix: Ja, siehste. Ich glaub wir sind da irgendwie aneinander vorbei geraten.
Franzi: Mhm, wahrscheinlich.
Felix: Also von mir aus gesehen wollte ich den Kontakt nicht beenden.
Franzi: Ich eig. auch nicht.
Felix: Na dann. :-)
Franzi: Mhm jo.
Felix: Erzähl mal was. Was hast denn das letzte Jahr alles gemacht?
Franzi: Zuviel, als dass es hier in ein Fenster passt.
Franzi: Und du?
Felix: Kann ich auch sagen.

Dass er mich angeschrieben hatte, kam so überraschend, dass ich gar nicht wusste, was ich schreiben sollte. Ich war echt überfordert. Da war ich doch fast ein Jahr lang der festen Überzeugung, Felix sei doch das Arschloch, dass er immer versprochen hatte nie zu werden. Und dann schreibt er mir einfach so und alles Schlechte was ich über ihn gedacht hatte, scheint falsch zu sein. Alles war nur ein Missverständnis.
Zwar war ich anfangs schon ziemlich glücklich darüber wieder mit ihm zu schreiben und so, jedoch blieb ich diesmal auf dem Boden der Tatsachen. Ich wusste, dass dieses Schreiben mit ihm eine einmalige Sache war und machte mir keine Hoffnungen, dass wir doch jemals wieder zueinanderfinden würden. Und ich behielt Recht.
Felix schrieb mich nach unserer "Versöhnung" nochmals an und danach war es so wie auch schon die Monate zuvor. Selbst als ich ihm nach fast zwei Monaten zum Geburtstag gratulierte, kam kein Danke oder ähnliches. Es war nicht mehr so wie früher und es würde nie wieder so wie früher werden.

*****

Jan und ich sind mittlerweile wieder zusammen. Noch am selben Abend (naja, eigentlich war es schon Nacht), an dem ich die Begegnung mit Drogen-Daniel hatte, haben wir nochmals über alles geredet und bereits am nächsten Tag waren wir wieder zusammen. Als ich dann am darauffolgenden Tag die Unterhaltung mit Felix führte, war ich mehr als glücklich über meine Entscheidung.

Auch reden Celina und ich wieder miteinander. Als wir zufällig mit demselben Bus fuhren, es war Mitte Oktober oder so, setzte ich mich einfach neben sie und fragte, wie es denn so geht. Seither schreiben wir wieder im ICQ und setzen uns im Bus nebeneinander. Mehr aber nicht. Auch aus uns werden nie wieder die Freundinnen, die wir mal waren. Zuviel ist schon passiert und zuviel haben wir voneinander verpasst. Jeder lebt sein eigenes Leben - ohne den jeweils anderen.

*****

Früher war es unvorstellbar für mich, ohne Felix zu leben. Früher war ein Tag, ohne mit ihm geschrieben zu haben, ein verlorener, ein sinnloser Tag. Heute ist es Alltag. Und es ist besser so.
Felix hatte mich daran gehindert mich zu entfalten. Ich wollte immer so sein, wie es ihm gefallen könnte. Fühlte mich teilweise als Schauspielerin, wenn ich in seiner Nähe war. Und durch seine undefinierbare Art verunsicherte er mich ständig und ich hatte das Gefühl mich ändern zu müssen. Einfach nur für ihn interessant sein. Das war mein einziger Wunsch. Und letztendlich versagte ich. Zum Glück.
Ich denke nicht, dass er mich hätte glücklich machen können. Die ganzen Mädchen, die er ständig um sich herum hatte, seine kindische Art, die ein ernstes Gespräch nur sehr selten möglich machte und… Es passte einfach nicht. Für mehr als Freunde waren wir einfach nicht bestimmt. Und ich wusste es von Anfang an. Bei meinem Tagebucheintrag vom September 2007, in dem sein Name zum ersten Mal erwähnt wird, steht direkt daneben: Das mit uns wird aber nie was. Was ich auch gut finde. Allein schon wegen Celina. Und wenn nicht das: Die Tatsache, dass er sich null für mich interessiert, verhindert sowieso schon jegliches Zusammenkommen. Im Moment bleibt mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten, dass die Gefühle nachlassen, ich merke, dass Felix ein Arschloch ist und ihn schließlich nicht mehr mag. Nein, im Ernst. Er und ich? Niemals!
Jan hingegen ist toll. Er ist das komplette Gegenteil von damals. Und das Wichtigste: In seiner Gegenwart bin ich, ich selbst. Ich fühle mich wohl in seiner Nähe. Er lässt mich so wie ich bin und ich habe auch nicht das Bedürfnis mich ändern zu müssen.

*****

Elena hatte mal gesagt: "Felix war schon immer die große Liebe und er wird es auch immer bleiben." Und da Elena meine Seelenverwandte ist und mich und mein Ich besser kennt als irgendjemand anderes, darf sie auch einen so gewagten Satz in den Raum stellen.
Denn ich denke sie hat Recht.
In meinem Leben hatte ich noch nie diese Gefühle, die ich bei Felix hatte. Doch trotz diesen Gefühlen, muss ich loslassen. Ich kann ihm schließlich nicht ewig hinterher trauern.
Jedoch wird es wahrscheinlich noch sehr, sehr lange dauern, bis ich über ihn hinweg bin. Falls ich das jemals schaffe. Und selbst wenn ich es schaffe - an ihn denken, werde ich mein Leben lang.

Ich bereue es nicht, ihn kennengelernt zu haben. Und ich bereue auch nicht, was damals auf dem Jahrmarkt passiert ist. Jan gegenüber tut es mir zwar leid, aber ich weiß ganz genau, wenn es nicht passiert wäre, dann würde ich mich wohl heute noch fragen, wie es ist.
Jedoch bereue ich, dass ich auf ihn hereingefallen bin. Dass ich ihm alles glaubte, ihm blind vertraute. Dass ich ihm soviel Macht über mich gab. Dass ich letztendlich nur seine Marionette war.
Und es tut so weh. Zu wissen, dass das was dir so wichtig war, eine einzige Lüge ist. Dass du so leicht beeinflussbar bist. Dass er sie wahrscheinlich küsst, während du heulend auf dem Bett liegst und euer Lied anhörst. Dass er sich nicht einmal mehr an dich erinnert. Es tut einfach nur weh, dass ihm egal ist, wie sehr du leidest. Und, dass er es auch niemals wissen wird - weil Herzen lautlos brechen.

2.11.10 21:33





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