troublebreathing ♥
Kapitel 24 - So wie du mir den Kopf verdrehst, hab' ich danach ein Schleudertrauma

Meine Beine fühlten sich an wie Gummi, meine Arme waren taub, mein Herz fuhr mal wieder Achterbahn, meine Gedanken flogen sinnlos in meinem Kopf rum und ich bekam keine Luft mehr. Klare Anzeichen dafür, dass Felix in der Nähe war.
Ich war noch eine Station von seiner entfernt und hatte Angst, dass ich es bis dahin nicht mehr überleben würde. Ich fragte mich, ob ein normaler Mensch so ein Chaos in seinem Körper, wie ich ihn hatte, überhaupt überleben könnte. Wo war wohl die Grenze? Ich hatte Angst davor die Grenze zu überschreiten.
Als ich Felix schon an seiner Haltestelle stehen sah, raste mein Herz noch schneller, was eigentlich unmöglich war, da ich angenommen hatte, es hätte seine Höchstgeschwindigkeit längst erreicht. Also ich bin der festen Überzeugung, dass mein Herz eindeutig den anstrengendsten Job in meinem Körper hat. Was das arme Ding schon mitmachen musste… Unglaublich!
Felix stieg schließlich in den Bus ein, entdeckte mich sofort, setzte sich mit einem Lächeln neben mich und begrüßte mich mit seiner gewohnt lässigen Art. Und wie immer roch er so gut. Es war derselbe Geruch, den ich schon seit beinahe zwei Jahren kannte und abgöttisch liebte. Ich hätte am liebsten gekotzt vor lauter Gefühle.
An diesem Tag fuhren wir zusammen in die Schule, um auf dem Plan zu gucken, wer wann zur mündlichen Prüfung muss. Und danach wollten wir noch in die Stadt und etwas einkaufen gehn. Das war das erste Mal, dass Felix und ich so was vorhatten. Bis zu diesem Tag waren wir einmal alleine weg. Und das war schon über ein Jahr her. Ich hatte mal wieder tierisch Angst, dass ich ihn langweilte. 
Unterwegs quatschten wir das übliche Zeug, was auch im ICQ zur Aussprache kam. Mehr oder weniger sinnlose Gespräche also. Und ich war überrascht, wie entspannt ich das nach einiger Zeit anging. Ich zitterte und stotterte nicht mehr ständig. Auch meine Beine hatten irgendwann wieder ihre normale Konsistenz. Alles war einfach nur… Perfekt. Bis auf eines. Und das waren meine Gedanken. Denn leider empfand ich für Felix noch immer nicht nur Freundschaft. Ich hasste mich dafür. Und es kotzte mich an. Ich hatte keine Lust mehr, neben ihm zu sitzen und mich ständig zu fragen, was wohl in seinem Kopf, in seinem Herzen vor sich ging. Ich hatte keine Lust mehr, ihn zu beeindrucken, wie ich es ständig mit blöden Kommentaren versuchte. Ich hatte keine Lust mehr auf diese Gefühlsscheiße. Freundschaft war das, was ich mir sehnlichst wünschte. Eine ganz normale Freundschaft.
Mittlerweile war es kurz vor zehn, als wir in der Stadt ankamen und uns auf den Weg zum Friseur machten. Felix brauchte mal wieder einen neuen Haarschnitt und hatte mich tatsächlich gefragt, ob ich ihn begleiten würde. Natürlich würde ich. Aber vor allem nur deshalb, dass ihm den Friseurtermin ausreden konnte.
"Willst du denn wirklich zum Friseur?", fragte ich verzweifelt. "Deine Haare sind im Moment echt perfekt."
"Danke, aber ich will sie trotzdem schneiden lassen."
"Aber wieso? Mit kurzen Haaren siehst du echt scheiße aus."
"Woow!", lachte er. "Danke für deine Offenheit. Aber ich lass' sie ja nicht total kurz schneiden. Nur paar Zentimeter."
"Hmm… Vielleicht könnte man aus den Zentimetern, Millimeter machen?"
"Wenn du so weiter machst, lass ich mir 'ne Glatze schneiden", drohte mir Felix.
Nach dem Friseur brauchte Felix noch unbedingt ein neues T-Shirt, weshalb wir zuerst in so 'nem Omaladen und danach im New Yorker waren. Zusammen suchten wir nach etwas Passendem und er probierte diverse T-Shirts an. Im New Yorker würde ich mich niemals trauen in den Umkleidekabinen umzuziehen. Die haben an der Seite einen Spalt von mindestens fünf Millimeter, weshalb man andere locker beim anprobieren beobachten kann. Außerdem haben große Menschen die Arschkarte gezogen, da der Kopf oben immer rausguckt und das sieht mehr als total dämlich aus. Selbst bei Felix, der ja auch nicht unbedingt klein war.
"Und?", fragte er mich, als er aus der Kabine kam.
"Mhm… Naja…"
"Ja, ich finds auch nicht so super", meinte er und betrachtete sich im Spiegel. "Das fühlt sich auch voll seltsam an. Fass mal an."
Und plötzlich stand er vor mir und strich sich mit der Hand über den Bauch. An der Stelle hatte das T-Shirt irgendein Tier oder so drauf, was der Grund für das seltsame Gefühl war.
"Ähm... Okay…", sagte ich und strich ihm ebenfalls über den Bauch. Und schon kribbelte alles wieder in mir. Scheiße!, dachte ich und nahm die Hand wieder weg. Felix sah mich fragend an. "Äh… Ja, echt… Irgendwie… Nicht schön. Nimm was anderes", sagte ich und tat so, als würde ich nach einem anderen T-Shirt suchen.
Nach über 'ner Stunde hatten wir endlich ein T-Shirt gefunden, das Felix gefiel und konnten weiterziehen. "Also ich brauch' dringend noch neue Chucks. Vorzugsweise in schwarz", teilte ich ihm mit, als wir den New Yorker verließen.
"Wieso schwarz?"
"Ich hab' noch keine schwarzen Chucks, aber ich brauch welche für mein Abschlussballoutfit."
"Für den Abschlussball brauchst du schwarze Chucks?", fragte mich Felix erstaunt. "Was ziehstn du da an?"
"Naja, ich hab' doch kein Abschlusskleid gefunden und da meinte Elena ich solle mich halt… Franzilike anziehn", erklärte ich ihm. "Und das bedeutet ein schwarzer Mini, schwarzes Oberteil, schwarze Strumpfhose und natürlich schwarze Chucks."
"So gehst du zum Abschlussball? Wow!"
"Ja, mir fehlt allerdings noch der Rock, aber da geh' ich mit Elena einkaufen."
"Wieso? Ich kann dir doch auch helfen."
Ich sah ihn unsicher an. Niemals würde ich mit Felix einen Rock kaufen gehen. Ich mit meinen total hässlichen Beinen ohne Strumpfhose in einem Minirock sollte mich von Felix begaffen lassen? Niemals!
"Du, das ist schon okay", versuchte ich mich rauszureden. "Ich mach das mit Elena. Weißt du, wir haben dieselbe Vision, was mein Abschlussoutfit angeht und das macht das Ganze einfach leichter…"
"Ja, aber vielleicht finden wir ja doch was zusammen."
Ich seufzte. "Ja, vielleicht. Aber jetzt sind erstmal die Schuhe dran."
Also waren wir Schuhe kaufen ("Die sind scheiße!" - "Warum?" - "Die sind so komisch gebunden." - "Bind sie halt neu und anders." - "Kann ich aber nicht." - "Dann mach ichs dir halt." - "Kann man jetzt auch falsch verstehen…" - "…" ) , und danach im Media Markt. Felix wollte unbedingt an der PS3 Fußball spielen. Natürlich hat er ständig gewonnen. Wir standen bestimmt eine Stunde vor der Konsole, als wir uns auf den Weg zum C&A machten. Ich brauchte ja noch immer einen Rock, was Felix leider nicht vergas. Während wir also gemütlich durch die Gänge schlenderten, lief im Hintergrund Ein Kompliment von den Sportfreunden Stiller. Ich bekam natürlich sofort heftiges Herzklopfen und Gänsehaut, da es ja sozusagen unser Lied war. Felix wiederum fragte, als hätte er meine Gedanken gelesen, ob ich das Lied kannte.
Wenn du nur wüsstest, dachte ich, dass du all das für mich bist, was Peter da so schön ins Mikrofon singt.
"Ja, ich kenn das Lied", antwortete ich ihm. "Und ich finds wahnsinnig schön."
"Mhm… Das ist es echt. Aber die Unplugged-Version find' ich persönlich besser."
"Ohjaaa, ich auch", sagte ich wahrheitsgemäß.
Nachdem wir alle drei Stockwerke nach einem passenden Rock abgesucht und nichts gefunden hatten, machten wir uns auf den Weg in den Müller. Ich weiß bis heute nicht mehr, was wir da eigentlich wollten. Doch irgendwie landeten wir dort in der Spielzeugabteilung und wurden melancholisch.
"Guck mal!", sagte ich und zeigte auf die Playmobilabteilung. "Unglaublich was es heute alles gibt! Eine Kirche, Arche, Schule… Meine Mutter kann froh sein, dass ich keine fünf mehr bin. Ich würde wahrscheinlich solange nicht Ruhe geben, bis ich all das kriegen würde. Oh mein Gott! Es gibt sogar eine Turnhalle. Eine Turnhalle!", ungläubig schüttelte ich den Kopf.
"Ich hab' früher immer mit der Polizeistation gespielt", gestand Felix.
"Wuah, ich hatte das Traumschloss. Das alte Traumschloss. Das Neue hat ja nur noch zwei Stockwerke. Find' ich scheiße."
Felix grinste. "Du hattest das Traumschloss?"
"Ja, aber bei mir war es nur ungefähr ein halbes Jahr ein Schloss. Danach wurde es zu 'nem seltsamaussehenden Familienhaus. Und ewig lang hab' ich mich darüber aufgeregt, dass ich dieses alte Familienhaus nie hatte. Das fand ich immer toll."
"Ach… Das warn noch Zeiten…", meinte Felix und schien in Gedanken - genau wie ich - mindestens zehn Jahre zurückzureisen.
Eine Sache, in der wir uns so ähnlich waren und ohne Worte verstanden. Wir vermissten beide die alten Zeiten. Wir vermissten es, keine Verpflichtungen zu haben. Mit Playmobil zu spielen. Einfach Kind zu sein. Wir wurden beide viel zu früh in die Erwachsenenwelt geschmissen und litten unwahrscheinlich daran. Es war uns einfach alles zuviel.
"Dass es eine Schule von Playmobil gibt, finde ich echt unglaublich! Aber noch unglaublicher finde ich das mit der Turnhalle! Das wäre früher perfekt für mich gewesen! Muss ich unbedingt in mein Tagebuch schreiben", scherzte ich.
"In dein Tagebuch?", fragte mich Felix während er sich die neuesten Hot Wheels ansah. "Wie oft steh' ich denn da drin?"
"Ach nicht oft… Nur so um die hundert Mal oder so", antwortete ich gespielt lässig.
Felix hingegen lachte verlegen. Seine Frage war tatsächlich ernst gemeint.
"Lego fand ich auch immer toll", meinte er irgendwann.
"Groß oder klein?"
"Natürlich die Kleinen."
"Ich mochte nur Duplo. Bei dem kleinen Lego fand ich die Figuren so hässlich, die Fenster aber toll."
Felix lachte.
Wir waren noch kurz beim Eis essen und dann wurde es langsam Zeit für mich zu gehen. Es war mittlerweile kurz vor fünf und Lucy war schon seit dem Morgen alleine zu Hause, da meine Mutter für paar Tage verreist war. Ich hatte ein irre schlechtes Gewissen und hasste mich dafür. Wegen Felix ließ ich meinen Hund den ganzen Tag alleine. Aber ich kam von Felix nicht los. Er war wie eine Droge. Und wenn er sagte "Spring!" dann sprang ich auch. Ich hätte wahrscheinlich alles für ihn getan.
Aber der Tag endete schließlich und als Felix an seiner Station ausstieg, meinte er noch, dass er den Tag echt cool fand und wir das mal wiederholen könnten. Mein Herz freute sich natürlich wahnsinnig darüber und schien am liebsten aus meinem Körper heraus zu wollen, um Felix das persönlich mitzuteilen.

Drei Tage bevor es passierte, waren Felix und ich im Kino. Wir hatten seit mittlerweile zwei Wochen den Realabschluss in der Tasche und kamen uns in der schulfreien Zeit näher denn je. Zum damaligen Zeitpunkt glaubte ich nun endlich das zu bekommen, was ich mir schon seit zwei Jahren so sehr wünschte… Felix. Alles schien dafür zu sprechen, dass wir zusammenkommen würden.
Was Jan betraf… Unsere Beziehung war so gut wie beendet. Ständiger Streit regierte über unsere Beziehung. Liebevoller Umgang oder ernste Gespräche gab es schon lange nicht mehr. Alles war herzlos und grob. Selbst sein Versprechen, er würde die Nacht von damals, als er mich ständig weckte und blöd anmachte, wieder gut machen, hielt er nicht ein. Ich sagte ihm, ich will etwas, was umsonst, aber doch teuer ist. Dass ich damit Zeit meinte, kapierte Jan nicht. War wohl doch zu hoch für ihn. Denn stattdessen formte er mit buntem Marzipan ein Ich liebe Dich. Auf die Frage, was ich damit machen sollte, meinte er nur: "Essen." Dabei wusste er ganz genau, dass ich nichts mehr hasse als Marzipan und davon kotzen muss. Das Resultat von seiner unnötigen "Bastelei" war die, dass ich nur noch enttäuschter von ihm war.
Auch schien Jan es nicht mal zu interessieren, wenn ich alleine mit Felix in die Stadt geschweige denn ins Kino ging. Er hatte entweder meine Gefühle für ihn vergessen oder es war ihm tatsächlich egal.

Der Film, in den wir gingen, war Harry Potter. Nicht, dass ich totaler Fan davon bin, im Gegenteil. Die Filme fand ich eigentlich mit der Zeit immer langweiliger, aber die Tatsache, dass ich mit elf angefangen hatte, die Filme zu sehen, ließ sie mich auch weiterhin angucken. Es war so in der Art wie "ich mag die Filme zwar nicht wirklich, aber ich hab' angefangen sie zu gucken und werde das deshalb auch bis zum Schluss durchziehen". Außerdem ging es bei dem Kinobesuch weniger um den Film und dafür vielmehr um meine Begleitung.
Als wir den Kinoeingang betraten, kamen uns Celina und ihr Freund, den sie laut Felix schon seit einem halben Jahr hatte, entgegen. Celina begrüßte Felix und mir schenkte sie ein verwirrtes Lächeln. Seit bald einem Jahr hatten wir nun schon keinen Kontakt mehr und dadurch, dass auch der Kontakt zwischen ihr und Felix nicht mehr der Beste war, konnte sie auch nicht wissen, was sich da gerade zwischen ihm und mir abspielte.
Was den Film und das Drumherum betraf: Es war okay. Es war lustig und dieses Mal war es bei Weitem nicht so verkrampft wie beim ersten Mal vor einem Jahr. Aber es war nicht das Highlight in meinem Leben.
Da wir in der Spätvorstellung waren, verließen wir erst um kurz vor Mitternacht das Kino und da die Kinobetreiber und die Busunternehmen sich nie absprachen, kam der nächste Bus erst in einer halben Stunde. Und da niemand am nächsten Tag zur Schule musste, konnte ich es diesmal endlich nachholen. Wir machten uns auf den Heimweg - zu Fuß. Und genau das war es, was den Abend so wunderbar machte.
Es war eine herrliche Nacht. Wir hatten einen klaren Sternenhimmel und es war richtig schön warm. Und es gab nur Felix und mich. Wir quatschten unterwegs über Gott und die Welt. Und ab und zu zog er mich wegen meiner Spinnenphobie auf, da ich ständig irreale Spinnen vor mir sah (was ich übrigens nicht witzig fand, da ich das Gefühl hatte, je mehr ich mit Felix zu tun hatte oder an ihn dachte, desto mehr Spinnen würden mir über den Weg laufen - Beispiel: In beinahe jedem Bus, mit dem ich damals fuhr, kletterte eine Spinne über meinem kopf hinweg - und das aber tatsächlich nur in der Zeit, in der Felix so präsent in meinem Leben war).
Als wir an der Schule oder vielmehr an dem Weg, der zur Schule hochführte, vorbeikamen, blieb er stehen. "Weißt du was jetzt der totale Kick wäre?", fragte er und sah mir herausfordernd in die Augen.
Ich ahnte was er meinte und fragte: "Du willst jetzt echt zur Schule hochlaufen?"
"Jaa! Das ist bestimmt voll Hammer!"
Ich sah zur Schule. Alles in der Richtung war stockdüster. Dder Weg, der den Hügel entlang hochführte, war voll mit noch düsteren Büschen und Bäumen und es gab kaum Beleuchtung.
"Was ist, wenn da oben irgendein kranker Mörder auf uns wartet?", fragte ich eher zum Spaß.
"Ach quatsch. Komm', bitte."
Und so ließ ich mich mitten in der Nacht dazu überreden einen Umweg zu gehen.
Wir waren noch nicht mal dabei, den Hügel zu erklimmen, da wurden wir oder eigentlich viel mehr ich, von einem Mann und seinem Hund, die einfach so aus dem Dunkeln auftauchten erschreckt. Felix fand das natürlich irre komisch.
"Wegen dir krieg' ich noch 'nen Herzinfarkt", keuchte ich, während er weiterlachte.
Schulen sind im Dunkeln echt unheimlich, besonders wenn sie so riesig sind, wie die unsere. Auf der Straßenseite gegenüber der Schule liegt etwas, was man gerade noch so als Wald durchgehen lassen kann. Als wir daran vorbeiliefen, meinte Felix: "Der ultimative Kick wäre jetzt, wenn wir…"
"-… Vergiss es!", unterbrach ich ihn. "Über dieses unheimliche Schulgelände laufen: Okay. Aber durch den Wald? Niemals!"
"Keine Sorge. Das wär' selbst mir zu krass."
"Ach ja? Was wäre denn, wenn nur ich es unheimlich finden würde und du nicht?"
Felix lachte. "Tja, dann würden wir jetzt da auch noch durchlaufen."
"Du bist fies."
"Manchmal schon, ja."
Nachdem wir eine Weile durch die spärlich beleuchteten Straßen liefen, kamen wir endlich in der Stadtmitte, wo es noch richtiges Licht gab, an. Ich würde nun am Liebsten sagen, dass wir schon eine halbe Stunde liefen, aber da ich zum damaligen Zeitpunkt völlig zeitlos war, kann ich leider nicht sagen, wie lang wir für diesen Weg brauchten. Ich schätze mal, es war eine halbe bis dreiviertel Stunde, aber da ich so ziemlich die Schlechteste im Schätzen bin, würde ich mich auf die Angabe lieber nicht verlassen.
"Irgendwie will ich noch nicht nach Hause gehn…", meinte Felix irgendwann. " Wir könnten noch was trinken gehn, oder …"
"-… Nackt durch die Stadt rennen."
"Wieso nackt?", fragt er verwirrt.
"Das frag' ich mich auch", lachte ich. "Aber es war ja auch nicht mein Vorschlag, sondern deiner. Schon vergessen?"
"What? Wann hab' ich denn so was gesagt?"
"Letztens im ICQ?", versuchte ich ihm auf die Sprünge zu helfen. "Du hast mich gefragt, ob ich Lust hab', mit dir nackt durch die Stadt zu rennen."
"Wieso hab' ich dich so was gefragt?"
Ich grinste. "Deine Hemmschwelle war nicht mehr ganz vorhanden. Hast du jedenfalls gesagt. Und ich denke, ich kann dir glauben, da du mich auch gefragt hast, ob wirs miteinander treiben."
"What?", Felix schien keine Ahnung zu haben, von was ich sprach.
"Ja, du hattest schon soviel getrunken, dass sich deine Hemmschwelle nach und nach abgebaut hat und wenn so was passiert, dann sagt man Dinge, die man sich im nüchternen Zustand niemals zu sagen traut."
"Heey, das weißt du von mir!", sagte er und tat so, als sei er stolz darauf, dass ich was von ihm wusste. "Langsam fällts mir wieder ein. Aber das mit dem nackt durch die Stadt laufen… Das glaub' ich dir nicht."
"Dann halt nicht", grinste ich ihn an.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass wir doch nach Hause gehen sollten und als wir an seiner Busstation ankamen, fragte er: "Also, wie sollen wirs machen? Sollen wir jetzt zu mir, mein Fahrrad holen und dann zu dir oder soll ich dir bei mir Asyl geben?"
Als er das fragte, war er so ernst wie noch nie. Er fragte mich tatsächlich auf eine ganz komplizierte Art, ob ich mit zu ihm kam und bei ihm pennen wollte! Und ich glaube, hätte ich meinen monatlichen Fluch nicht gehabt und gäbe es seinen Vater nicht, dann hätte ich mich tatsächlich darauf eingelassen. Ich mein' hallo? Felix fragte mich, ob ich bei ihm schlafen will? Seit fast zwei Jahren wartete ich sehnlichst darauf und… Oh Mann. Dann gab es diese doofen Gründe, es nicht zu tun. Natürlich weiß ich im Nachhinein, dass das mehr als klug war, doch in diesem Moment wars einfach nur… Beschissen.
Also machten wir uns auf dem Weg zum Weasley-Haus, das ewig weit von seiner Station entfernt lag. Wenn man von den umliegenden Nachbarhäuser ausging, wohnte Felix in einem Bonzenviertel. Zu Recht wahrscheinlich, denn ich kenne nicht viele oder sogar gar keine armen Leute, die in ihrem Garten einen riesigen, richtigen Pool stehn oder eigentlich vielmehr verbuttelt haben. Und da er einen Pool im Garten hatte und das Haus auch nicht unbedingt wie das einer Bauernfamilie aussah, ging ich mal davon aus, dass es in dieser Familie an Geld nicht fehlte.
"Aah, das Weasley-Haus", sagte ich eigentlich mehr zu mir selbst. "Alleine hätte ich es jetzt bestimmt nicht wiedergefunden. Aber ist ja auch schon 'ne Weile her, als ich das letzte Mal hier war. Und damals wars ja auch dunkel."
"Weasley-Haus?", fragte Felix. "Und wann warst du mal hier?"
"Als mein Vater dich hier nach dem Schlittschuhlaufen mit Celina hier abgesetzt hat?", erinnerte ich ihn. "Celina hat eure Haus doch als Weasley-Haus bezeichnet… Du weißt schon… Weasley… Harry Potter?"
"Aso, ja", sagte er etwas verlegen, während er sein Fahrrad holte, das an die Hauswand gelehnt war. "Da drüben wohnt übrigens Julian."
Ich folgte seinem Blick und meinte: "Da drüben? Das Haus mit dem Pufflicht?"
"Ja, genau, das ist sein Zimmer", lachte er.
"Ihr seid ja echt Nachbarn", bemerkte ich.
"Ähm, ja? Wieso hätte ich dich denn anlügen sollen?"
"Nein, ich konnte es mir nur nicht vorstellen."
Felix lachte wieder. "Du bist komisch."
Wir verließen das Bonzenviertel, erreichten dann endlich das Ende der Straße und liefen einen kleinen Hügel hinunter, als ich den wunderschönen Sternenhimmel erst so richtig bemerkte. Ich sah mich um. Wir befanden uns in einer Nebenstraße. Links von uns standen wenige kleine Häuser und rechts gab es eine riesige Wiese, auf der am Tag Schafe grasen. Die Atmosphäre, das Ambiente, der ganze Abend… Ich wollte nicht, dass es aufhörte. Meinetwegen konnte es für immer so sein. Also legte ich mich einfach auf die Straße.
"Was machst du da?", fragte mich Felix verwirrt.
"Heute haben wir einen besonders schönen Sternenhimmel", schwärmte ich und starrte in den Himmel.
Felix wartete einen Moment, schien dann aber zu merken, dass ich nicht vorhatte in nächster Zeit aufzustehen, legte sein Fahrrad ins Gras und setzte sich neben mich.
"So schön war er schon lange nicht mehr, finde ich", sagte ich nach einiger Zeit.
"Ja, irgendwie ist er schon schön", gab er schließlich zu und legte sich nun auch hin.
"Siehst du die Sternenkonstellation da?", fragte er und zeigte auf bestimmte Sterne. "Das ist der Große Wagen. Oder der Kleine. Auf jedenfall ist es ein Wagen."
Da ich das Sternbild kannte und selbst schon überlegt hatte, wie es wohl noch mal hieß, wusste ich sofort welches er meinte. "Das ist ein Wagen? Echt? Wow, ich hätte niemals gedacht, dass ich das mal wirklich sehe", sagte ich erstaunt. "Aber…"
"-… Aber?"
"Weißt du was ich mich gerade frage?"
"Nein?", sagte Felix und ich erkannte an seiner Stimme, dass er grinste.
"Wenn die Erde sich doch dreht, warum sieht man dann ständig dieselben Sterne?"
"Aber du siehst doch nicht ständig dieselben Sterne", meinte er.
"Naja, okay, wahrscheinlich nicht", sagte ich. "Aber das ist alles so arschlangsam. Und die Erde dreht sich doch eigentlich in 'nem Affenzahn. Warum ist es dann trotzdem so wies ist?"
"Puuh… Wenn ichs dir erkläre, verstehst dus bestimmt immer noch nicht."
"Nein, wahrscheinlich nicht", gab ich zu. "Ich schätze, das muss ich morgen… Naja, okay, wahrscheinlich ist heute schon morgen… Also heute googlen."
Und dann sahen wir schweigend den Sternenhimmel an. Und es war schön.
Für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen. Und es gab nur noch Felix und mich. Alles war perfekt. Nach einiger Zeit beschenkte mich das Schicksal sogar mit einer Sternschnuppe. Ich wünschte mir einen Kuss - von Felix. Nur einen Kuss. Mehr wollte ich nicht von ihm. Ich wollte nur wissen, wie es war. Oder doch nicht?
Um ehrlich zu sein, war die Sache mit dem Kuss, das Einzige, von dem ich wirklich sagen konnte: Das will ich! Denn damals hatte ich keine Ahnung was ich wirklich wollte. Ich liebte Felix. Ich liebte ihn so sehr, wie noch keinen anderen davor. Doch mit ihm zusammen sein? Das konnte ich mir niemals vorstellen. Obwohl Felix und ich so viele Gemeinsamkeiten hatten, konnten wir unterschiedlicher gar nicht mehr sein. Es hätte wahrscheinlich niemals mit uns geklappt. Das war mir von Anfang an klar. Und doch… Etwas in mir, wollte es trotzdem… Ich sag' ja: Ich war damals hin- und hergerissen.
Ich hab' keine Ahnung, wie lang' wir damals dort lagen, doch irgendwann machte sich die Realität bemerkbar und erinnerte mich daran, dass es noch andere Menschen und mein nicht allzu tolles Leben gab. Es kam also wie es kommen musste: Der Zauber verblasste, wir standen langsam auf und machten uns auf den Weg Richtung Heimat.
Dass es schon sehr spät sein musste, bemerkte ich daran, dass die Laternen bereits ausgeschaltet waren und der Heimweg somit stockdüster war. "Ich glaub' deine Mutter schläft schon", bemerkte Felix, als wir vor unserer Haustür standen.
"Mhm… Jaa, glaub ich auch…"
"Wenn du nicht mehr reinkommst, kann ich dir ja notfalls doch noch Asyl anbieten", grinste Felix.
"Super", lachte ich.
Und das wars. Die Verabschiedung fiel nämlich spärlich aus. Nach dem "Also gute Nacht" folgte das "Bis dann" und weg war er. Aber was hatte ich auch erwartet? Eine Liebeserklärung mit einem romantischen Kuss als Krönung direkt vor dem Zimmerfernster meiner Mutter? Sicher nicht. Wobei ich natürlich schon enttäuscht war, dass mein Sternschnuppenwunsch nicht in Erfüllung ging. Aber heute weiß ich, dass ich meinen Wunsch einfach nur präziser hätte stellen müssen.
Als ich das Haus betrat, öffnete mir meine Mutter überrascht die Vorflurtür. "Mit dir hätte ich heute ja gar nicht mehr gerechnet. Ich dachte du schläfst bei Jan."
Ich nuschelte etwas vor mich hin, was man als "Der muss doch arbeiten" durchgehen lassen konnte. Meine Mutter hatte ja keine Ahnung, dass ich an diesem Abend nicht mit meinem Freund im Kino war.
Sofort huschte ich ins Badezimmer, wünschte meiner Mutter noch eine gute Nacht und schloss die Tür schließlich hinter mir zu. Dass sie so plötzlich vor mir stand, brachte mich beinahe noch mehr aus der Bahn, als der gesamte Abend mit Felix. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich etwas Verbotenes getan und meine Mutter hätte mich dabei erwischt. Die Tatsache, dass die Vorflurtür jede Nacht abgeschlossen wurde und ich keinen Schlüssel dafür hatte, machte es auch nicht leichter. Wäre meine Mutter nicht gewesen, wäre ich tatsächlich nicht reingekommen und hätte Felix' Angebot womöglich doch annehmen müssen. In Gedanken malte ich mir aus, wie die restliche Nacht hätte werden können, wenn meine eigene Mutter mir nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Dabei vergas ich total, dass ich noch immer im Badezimmer stand und doch eigentlich duschen wollte. Während ich mich also meinen Klamotten entledigte, sah ich auf die Uhr und erschrak: Es war viertel nach zwei! Das erklärte nun auch den überraschten Blick meiner Mutter.
Gerade als ich mich unter die Dusche stellen wollte, bemerkte ich eine riesige, fette Spinne, die über unseren Badezimmerboden lief. Nach einigen Minuten Trance, schnappte ich mir den Lockenstabkarton und erschlug sie damit. Ich sag' ja: Je mehr Felix, desto mehr und vorallem auch desto größere Spinnen suchten mich heim.

7.9.10 21:56





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