troublebreathing ♥
Kapitel 14 - Der Blickkontakt

Es war soweit. Mit dem Jahrmarkt endete auch einen Tag später mein erstes Schuljahr auf der - mittlerweile nicht mehr allzu - neuen Schule. Ich hatte sechs Wochen Sommerferien vor mir - die Hölle! Wie sollte ich nur sechs Wochen ohne Felix überleben? Und das ausgerechnet jetzt, wo meine verschollenen Gefühle zurückgekehrt waren.
Noch keinen Tag Ferien und mir war bereits klar, dass dies die schlimmsten Ferien meines Lebens werden würden. Und die Tatsache, dass der Kontakt zwischen Felix und mir noch immer nicht existent war, war das i-Tüpfelchen. Dachte ich zumindest.
Doch wer hätte gedacht, dass das alles eine überraschende Wendung nahm? Dass ich nicht jeden Tag heulend am Computer saß, um nur darauf zu warten etwas von Felix zu hören? Denn ich schaffte es tatsächlich Felix zu vergessen. Und das nach bereits einer Woche!
Der Grund dafür war Steffen. Er war damals 21 und hatte noch nie eine feste Freundin. Wir kannten uns bereits seit zwei Jahren aus einem Chat und obwohl wir uns eigentlich ziemlich oft stritten, brach der Kontakt nie endgültig ab. Immer wieder hatten wir für ein, zwei Monaten Funkstille, die aber auch immer wieder durch einen von uns unterbrochen wurde. Schon seit dem Tag, an dem wir das erste Mal miteinander schrieben, fragte er nach einem Treffen. Ich war gerade mal 14, weshalb ich immer ablehnte. Zufälligerweise kam es zwei Jahre später, um genau zu sein vier Tage vor dem Ärzte-Konzert, zu einem ungewollten Treffen:
Celina, Sandra und ich hatten bereits einen schönen Abend in der Stadt hinter uns, als wir uns auf den Heimweg machten. Weil der nächste Bus erst in einer halben Stunde kommen sollte, beschlossen wir die 1 1/2 Stunden in Kauf zu nehmen und gingen, obwohl es schon nach zehn und dunkel war, zu Fuß nach Hause. Wir waren gerade mal 15 Minuten unterwegs, als uns in der Nähe von der Schule eine Gruppe von Jungs entgegen kam. Sie waren zu fünft und pfiffen uns, als sie an uns vorbeiliefen, hinterher. Außer einer: Steffen. Natürlich schickten wir uns in der Zeit, in der wir uns kannten, Bilder, aber es war etwas komplett anderes, wenn man dem Gegenüber dann in der Realität begegnet. Und als Steffen da an mir vorbeilief - anscheinend überlegte er auch, ob ich die bin, für die er mich hielt - sah er mir so intensiv in die Augen, wie es noch kein anderer gemacht hatte. Ich glaube wenn Blicke Sex haben konnten, dann hatten unsere Blicke richtig wilden Sex. Das war eindeutig Blickkontakt der besonderen Sorte.
Und seitdem war es noch schlimmer: Jedes Mal wenn Steffen und ich im ICQ schrieben, fragte er nach einem Treffen. Er meinte immer, wir hätten uns ja sowieso schon getroffen und jetzt müsste man das nur noch gewollt herbeiführen. Bis zu diesen Sommerferien lehnte ich immer ab, diesmal jedoch nicht wegen dem Alter, sondern, weil ich noch immer diese Angst vor einem Date hatte. Angst, dass ich ihn langweilte. Eben dasselbe Angst-Programm, wie auch schon damals bei Felix. Auch schreckte mich seiner Art immer wieder ab. Denn Steffen hatte so eine Art, vor der ich großen Respekt hatte. Er kam im ICQ immer so mächtig, desinteressiert und schweigsam rüber. Ich wusste einfach nicht wie ich mit ihm umgehen sollte. Doch als er  in diesem Sommer anfing Interesse an mir zu zeigen und gesprächiger zu werden, wollte ich ihn ebenfalls treffen. Es fühlte sich damals so an, als wäre ich ihn verliebt. Wie schon mit Felix, schrieben Steffen und ich bis weit nach Mitternacht und auch die Gespräche wurden intensiver und persönlicher. Also trafen wir uns.

An einem wunderschönen Sonntagnachmittag verabredeten wir uns am Bahnhof. Ich war mächtig aufgeregt und beinahe hätte ich wieder abgesagt, aber ich wollte es endlich versuchen. Schon als ich aus dem Bus ausstieg, erkannte ich Steffen, der vor einer riesigen Reklametafel auf mich wartete. Er hatte ein blaues T-Shirt an und sich einen roten Pullover um den Hals gebunden. Er sah recht gut aus.
Ich ging auf ihn zu und wir begrüßten uns. Ohne Händeschütteln oder eine Umarmung. Er lächelte mich zwar selbstsicher an, doch ich denke in diesem Moment waren wir beide gleich aufgeregt und wussten nicht was wir sagen sollten.
"Du bist ja total riesig", bemerkte ich nach kurzem Schweigen.
"Und du dafür so klein", lachte Steffen.
"Hmm... Also, was machen wir jetzt?", fragte ich, während ich Steffen zu seinem Auto folgte.
Steffen überlegte. "Naja, wie wärs, wenn wir in den Wald gehen und dort einen Spaziergang machen?"
"Hmm… Klar. Okay", war nur meine Antwort.
Ich weiß, es war eigentlich ziemlich dumm von mir. Ich alleine, mit einem 21-Jährigen, den ich nur aus einem Chat kannte… Aber heißt es nicht immer, dass man auf sein Bauchgefühl hören soll? Und mein Bauchgefühl sagte mir, dass Steffen weder ein verrückter Mörder, Vergewaltiger noch sonst etwas in dieser Art war. Meine Menschenkenntnisse lassen mich nur selten im Stich und bei Steffen hatte ich absolut keine blöden Gefühle. Meiner Mutter jedoch erzählte ich, dass ich an diesem Tag mit Sandra unterwegs war… Sie hätte mir bestimmt verboten zu diesem Treffen zu gehen.

Wir fuhren also durch die Stadt, auf der Suche nach diesem Wald, den ich nicht mal kannte. Als wir irgendwann tatsächlich an einem Wald vorbeikamen, meinte Steffen: "Hmm… Komisch. Hier konnte man früher eigentlich parken."
"Aha… Und jetzt?"
"Naja, sieht nicht so aus, als wäre hier noch irgendwo eine Parkmöglichkeit", sagte  er mehr zu sich selbst, während er weiter Ausschau nach Parkplätzen nahm. "Wir könnten auch woanders hinfahren… An den See zum Beispiel."
Ich war einverstanden.
Unterwegs quatschten wir über alles Mögliche und hörten Musik. Es war wirklich nicht mal halb so schlimm wie ich dachte. Wir hatten sogar richtig Spaß. Jedoch waren wir noch immer etwas unsicher, was sich bis zum See hinzog.

Am See angekommen (und nach ewig langer Suche nach einem Parkplatz), gingen wir spazieren. Es war eigentlich alles perfekt. Wir hatten richtig Glück mit dem Wetter und Steffen entpuppte sich als überhaupt nicht schweigsam. Er erzählte sogar ziemlich viel und kam nicht mal annährend so mürrisch rüber wie im Chat.
Nach mehr als einer halben Stunde des Gehens, setzten wir uns auf eine Bank und genossen den Moment. Irgendwann legte er jedoch seinen Arm um mich. Einerseits wollte ich das auch, aber andererseits ging mir das zu schnell, da ich keine Ahnung hatte, wo denn nun meine Gefühle waren. Und in diesem Moment wurde mir auch bewusst, dass ich echt ziemlich mutig war. Ich war über dreißig Kilometer von Zuhause entfernt. Steffen hätte mich einfach allein lassen können und ich hätte sehen müssen, wie ich nach Hause komme. So schnell wie dieser Gedanke kam, schob ich ihn auch wieder beiseite. Niemals würde er mich hier alleine lassen. Also genoss ich einfach weiter, dass endlich jemand Interesse an mir zeigte. Nach immerhin 16 Jahren des Single-Daseins und fünf Jahren des Leidens.
Seit ich elf war, war ich nämlich ständig in irgendwelche Typen verliebt. Und nie klappte es. Mit elf verliebte ich mich in den Enkel unseres Nachbarn. Da Letzterer jedoch wegzog, sah ich ihn nie wieder. Trotzdem heulte ich mir noch zwei Jahre später deshalb die Augen aus. Nachdem ich es doch irgendwann schaffte, über ihn hinweg zu kommen, verliebte ich mich in einen 13 Jahre älteren Mann, den ich aus einem Chat kannte und nie gesehen hatte. Er wusste von meinen Gefühlen und natürlich bekam ich einen Korb. Was dachte ich denn? Ich war 14 und er 27. Durch meinen Liebeskummer lernte ich knapp ein halbes Jahr später Oliver - ein Christ aus Leidenschaft - in einem Chat kennen. Wir wohnten zwar fast vier Stunden voneinander entfernt, jedoch knisterte es gewaltig zwischen uns. Dachte ich damals jedenfalls. Er zeigte Interesse an mir und wollte sogar spontan zu mir kommen. Doch als ich ihm von meinen Gefühlen erzählte, meinte er, er lebe nicht für sich, sondern für Gott. Ein Jahr später, lernte ich Felix kennen. Und wieder ein Jahr später saß ich in Steffens Arme am See.

Als ich schließlich irgendwann auf die Uhr sah, erschrak ich: Es war schon sieben durch! Wir saßen seit fast drei Stunden schon auf dieser Bank! Und abgesehen davon, dass Steffen mir dauernd in den Ausschnitt geguckt hat, war es richtig schön. Gerne wäre ich auch noch länger dort sitzen geblieben, doch ich war 16 und meine Mutter dachte, ich sei mit meiner Freundin kurz in der Stadt ein Eis essen. Ich musste also so langsam nach Hause, wenn ich mir nicht noch ne Ausrede einfallen lassen wollte. Steffen fand es zwar schade, verstand es aber und so machten wir uns Arm in Arm auf den Rückweg zum Auto.
Ich setzte mich gerade auf den Beifahrersitz, als Steffen zum Spaß meinte, er würde mich nicht mitnehmen.
"Was?! Nein! Natürlich nimmst du mich mit!", lachte ich.
Mein Date sah mir lange in die Augen, bis er schließlich fragte: "Was krieg' ich dafür?"
Ich wusste genau was er wollte: Einen Kuss. Am See wäre es beinahe schon soweit gekommen, aber ich konnte nicht. Und auch als wir im Auto saßen konnte ich nicht. So blöde es auch klingt, aber irgendetwas hielt mich davon ab. Deshalb antwortete ich gespielt fröhlich: "Was du kriegst? Schläge."
Steffen sah mich enttäuscht an, bevor er losfuhr. Und urplötzlich hätte ich ihn doch liebend gerne geküsst. Oder doch nicht? Es war verrückt! In mir gab es ein ständiges Hin und Her. Im einen Moment wollte ich das Eine und im anderen Moment das Andere. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt. Und trotz dieser komischen Sache zwischen uns, verlief die Heimfahrt, wie auch die Stunden davor, gesprächig.
Endlich am Bahnhof angekommen, saßen wir noch kurz schweigend nebeneinander.
"Also, ich fand den Tag echt sehr schön", durchbrach Steffen schließlich die Stille.
"Ja, doch. War schon echt schön", ich sah ihn unsicher an. "Also, dann… Bis… Dann?"
"Ja, bis dann."
Und schon war ich weg.

Die Tage nach diesem… Date… Sind mir bis heute ein Rätsel. Ich vermisste Steffen und heulte mir bis Mittwoch die Augen aus dem Kopf, weil ich nicht wusste, was er für mich empfand. Als wir am Montagabend miteinander schrieben, schrieben wir nicht sehr lange und auch nur über Banales, aber keinesfalls über den vergangenen Sonntag. Das machte mich so fertig, weil ich dachte, ich hätte ihn mit meinem Farin-Gerede abgeschreckt. Ich mein', da treffen wir uns nach so langer Zeit endlich und dann sagt der nichts dazu! Wer macht denn so was? Also ich nicht. Und er zum Glück auch nicht. Denn am Mittwoch kam es endlich zum langersehnten Gespräch.

Steffen: Hmm… Wie fandest eigentlich den Sonntag wirklich?
Franzi: Also ich fand ich schon schön. Und so.
Steffen: Ja, ich auch.
Franzi: Echt? Naja, ich dachte, ich hätte dich genervt oder so… Weil ich doch soviel über Farin geredet habe…
Steffen: Quatsch. :-)
Franzi: Gut. ^^
Steffen: Wir könnten es ja wiederholen.
Franzi: Klar. Gerne.

Ich war so glücklich! Er mochte mich immer noch und wollte mich sogar wieder treffen! Einzig und allein die Tatsache, dass er mich nicht noch mal, wie er es vor unserem Treffen schon getan hatte, gefragt hatte ob wir zusammen sein sollen, stimmte mich deprimierend. Und ich konnte ihn unmöglich danach fragen… Das ist ja… Nein… Unmöglich. Also blieb mir keine andere Wahl als zu warten.
Zum Glück habe ich gewartet. Denn einige Tage vor unserem zweiten Treffen, das knapp zwei Wochen später stattfand, kam mir etwas dazwischen. Blöderweise wurde ich durch ein Bild, auf einer gewissen Schülerseite, an Felix erinnert. Und meine Gefühle für ihn waren stärker denn je. Keine Ahnung wie die trotz nicht Existenz des Kontaktes so stark werden konnten. Aber nur bei dem Gedanken an ihn, bekam ich Bauchkrämpfe der besonderen Art und ich hatte das Gefühl, als wütete ein Tornado in mir. Ich heulte. Ich heulte, weil ich Gefühle für jemanden hatte, der sie nie erwidern könnte und dafür keine Gefühle für jemanden hatte, der dafür umso mehr für mich hatte. Mir war klar, dass ich unmöglich mit Steffen zusammen sein konnte.
Kurz spielte ich mit dem Gedanken, es trotzdem mit ihm zu versuchen, in der Hoffnungen, die fehlenden Gefühle würden doch noch kommen. Doch was brachte das? Selbst wenn ich doch irgendwann Gefühle für Steffen aufbringen konnte… An die Gefühle, die ich für Felix hatte, würden sie niemals rankommen.
Blöderweise entschied ich mich erst in der Nacht vor dem Treffen für ein Nichtzusammenkommen mit Steffen. Und da ich keine Nummer hatte und er davor nicht online kam, konnte ich ihm nicht mehr absagen. Also musste ich mich in die Hölle des Löwen wagen und ihm persönlich vom aktuellen Stand der Gefühle berichten.
Schon während der gesamten Busfahrt legte ich mir meine Sätze zurecht und spielte die kommende Situation mehrmals im Kopf durch. Mir war natürlich völlig klar, dass das für die Katz' war, da ich, wenn ich erst einmal vor dem Löwen stand, alles wieder vergessen hatte. Aber ich brauchte das um eine gewisse Sicherheit zu haben.
Und dann war es soweit. Ich stand schon eine Weile vor der Reklametafel vom letzten Mal, als Steffen schließlich mit seinem blauen Auto einige Meter von mir entfernt parkte. Er stieg nicht aus, sondern wartete darauf, dass ich zu ihm in den Wagen stieg. Ich atmete tief ein, ging wie in Trance zu seinem Auto und stieg schließlich ein.
Ich hatte sein Gesicht noch keine Sekunde gesehen und hatte schon ein schlechtes Gewissen. Er sah mich richtig verliebt an und sah so glücklich aus. Und in wenigen Sekunden war ich diejenige, die dieses Glück zerstörte.
"Steffen, das tut mir so Leid, aber ich kann nicht mit dir zusammen sein!", ich sprach rasend schnell und hoffte nur nichts wiederholen zu müssen.
Steffen lächelte mich unsicher an. "Ähm, okay."
Verzweifelt quasselte ich weiter: "Weißt du, ich mag dich schon und vielleicht wird das aus uns noch irgendwann etwas, aber im Moment gehts einfach nicht, weil ich jemand anders noch zu sehr liebe."
Ich war den Tränen nahe und auch Steffen sah nicht unbedingt glücklich aus, lächelte aber tapfer: "Okay… Ja… Sollen wir dann trotzdem noch zu mir?"
"Nein, das würde nur komisch werden…", antwortete und ich sah rechts aus dem Fenster.
Ich entdeckte Steffi, die mit einer Freundin einige Meter neben uns stand und überlegte was ich nun tun sollte. Wobei ich weniger überlegte, sondern vielmehr einfach mit den Gedanken weit, weit weg war. Für einen kurzen Moment stand die Zeit still. Ich hörte nichts, ich sah nichts, ich dachte nichts. Für einen kurzen Moment, existierte ich nicht.
"Hallo?", Steffen sah mich fragend an.
"Hmm? Was?"
"Ich hab' gefragt, ob ich dich dann wenigstens nach Hause fahren soll?"
"Ähm, nein… Das ist irgendwie falsch", fing ich an. "Ich… Naja, da vorne steht 'ne Freundin von mir und ich werde kurz da hin gehen und dann mit dem nächsten Bus nach Hause fahren."
"Okay…"
Verzweifelt sah ich Steffen an. "Es tut mir wirklich so Leid. Und ich hoffe du bist mir nicht böse."
"Nein", sagte er zwar, doch ich wusste, dass es eine Lüge war.
Schließlich öffnete ich die Wagentür und ging mit zitternden Knien und Tränen in den Augen auf Steffi zu, während Steffen davonfuhr. Vor Steffis überraschten Augen, brach ich heulend zusammen.

12.4.10 15:56





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