troublebreathing ♥
Kapitel 13 - Nur einen Kuss... Mehr will ich nicht von dir...

Der Jahrmarkt ging am nächsten Tag in die zweite Runde. Diesmal war ich mit Celina und Sandra verabredet. Wir gingen in der Hauptschule in dieselbe Klasse. Als  Celina und ich weiterhin zur Schule gingen, fing Sandra ihre Ausbildung in einer Bäckerei an, weshalb sie immer weniger Zeit hatte und wir uns kaum noch sahen.
Als ich an der Bushaltestelle, wo wir uns treffen sollten, ankam, warteten meine Freundinnen bereits auf mich. Sandra begrüßte mich sofort mit einer Umarmung, während Celina nur ein leises "Hi" für mich rausquetschte. Es war richtig komisch zwischen uns. Und so blieb es auch den restlichen Abend über. Wobei unser gemeinsamer Abend nicht wirklich lang anhielt. Nach ungefähr einer Stunde wurde sie nämlich von Julian, mit dem sie ebenfalls verabredet war - uns aber nichts gesagt hatte -, abgeholt. Davor gesellte sich auch wieder Katja zu der Runde. Celina hatte Sandra und mir angeblich vergessen zu sagen, dass sie ebenfalls wieder dabei sein würde.
Also saßen wir schließlich zu dritt, abseits der Menge und waren alle wütend auf Celina.
Sandra war wütend, weil sie sich auf einen schönen Mädchenabend gefreut hatte.
Katja war wütend, weil sie sich von Celina verarscht fühlte.
Und ich war wütend… Keine Ahnung… Wegen allem irgendwie. Die vergangenen Wochen hatten wir uns wieder mal auseinandergelebt. Celina hatte keine Zeit mehr für mich. Lieber ging sie mit Katja von einer Party zur nächsten. Wenn ich gefragt hatte, ob wir nicht mal wieder etwas zusammen mit Sandra unternehmen sollten, war ihre Antwort immer dieselbe: "Oh, das tut mir jetzt aber Leid. Aber am Wochenende bin ich schon mit Katja verabredet. Und das kann ich echt nicht absagen. Weißt, die hat zurzeit Liebeskummer. Da kann ich die unmöglich alleine lassen. Aber vielleicht klappts ja beim nächsten Mal."
Es hatte nie geklappt. Und Katja ging es super. Wie konnte die überhaupt Liebeskummer haben? Die hat alles gevögelt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Vielleicht hatte sie Liebeskummer mit Sexkummer oder so verwechselt. Vielleicht war Katja auf Sexentzug und hatte deshalb Kummer.
Wahrscheinlich war das schon damals keine Freundschaft mehr zwischen uns. Immerhin wusste ich ja auch nichts von ihren angeblichen Gefühlen für Julian. Noch ein Grund weshalb ich wütend war. Sie war nie und nimmer in ihn verliebt! Genauso wenig wie sie damals in Felix verliebt war. Sie wollte nur einen festen Freund. Und es machte mich wütend, dass sie es auch schaffte. Wie alles. Sie bekam immer alles was sie wollte - weil sie ihren Mund nicht aufbekam. Sie ließ alles über sich ergehen. Und ich, die eben eine eigene Meinung hatte, zog immer die Arschkarte. Ich konnte machen was ich wollte - ich war immer der Arsch. Ich hätte mich wahrscheinlich durchs Leben lügen und meine Gefühle unterdrücken sollen. Vielleicht hätte ich dann auch wenigstens einmal Glück gehabt.

Irgendwann machten Katja, Sandra und ich uns schließlich auf den Weg zum nächsten Getränkestand, wo wir Celina Hand in Hand mit Julian, die anscheinend dieselbe Idee wie wir hatten,  trafen. Meinetwegen hätten wir die Beiden ignorieren und weitergehen können, aber Sandra schaffte es nicht. Sie musste unbedingt jetzt wissen, ob die Beiden denn nun zusammen sind: Das möchtegern-Traumpaar bejahte natürlich. Mehr wollte ich nicht hören und versuchte das restliche Gespräch zu ignorieren. Erst als Celina irgendwann eine Anspielung auf den Pommesfritze vom Vortag machte und daraufhin lachte, wurde ich hellhörig. Ich weiß bis heute nicht warum ich damals so ausgetickt bin. Vielleicht weil ich einfach todunglücklich wegen dieser Sache mit Felix war und super glückliche Pärchen überhaupt nicht ertragen konnte. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich Celinas Anspielung als Provokation empfand. Vielleicht, weil sich alles mal wieder vermischte. Und das ist nie gut.
So kam es dazu, dass ich sie wutentbrannt anschrie: "Halt einfach nur deine Fresse!"
Das hat gesessen. Erschrocken sah mich meine ehemals beste Freundin an. Ich wiederum sah auf den Boden. Keiner traute sich einen Ton zu sagen.
"Ich muss hier weg…", waren nur noch meine Worte, bevor ich mich von der Gruppe entfernte.
Und etwas was ich nie für möglich gehalten hätte geschah: Ausgerechnet Katja kam mir hinterher! Irgendwas lief an diesem Abend falsch. Das war so verrückt, das konnte nicht wahr sein. Eventuell drehte sich die Erde rückwärts oder ich wurde, ohne, dass ich etwas davon mitbekam, in eine Parallelwelt eingeschleust oder noch schlimmer: Ich war Opfer einer Reality-Show. Das Leben kann schon seltsam sein.
Nach einigen Metern blieben wir schließlich stehen und sahen uns an.
"Ich hab' keine Lust mehr auf sie und ihren ach so tollen Julian, von dem sie nicht mal was will!", war meine Entschuldigung für diesen peinlichen Abgang.
"Ich auch nicht", meinte Katja genervt.
Wow! Wir waren einer Meinung! Bis zu diesem Tag, hätte ich niemals gedacht, dass es jemals zu dieser Sensation kommt. Ich schätze an diesem Abend wurde das achte Weltwunder geschaffen. Und es ging noch weiter: Katja erzählte wie sehr sie von Celina genervt ist und, dass diese schon seit langem keine Zeit mehr für sie hätte, weil diese sich auf Parties nur noch an irgendwelche Typen ranmacht. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet Katja mich am besten verstand.
Leider wurde sie durch Sandra, die uns endlich gefunden hatte, unterbrochen.
"Hee, was ist denn mit dir los?", fragte sie mich fassungslos. "Celina musste mich zweimal fragen, ob ich dasselbe wie sie verstanden habe, weil sie es nicht glauben kann."
Ich überlegte gespielt. "Hmm… Nein! Ihr habt richtig gehört!"
"Aha. Und warum hast du das gesagt?", fragte Sandra verwirrt weiter.
"Weil sie mich ankotzt?", war nur meine Antwort. "Aber du, ich hab' grad echt keine Lust noch weiter darüber zu reden, okay?"
"Okay, ich ruf dich morgen mal an, dann reden wir nochmal…"
Ich seufzte. Etwas worauf ich mich nicht freuen konnte.
Während Katja und ich nun noch einen lustigen Abend erleben wollten, verabschiedete sich Sandra bereits - und das nach knappen drei Stunden! Sie meinte, sie hätte sich den Mädchenabend anders vorgestellt und ihr sei die Lust vergangen. Unser Angebot, noch etwas mit uns zu unternehmen, lehnte sie ab. Also blieben nur noch Katja und ich übrig. Die seltsamste Mischung, die es je gab. Und noch seltsamer: Wir hatten tatsächlich Spaß - und das ohne Alkohol.
Wir fuhren einige Fahrgeschäfte ("Fährst du das mit mir?" - "NEIN! Das geht über Kopf!" - "Ne, glaub nicht." - "Doch klar." - "Also ich glaub nicht." - "Okay. Ich fahr mit." - Und es fuhr doch über Kopf!) und hielten Ausschau nach Typen. Von Letzterem wurden wir einmal nach einem Kuss, der auf diesem Fest eine Art Tradition ist, gefragt. Er war ziemlich betrunken und sah höchstens aus wie 15. Ich lehnte ab - Katja natürlich nicht. Sie war ja schließlich Katja. Also küsste sie ihn.
"David! Du hast doch eine Freundin!", schrie eine fremde Stimme.
Hinter uns erschienen fünf Mädchen. Eine davon kannte ich von meiner Cousine. Sie mich natürlich nicht. Ist immer so. Ich erinnere mich an jeden noch so unscheinbaren Menschen - aber ich selbst werde vergessen. Eventuell überlege ich mir das doch mal mit den grünen Haaren.
"Häää?", war Davids Antwort. "Quatsch!"
"Doch klar! Du bist doch mit Anna zusammen!", schrie wieder eines der Mädchen.
"Echt jetzt?"
"Jahaaa! Also hör auf mit dem Scheiß!"
"Na dann…"
Und schon wankte David, begleitet von seinen Aufpassern, wahrscheinlich zum nächsten Mädchen. Auch Katja zog mich lachend weiter. Während wir durch die Menge schlenderten, gestand mir sie mir sogar, dass sie in einen Typen aus meiner Klasse verknallt war und nur darauf hoffte, ihn endlich zu finden. Als wir irgendwann am Pommesstand vorbeiliefen, gestand ich ihr den Grund für den Streit mit Celina. "Da vorne ist der Pommesfritze, über den Celina vorhin geredet hat…"
"Wo?"
"Na im Pommesstand", ich zeigte auf den Pommesfritze. "Der mit dem blauen Pullover."
Katja lachte: "Echt? Von dem willst du was?"
"Neeeiiin", stöhnte ich. "Ich find ihn nur total… Wuah! Und so…"
"Achso… Jaa… Also ich kenn den."
Überrascht sah ich sie an. "Wie du kennst den? Woher denn?"
"Ach, wir haben uns mal auf 'ner Party kennengelernt und gegenseitig getröstet, als wir Liebeskummer hatten. Irgendwann sind wir zusammengekommen. Aber wirklich lang hielt das nicht."
Wie klein die Welt doch ist.
"Mhm… und wie heißt der?"
"Er heißt Michael", grinste Katja. "Soll ich dich ihm vorstellen?"
Niemals!, dachte ich. Zu groß war der Scham wegen Julians Aktion vom Vortag.
"Nee, du… Lass mal lieber", antwortete ich. "Wie schon gesagt: Ich find ihn nur süß und so."
"Okay, dann halt nicht..."
Es war mittlerweile kurz vor zwölf und demnach Zeit für mich zu gehen. Mein Bus kam in wenigen Minuten und so verabschiedete ich mich von Katja, die noch länger bleiben wollte.
Obwohl der Abend seltsamer war, als eine dieser Freak-Shows, hatte ich doch Spaß. Und das ausgerechnet mit Katja. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie "Feinde" durch die gemeinsame Abneigung auf eine bestimmte Person zu "Freunde" werden. Verrückte Welt.

Die nächsten zwei Tage blieb ich Zuhause. Dazu gehörte auch ausgerechnet der Montag, an dem ich wohl besser mit Elena, Sarah und Steffi auf den Jahrmarkt gegangen wäre. Dann hätte ich nämlich Felix gesehen, wie ich durch meine Mutter erfuhr.
"Wir waren gestern mit Felix im Bus", erzählte mir meine Mutter am Dienstagmorgen.
Verdattert sah ich sie an. "Du hast Felix doch noch nie gesehen… Woher willst du dann wissen, dass er bei euch im Bus war?"
Meine Mutter lachte. "Bei uns im Bus war eine Gruppe von Jungs, die auch zum Jahrmarkt wollten. Zufällig sind wir dann denselben Weg wie die gegangen und an so 'ner Mauer hat ein blondes Mädchen einen der Jungs mit Felix angesprochen und nach dir gefragt."
"Hatte die ultra lange Haare und was Schwarzes an?", fragte ich.
"Ja, warum?"
"Elena ist so gut wie tod…"

Am Abend war ich praktischerweise mit Elena verabredet. Kaum hatten wir uns zur Begrüßung umarmt, tobte ich schon.
"Wie kannst du ausgerechnet Felix nach mir fragen?! Woher soll denn der bitteschön wissen wo ich bin? Wir hatten seit Freitag keinen Kontakt mehr! Oh Mann! Das ist sooo peinlich! Der wird was weiß ich was denken!"
Elena lachte. "Franzi?"
"Was hat er denn gesagt, als du ihn gefragt hast? Und wie sah er aus? Bestimmt wie immer: Geil."
"Naja…", fing Elena an. "Er hat nur mit den Schultern gezuckt… Und geil sah er nicht aus… Liegt aber vielleicht daran, dass ich nichts von ihm will… Und ich dachte ja eigentlich, du wärst jetzt endlich über ihn hinweg…"
Ich jammerte. "Jaaa, ich war so gut wie immun gegen ihn und dann kommt so was Beschissenes wie der Jahrmarkt…"
"Was ist denn passiert?"
Auf dem Weg zum Jahrmarkt, erzählte ich ihr die Geschehnisse vom vergangenen Freitag. Elena war total geschockt, über meine wiedergekommenen Gefühle für Felix. Und nachdem wir das Thema Felix fast eine halbe Stunde durchdiskutiert hatten, erzählte ich ihr vom Samstag. Daraufhin war sie noch geschockter. Einerseits weil sie nicht glauben konnte, dass ich DAS tatsächlich zu Celina gesagt habe und andererseits weil sie diese Pommesfritze-Sache ebenfalls verrückt fand. Zu der Sache mit Katja schüttelte sie nur den Kopf.
Nachdem wir endlich alles Wichtige durchgekaut hatten und eine Freundin von ihr noch zu uns stieß, begann der Abend lustig zu werden, was wahrscheinlich vor allem am Alkohol lag, weswegen wir über jeden Mist lachen mussten. Wir fuhren einige Fahrgeschäfte (meistens fuhren Lucia, Elenas Freundin, und ich alleine, weil Elena Angst hatte) und machten peinliche Dinge, wie irgendwelche Leute ansprechen und vor dem Pommesstand einige Male laut nach Michael zu rufen (er hatte sogar zu uns gesehen - und ich hoffte inständig er hatte mich nicht erkannt).
"Wenn ich Felix treffe, dann gestehe ich ihm meine Liebe und frage ihn nach einem Kuss", meinte ich irgendwann.
Elena und Lucia lachten. Sie glaubten mir nicht. Also machten wir uns auf die Suche nach Felix. Wir suchten fast eine Stunde überall nach ihm, fanden ihn aber nicht. Ich war total deprimiert. Das wäre perfekt gewesen: Gleich begann das Feuerwerk, das es immer am letzten Abend des Jahrmarktes gibt, und was wäre da schöner als die Liebes seines Lebens zu küssen? Aber ich wurde wie immer enttäuscht.
Dafür kamen zwei Jungs auf uns zu. Der eine war blond, der andere brünett. Angeblich waren sie so alt wie wir, aber sie sahen eindeutig jünger aus. Sie wollten einen Kuss von uns. Anfangs lehnten wir ab. Doch als die Beiden gehen wollten, rief ihnen Lucia hinterher, sie sollen warten. Sie blieben einen Moment stehen, dachten wahrscheinlich nach und kamen dann zu uns zurück. Lucia fragte sie, ob sie nicht mit uns das Feuerwerk ansehen möchten. Der Blonde fragte: "Kriegen wir dann einen Kuss?"
Die beiden Jungs sahen Lucia herausfordernd an. Und so ließ sie sich überreden und gab erst dem Blonden und dann dem Brünetten einen Kuss auf die Backe.

Während des Feuerwerks fragte mich der Blonde nach meiner Handynummer. Eigentlich gefiel mir der Brünette besser, aber was solls? Ich antwortete, er solle mir seine Nummer geben, dann melde ich mich bei ihm. Er schrieb mir seine Nummer ins Handy und meinte so nennen ihn seine Freunde. Als ich nachsah, wie der Typ denn heißt, musste ich mir ein Lachen verkneifen: Er hatte sich doch tatsächlich als "Stifler" eingetragen. Mir war sofort klar, dass ich mich nie bei ihm melden würde.
Es war kurz vor halb eins, als das Feuerwerk sich dem Ende neigte und wir auf unsere Busse mussten. Wir verabschiedeten uns von dem Brünetten und "Stifler" und fuhren - Elena und Lucia in ihrem und ich in meinem Bus - nach Hause.
Auf dem Weg nach Hause schwor ich mir eins: Nächstes Jahr würde ich einen Kuss von Felix kriegen. Da war ich mir zu hundert Prozent sicher.

20.2.10 12:52





» Design » Picture

Gratis bloggen bei
myblog.de