troublebreathing ♥
Kapitel 7 - Ich will keinen Zentimeter mehr zwischen uns

Ich stand mit Felix auf einer Steinbrücke und unter unseren Füßen floß das Wasser. Ich fühlte mich sicher umhüllt, von der romantischen Atmosphäre. Wir standen dort eine Weile und sahen dem treibenden Wasser zu als Felix sich in meine Richtung drehte und mich ansah. Als ich es bemerkte, trafen sich unsere Blicke und verschmolzen ineinander. Felix nahm meinen Kopf zwischen seine Hände und küsste mich so zärtlich, wie es noch kein anderer gemacht hatte. Der Kuss wurde immer intensiver…

 … Und ich wachte auf. Was für ein Traum! Nach dem Aufwachen spürte ich noch die Intensität des Traumes und mich überkam ein Gefühl des Schmerzes. Denn ich wusste ganz genau, dass es nie zu so einem Kuss zwischen Felix und mir kommen würde. Mit geöffneten Augen lag ich im Bett und ging noch einmal den Traum in meinem Kopf durch. Und ein weiteres Mal. Nein. Das war eine ziemlich blöde Idee. Ich fühlte mich immer schlechter. Und schließlich klingelte mein Wecker, der mich in die Realität zurückholte.
Es war der Tag nach unserem offenen Gespräch. Und so langsam wurde mir bewusst, was für ein seltsamer Typ Felix doch war. Es schien so, als würde er unangenehme Dinge sofort verdrängen und so tun, als wäre nie etwas gewesen.
Ich hatte echt erwartet, dass unsere Freundschaft einen Knick bekommen würde, aber es geschah eher das Gegenteil. Nach dieser "Aussprache" wurde alles noch schöner. Unsere ICQ-Gespräche wurden viel länger und fanden noch öfter als bisher statt. Ich schwebte auf Wolke 7.
Als Felix schließlich mir gegenüber seltsamer wurde und manchmal den Eindruck machte, als wollte er nicht, dass ich offline gehe, glaubte ich ein Fünkchen Liebe zwischen den Zeilen lesen zu können. Ich hatte schon die dämlichsten Tagträume von Babys und Hochzeit. Beides wollte ich ja eigentlich nie. Aber Felix brachte in meinem Kopf alles durcheinander. Er war wie ein wütender Tornado, der sämtliche Gedanken vermischte und jeweils am falschen Platz wieder absetzte.
Elena und Sarah konnten überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb ich Felix so mochte. Dauernd versuchten sie ihn mir mit unmöglich ernstgemeinten Argumenten auszureden.

Argument Nummer eins war eindeutig: "Er ist potthässlich!" Fand ich natürlich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Er war in meinen Augen einfach perfekt. Nicht mal sein pickelübersätes Gesicht störte mich. Irgendwann bestätigten dann Wissenschaftler in der BILD, dass Liebe blind macht. Aha. Litt ich also doch an Geschmacksverirrung?

Argument Nummer zwei: "Er ist der Ex deiner besten Freundin!" Na und? Nach all der Zeit und Trauer war es mein gutes Recht mein Glück trotzdem zu versuchen!

Und Argument Nummer drei: "Das wird sowieso nichts zwischen euch beiden!" Kurz und sehr schmerzvoll. Danke. Und die nennen sich Freundinnen. Aber das war mir egal. Die Hoffnung stirbt immer noch zuletzt, dachte ich mir immer.

Es war Anfang April, als ich mit meiner mittlerweile verhassten Cousine in den Film Juno ging. Kurz und knapp: Ich fand den Film wirklich echt klasse! Also schwärmte ich im ICQ Felix davon und erzählte ihm, dass ich ihn unbedingt ein zweites Mal sehen musste und auf keinen Fall warten kann, bis er auf DVD rauskommt.

Franzi: Am Besten ist natürlich wenn ich wieder am Dienstag ins Kino gehe, denn da kostets ja nur 5 € und dann habe ich für den Film insgesamt nur 10 € ausgegeben. :-)
Felix: Hast ja alles schon gut durchdacht. ;-)
Franzi: Tja, so bin ich nun mal. :-P Jetzt muss ich nur noch Celina fragen, ob sie mitkommt.
Felix: Jo, fragst sie halt.
Franzi: Scheiße! Mir fällt grad ein, dass die ja Dienstagabend immer Handballtraining hat!
Felix: Vielleicht lässt sies ja für dich ausfallen. :-)
Franzi: Glaub ich nicht. Die hat das noch nie ausfallen lassen. Das ist ihr glaub heilig oder so.
Felix: Hmm… doof.
Franzi: Mhm… jaa. Muss ich halt jemand anders fragen. Oder ich gehe allein. :-(
Felix: Alsooo… wenn du niemand anders findest, dann würde auch ich mitgehen…
Franzi: Echt? Ähm… joa. Wär cool. :-)

Und gegen Ende unserer Unterhaltung war es offiziell: Felix und ich gingen am übernächsten Dienstag zusammen ins Kino. Kurz nachdem diese Information mein tiefstes Innern erreichte, ging es los. Die Aufregung überkam mich so urplötzlich wie die Frage, was ich denn anziehen könnte. Aber kurz darauf folgte auch schon folgender Gedanke: Was ist, wenn er es bis dahin vergessen hatte? Bis zu diesem Dienstag waren es immerhin noch ganze zehn Tage. In dieser Zeit kann sich doch kein Typ merken, dass er ein Treffen mit seiner unscheinbaren Verehrerin hat. Diesen Gedanken schob ich aber schnell erstmal wieder beiseite und freute mich einfach nur auf das Treffen mit Felix.

Noch am selben Tag traf ich Celina und erzählte ihr von meinem "Date" mit Felix.
"Oh mein Gott! Wir gehen ins Kino! Wuah! Felix und ich gehen ins Kino!"
Celina sah mich fragend an: "Ähm… okay… und in welchen Film?"
"Juno…", sagte ich zögernd, wohl wissend, dass sie mit mir da rein wollte.
"Manno! Da wollte ich doch mit dir rein!"
"Ich weiß, aber ich will an 'nem Dienstag rein", war meine Antwort. "Da kostet es nämlich nur 5 €."
"Na und?"
"Ja, wie na und? Handball?"
"Hää?"
Ich fragte: "Jaa, was hää? Du hast doch Handballtraining, oder etwa nicht?"
"NEIN?!", meinte Celina aufbrausend. "Ich bin doch schon ewig nicht mehr im Handball!"
"Oh…"
Wie konnte mir das nur passieren? Aber ich wusste tatsächlich nichts davon. Celina hatte mir nie erzählt, dass sie nicht mehr im Handball war. Oder vielleicht doch? Und ich hatte mal wieder nicht richtig zugehört? Jedenfalls war sie natürlich leicht sauer auf mich, aber was sollte ich nun machen? Felix absagen? Niemals! Das war meine Chance! Jedoch habe ich es Celina versprochen. Ich versuchte nun irgendwie aus der Sache rauszukommen: "Also, du, das tut mir echt Leid. Ich wusste wirklich nicht, dass du nicht mehr im Handball bist und ich weiß auch, dass ich dir versprochen habe, mit dir da reinzugehen. Aber ich kann Felix jetzt nicht mehr absagen. Vorallem, weil ich es ehrlich gesagt auch gar nicht will", ich machte eine kurze Pause, um zu sehen, ob Celina gleich ausholte oder mir doch irgendwie verzeihen konnte. "Weißt du, ich mag Felix echt total und das ist jetzt meine Chance und ich will sie auch nutzen. Und es wäre schön, wenn du mich jetzt dabei unterstützt, so wie ich es damals bei dir getan habe."
Letzteres fiel mir urplötzlich ein und ich dachte das sei super als Argument zu gebrauchen. Und wie es zu gebrauchen war. Celinas Blick wurde weicher, sie seufzte und meinte schließlich: "Okay, ja. Du hast Recht. Wir gehen, dann halt in 'nen anderen Film."
Ich dankte ihr und umarmte sie. Dem "Date" mit Felix konnte also von meiner Seite aus nichts mehr dazwischen kommen. Von seiner jedoch schon. Ich hasse es, wenn ich Recht behalte. Aber als ich Celina am Mittwoch vor dem Treffen vorschwärmte, wie aufgeregt ich war, erzählte sie mir von ihrem Gespräch mit Felix am Vortag.
"Also, wir sind ja gestern zusammen mit dem Bus nach Hause gefahren und ich hab' ihn einfach mal so gefragt, ob er sich auf Dienstag freut…", fing Celina an. "Und er meinte halt nur so Wieso? Was ist da?"
Arschloch!
"Ich hab' gesagt, dass er doch mit dir ins Kino geht und er dann nur so Aso, ja…"
Es war wie ein Tritt ins Herz. Ich freute mich so wahnsinnig aufs Kino und der Idiot hat es schon längst wieder vergessen! Männer und auch angehende Männer sind echt Schweine!
Nachdem ich mich noch den restlichen Tag über Felix aufregte, sah ich es bereits am nächsten Tag schon etwas gelassener und sagte mir, wenn er mich am Montag nicht darauf anspricht, dann gehe ich eben mit Celina ins Kino. So einfach war das!
Naja, okay, ganz so einfach war das doch nicht, da mir im Hinterkopf natürlich immer noch der Gedanke herumschwirrte, dass Felix sich einen feuchten Dreck für mich interessierte und schon wieder bereute, mir das mit dem Kino angeboten zu haben.

Und der Verdacht wurde erhärtet, als es durch einen seltsamen Zufall am nächsten Tag, zu einer Begegnung zwischen ihm und mir kam. Am Nachmittag war ich mit meiner Mutter, mit der ich übrigens eine eher oberflächliche Beziehung führte, bei Fielmann. Fielmann. Celina wäre perfekt für die Fielmann-Werbung. Als es vor zwei Jahren hieß, dass ich eine Brille brauche, meinte sie mit todernsten Gesichtsausdruck: "Also, ich will da jetzt keine Werbung machen oder so, aber wenn ich dich wäre, würde ich meine Brille bei Fielmann kaufen! Die haben echt tolle Auswahl und einen super Service!" Ich habe ihr geglaubt. Und ich kann zwar mit gutem Gewissen behaupten, dass Fielmann wirklich toll ist und so, jedoch finden ihn, meines Erachtens, zu viele Leute genau so toll wie ich. Denn bei Fielmann ist immer viel los. Egal wann ich da hingehe. Morgens, mittags, abends. Ich würde es gerne mal nachts probieren, aber da hat er leider geschlossen. Aber wo war ich jetzt stehen geblieben? Achja, ich war mit meiner Mutter bei Fielmann. Und obwohl da immer soviel los ist, beträgt die Wartezeit nur eine halbe Stunde. So war es zumindest bis zu diesem Donnerstag. Da betrug sie über eine Stunde. War schon sehr seltsam. Ich dachte damals eigentlich, ich hätte nun super viel Glück, da ich am selben Tag einen Schornsteinfeger gesehen und sogar mit ihm gesprochen habe. Doch anscheinend muss man ihn wirklich anfassen (was ich schon irgendwie pervers finde) um Glück zu haben. Dachte ich jedenfalls. Ich irrte mich. Denn nach dieser ewig langen Stunde, musste meine Mutter noch zum Frisör und da ich keine Lust mehr hatte, sinnlos rumzusitzen, wartete ich im Media Markt auf sie.
Da stand ich also am MP3-Player-Regal und stellte entsetzt fest, dass es nur noch einen MP3-Player im Angebot gibt, der mit Batterien läuft. Ich hasse die MP3-Player, die irgendwann unterwegs den Geist aufgeben und bei denen man warten muss, bis man daheim ist, um sie wieder aufzuladen. Mit Batterien bist du einfach besser dran. Aber das ist heutzutage egal. Hauptsache alles ist flach und dementsprechend platzsparend. Ich hasse es.
Gut, ich stand also bei den MP3-Playern, als ich eine mir bekannte Stimme wahrnahm. Ich drehte  mich in die Richtung aus der die Stimme kam und sah Felix auf mein Regal zulaufen. Im Schlepptau hatte er seinen Kumpel. Oh Gott, nur nicht durchdrehen, dachte ich mir und versuchte meine innere Unruhe unter Kontrolle zu kriegen. Aber ich schaffte es nicht. Mein Herz klopfte wie wild und ich zitterte so sehr, dass ich beinahe den MP3-Player, den ich gerade in der Hand hielt, fallen ließ. Ich drehte mich noch mal in die Richtung, wo Felix vor knapp 5 Sekunden noch lief und stellte fest, dass er bereits an meinem Regal vorbei ist. Dadurch, dass ich ganz blöd hinter dem Regal stand, wurde ich von diesem verdeckt, sodass Felix mich nicht sah. Aber ich sah ihn. Und es brachte mich völlig durcheinander.
Dann war es jedoch so, als hätte er meine Blicke gespürt, denn während ich ihm nachsah, drehte er sich in meine Richtung um und - lief einfach weiter! Er musste mich gesehen haben! Wir sahen uns direkt in die Augen! Was für ein Arschloch!
Scheiß Schornsteinfeger! Hätte mir ruhig sagen können, dass ich ihn hätte anfassen müssen, wenn ich noch mehr Glück haben wollte. Dann wäre Felix bestimmt zu mir gekommen und mein Tag wäre richtig schön geworden. Aber nein. Ich hatte ja nie Glück.
Betrübt wie ich war, drehte ich noch eine Runde durch den Media Markt, in der Hoffnung einen letzten Blick auf Felix zu erhaschen. Natürlich wurde ich enttäuscht. Also machte ich mich auf den Weg zum Eingang, wo ich mich mit meiner Mutter treffen wollte.

An diesem Abend war ich ziemlich enttäuscht, weil ich ja dachte, Felix wollte mich gar nicht sehen. Warum auch immer. Jedenfalls war ich gerade mit googlen beschäftigt, als Felix online kam und mich kurze Zeit später auch schon anschrieb.

Felix: Heyho
Franzi: Hey
Felix: Na, alles klar?
Franzi: Joa.
Felix: Gut gut.
Franzi: Und, wie wars im Media Markt?
Felix: Aach, dann warst das doch du?
Franzi: Jaaa? Wegen?
Felix: Ich war mir nicht sicher, weil du eine andere Jacke an hattest, als in der Schule immer.
Franzi: Ahaa…
Felix: Ja und dann habe ich dich gesucht, aber du warst schon weg.
Franzi: Mhm…
Felix: Was hast denn im Media Markt gesucht?
Franzi: MP3-Player. Meiner ist doch kaputt.
Felix: Aso, stimmt ja. ^^
Franzi: Jopp.
Felix: Klappt das jetzt eigentlich mit Dienstag?
Franzi: Ähm, ja klar.
Felix: Cool.

Und schwupp - mir ging es wieder besser. Viel besser. Er hasste mich nicht! Und er hatte mich sogar gesucht! Aber weil ich ihn ebenfalls gesucht hatte, haben wir uns nicht gefunden. Hätte ich den Schornsteinfeger angefasst, dann wäre ich bestimmt am Regal stehengeblieben, er hätte mich gefunden, wir hätten geredet und es wäre ein wunderschöner Nachmittag gewesen. Beim nächsten Mal weiß ich es. Und auch das für Dienstag ging klar. In diesem Moment war ich so überglücklich.

3.11.09 17:57





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